23.04.09

„Bitte mit dem Chip touchen

Sie kennen das – die Klage über die Verluderung unserer Sprache. Schuld daran seien die Jugendlichen, die der Sprache nicht mehr genug Sorge tragen. Aber sind wirklich die Jugendlichen die treibende Kraft bei der Veränderung unserer Sprache? - Dieser Text erschien am Samstag 18.April in der Rubrik "Standpunkte" des Tössthalers.

Tatsächlich fallen auch mir immer wieder Veränderungen in unserer Sprache auf. Wenn unsere Tochter zum Beispiel findet, sie wisse nicht, wie „dieses Teil“ funktioniert und uns nicht klar ist, meint sie jetzt den Fotoapparat, das Ladegerät, die Fernbedienung und weiss der Kuckuck was… Die Sprache der Jugendlichen, so sagen uns die Soziologen, dient auch der Abgrenzung – sie soll also anders klingen als die Sprache der Erwachsenen und wenn die sich darüber ein bisschen ärgern – umso besser. Jüngstes Beispiel: Ein Interview mit einem Schweizer Popmusiker in der Zeitung 20Minuten: „Soeben habt ihr einen Track releast, den ihr ‚The Brownie Song’ nennt“. Oops, das tönt jetzt doch speziell und wenn ich bei Track an die drei Comic-Enten Tick, Trick und Track denke dann ist das wohl eine total falsche Fährte.

Die meisten Veränderungen in unserer Sprache kommen aber nicht von den Jugendlichen. Da gibt es ganz andere Kräfte. Die Werbung, werden jetzt viele sagen. Die ist sogar manchmal noch ganz originell – der Begriff „Figugegl“ ist heute noch bekannt und hat es sogar bis zu einem Wikpedia-Eintrag geschafft. Dort lesen wir nämlich: „Figugegl ist ein Akronym für den Werbeslogan „Fondue isch guet und git e gueti Luune“ (Schweizerdeutsch für „Fondue ist gut und gibt eine gute Laune“). Es wurde 1981 von der damaligen Schweizerischen Käseunion zur Steigerung des Käsekonsums lanciert. Die Kampagne wirkt bis heute nach und die Bedeutung des Akronyms ist in der Deutschschweiz entsprechend bekannt.“

Weniger originell finde ich die Bemühungen Dingen und Institutionen einen neuen Namen zu geben. Auch dahinter stecken oft Werbeagenturen. Wenn ich mit der S-12 in Seen ankomme dann bin ich nicht mehr an der Endstation sondern an der Endhaltestelle. Der Begriff „Endstation“ passt offenbar nicht zum Verkehrsverbund, wahrscheinlich hat jemand herausgefunden, dass dieser Begriff auch einen Beiklang hat und für vieles gebraucht wird, was nicht mit Schienen- und Busverkehr verwandt ist. Endstation. Das tönt tatsächlich endgültig… Das Abfuhrwesen der Stadt Zürich nennt sich heute nobel „Entsorgung und Recycling“ und als eine Kollege von mir in einer Sitzung mal von der „Grünstadt“ redete verstand ich nur noch Bahnhof bis er mir erklärte, damit sei das ehemalige Gartenbauamt gemeint. Aha. Natürlich darf jedes Amt sich so nennen, wie es mag, respektive wie irgendwelche teuer bezahlten Medienagenturen vorgeschlagen haben. Aber mir stinkt das trotzdem.

Wenig Verständnis hab ich auch für Erziehungsbemühungen im Zug der Politischen Korrektheit – „Political Correctness“. Ein ziemlich überflüssiger Import aus den USA. Das europäische Parlament hat nun dazu sogar einen Leitfaden verfasst, also ob es nicht genug andere Probleme gäbe: Demnach gibt es bald keine Fahrer mehr sondern nur noch „fahrendes Personal“. Der Polizist wird dann zur „Polizeikraft“ und der Lehrer zur „Lehrkaft“. Erinnert mich daran, dass in der Schweiz vor einigen Jahren der Begriff der Soldaten abgeschafft und durch das Wort „Armeedienstangehöriger“ ersetzt wurde. Bei Radio DRS, wo die Seuche der Politischen Korrektheit besonders garstig wütete, schaffte es eine Journalistin mal von „Krankenschwesterin“ zu reden. Gratulation, eine wirklich gelungene Wortschöpfung. Kreativ und hundert Prozent politisch korrekt!

Zurück nochmals zum Begriff der „Verluderung“. Verludern ist ein anderes Wort für Verwahrlosen, der Übergang von einem einst geordneten in einen ungeordneten, chaotischen Zustand. Eine romantische Vision, denn weder die Welt noch die Sprache waren jemals „in Ordnung“ oder in einem „geordneten Zustand“. Früher, so wissen die Realisten, war die Welt nicht besser, höchstens anders.

Sprache ist – so sagen uns die Kulturwissenschafter – nicht nur die Beschreibung der Wirklichkeit, sondern auch ein Versuch, diese Wirklichkeit zu schaffen oder sie nach unseren Wünschen zu modellieren. Ein Beispiel dafür: Offenbar ist in der Psychiatrie die Behandlungsmethode des Elektroschocks – man denkt mit Schaudern an Filme wie „Einer flog übers Kuckucks-Nest“ – wieder zu Ehren gekommen. Um die alten Erinnerungen nicht mehr zu beschwören hat man den Namen der Behandlungsmethode etwas modifiziert und spricht jetzt nicht mehr von Elektroschock sondern von Elektrokrampf-Therapie. Voilà – eine saubere Sache. So räumt man auf mit unbequemen Erinnerungen.

Zum Gipfel der Gedankenlosigkeit gehört für mich aber die Beschriftung beim Drehkreuz für die Zutrittskontrolle in meinem Fitnesszentrum in Winterthur. Ich muss dort ein blaues Plastikarmband mit einem Metallknopf tragen um zu passieren. Und was steht auf dem Drehkreuz geschrieben? – „Bitte mit dem Chip touchen“. Voll krass!

Posted by dominik at 18:22 | Comments (0)

13.12.08

Auf den Mond schiessen

So kurz vor Weihnachten und nur wenige Tage nach der glorreichen Wahl von Ueli - auch er stammt aus dem Zürcher Oberland - erscheint im Tössthaler meine Kolumne "Auf den Mond schiessen".

Die Weihnachtszeit ist anstrengend. Alle reden von Liebe. Was machen wir mit jenen Menschen, die uns nerven in dieser heiligen Zeit? – Hier mein Vorschlag: Wir schiessen sie auf den Mond. Technisch kein Problem mehr, seitdem Wernher von Braun in den 20er Jahren am Tegeler See in Berlin seine Rakete hat steigen lassen.
Und wer macht den Anfang? – Hier meine persönlichen Favoriten: Herr Locher und Herr Brauer, dazu den PR-Laferi aus Zürich, ja genau den Herrn Rülpser. Auch die Flughafen-Rita, die schiessen wir auch auf den Mond. Den Papst und last but not least Mister W von ennet dem Teich. Auch Minister Steinknacker wäre ein Kandidat. Dazu noch ein paar private Favoriten, deren Namen ich hier nicht enthülle.

Der Flug vergeht reibungslos und schnell und schon bald sind diese Herrschaften als Gruppe mit Dame auf dem Mond angekommen. Lassen wir sie auf der hellen Vorderseite, dann können sie auch hin und wieder auf den blauen Planeten runterschauen. Meine erste Frage: Sind sie dort allein? – Oder treffen sie dort auf andere. Zum Beispiel auf den kleingewachsenen Österreicher oder den Georgier mit dem buschigen Schnauz. Blödsinn, die sind nicht dort, die sind in der Hölle und dort gehören sie auch hin. Mond und Hölle sind nicht dasselbe. Den Mond gibt’s – die Hölle, naja, da bin ich leider nicht so sicher. Man soll die Dinge nicht durcheinander bringen.

Auch wenn sie jetzt weit weg sind, neugierig bin ich schon, was sie dort miteinander anfangen. Beginnen wir doch mit der Flughafen Rita. Für sie sieht es schon ziemlich öd aus. Es landen einfach zu wenig Flugzeuge dort, zudem kommen sie nicht von Süden, Norden oder Osten, sondern schlicht von oben. Vielleicht wäre das ein Lösungsansatz? Senkrechtstarter. Das solls doch geben. – Gespannt bin ich natürlich auch was Locher und Brauer auf dem Mond treiben. Genau, sie denken aus sicherer Distanz über Ausländer nach. Davon gibt’s auf dem Mond bestimmt nicht jede Menge. Bleiben die grünen Männlein vom Mars, dazu ET und ein paar weitere Aliens aus dem Weltall. Jetzt hör ich eben von einem Konflikt. Locher will unbedingt Chef spielen: „Ich hab am meisten Erfahrung als Unternehmer und Politiker“. Der Mann im Mond nimmt es gelassen: „Trink dieses Mond-Bier, dann geht der Anfall schnell vorbei“.

Und der Papst? – Auch für ihn gibt’s nicht allzu viel zu tun. Homosexualität und Abtreibung sind (noch) kein Thema. Dafür findet er schnell einen Draht mit dem Mann im Mond. Der freut sich zuerst über die Gesellschaft und sagt traurig, seit dem Lied der Popgruppe „Die Prinzen“,hätte niemand mehr an ihn gedacht. Ja sie wissen schon, das Lied mit dem Refrain“ Manchmal wird der Mann im Mond für seinen treuen Dienst belohnt. Und wenn du ihn ganz lieb anschaust dann holt er die Laterne raus.“ Minister Steinknacker versteht immer noch keinen Spass: „Bin sicher, hier verstecken sich jede Menge Steuerflüchtlinge“, knurrt er.

Dafür hat der Mann im Mond eine Idee, wie die Gruppe wieder zurück auf die Erde kommt. „– ihr habt ja keine Ahnung, was da alles rumfliegt neben Euren Mondraketen. Ich hab einen Freund im Tösstal, den Billy Meier, der kennt sich mit sowas aus“. Und so kommt es denn, dass in den frühen Morgenstunden, wenige Tage vor Weihnachten, am Sitzberg ein helles Licht aufleuchtet, das nur ein paar Füchse und Rehe sehen. Dann gibt’s Kaffee und Gipfeli bei Billy Meier, der ein etwas enttäuscht aussieht. „Ich habe mir die Ausserirdischen ein bisschen anders vorgestellt“.

Billy Meier lädt den Verein in seinen Offroader – auf dem Sitzberg liegt nämlich schon über ein Meter Schnee – und bringt sie in Rämismühle auf den Sechsuhr-Zug nach Winterthur. Nur der Papst fällt ein bisschen auf. Aber so richtig hinschauen tut keiner: „Halt wieder so einer, der jetzt als Weihnachtsmann herumläuft“, denken die Leute.
Keiner schaut ihnen nach. Und so sind sie alle wohlbehalten wieder da vor Weihnachten und wir müssen weiter mit ihnen leben.


Download Standpunkt vom 13.12.08 als PDF

Posted by dominik at 17:09 | Comments (0)

14.09.08

Hurra ein neues AKW - Gedanken zum Thema Energie

Um es gleich vorweg zu nehmen: Die Welt wird nicht untergehen, wenn die Schweiz ein neues Atomkraftewerk baut. Und die Welt retten wird ein Verzicht auch nicht. Trotzdem: Die Vorstellung, dass nur neue AKW's unser Energie-Problem lösen können, scheint mir etwas mutlos. Mutlos für ein derart reiches Land wie die Schweiz...

Rund 440 AKW’s gibt es heute auf dem ganzen Globus. Nicht wenige davon in Europa, vor allem in Frankreich, das 80 Prozent seines Stroms mit Atomkraft herstellt. Und seitdem das Öl knapp geworden ist, wird offenbar weltweit auf Teufel komm raus geplant: Schon bald könnten es über 1000 sein.

Die Frage ist aber erlaubt: Muss das auch bei uns sein? – Geht es wirklich nicht ohne? – Hat es sich denn nicht herumgesprochen, dass Atomstrom den einen oder anderen Nachteil hat. Bizarr ist etwa die Frage, wie wir unseren Nachkommen mitteilen, dass das Endlager vielleicht auch in zehntausend Jahren noch strahlt. Immerhin ist das eine intellektuelle Herausforderung. Vielleicht ist die Sorge unnötig und bis in zehntausend Jahren gibt’s nur noch Käfer. Insekten sind bekanntlich gegen Radioaktivität resistent.

In der Öffentlichkeit wirft die Frage noch keine allzu hohen Wellen. Da gibt’s mal die Gefälligkeits-Reportagen über Gösgen, Leibstadt und Mühelberg wo uns liebenswürdige Bauern und Hausfrauen erzählen, wie toll und ruhig das benachbarte Atomkraftwerk sei. Ich glaub das gerne. Manchmal erzählt dann auch noch der Gemeindepräsident, wie viel Geld die Gemeinde vom Betreiber jedes Jahr erhält und wie toll die Arbeitsplätze da sein. Sorry, aber da muss ich einfach immer an die Trickfilmfigur Homer Simpson denken, der ewige Verlierer arbeitet doch im Kontrollraum eines Atomkraftwerks. Und irgendwie hat für mich Atomkraft ein Verlierer- Image: Gross, riskant und schwer zu kontrollieren. Technologie von vorgestern.

In der Diskussion taucht oft der Begriff Versorgungslücke auf. Tönt bedrohlich und erinnert irgendwie an eine Zahnlücke. Saublöd, wenn wir in Zukunft nicht genug Energie haben. Da steht dann alles auf dem Spiel: Allen voran unsere wirtschaftliche Zukunft und unsere Arbeitsplätze. Dann schon lieber ein Atomkraftwerk. Dabei ist doch dieses Argument ziemlich durchsichtig. Es tönt für mich fast wie eine Erpressung.

Die Art und Weise der Argumentation kommt mir irgendwie bekannt vor: Wie war das beim Flughafen? – Wenn wir kein neues Terminal bauen, dann verliert der Flughafen seine Bedeutung und wir bald unsere Arbeit und unseren Wohlstand... Und was geschah dann: Als das neue Terminal fertig gebaut war, musste eines der beiden alten still gelegt werden. Ist ja richtig toll. Noch vor einigen Wochen wälzte der Flughafen fette Ausbaupläne. Daraus wird wohl mangels Nachfrage vorläufig nichts. Die hohen Erdölpreise haben auch ihr Gutes. Ganz ähnlich tönte es in den 90er Jahren in den Schulen: Wenn nicht sofort alle Klassenzimmer mit Computern ausgerüstet würden, verlieren wir den Anschluss. Den Anschluss verlieren – der Schweizer Albtraum par excellence und ergo das absolute Killer-Argument. Warum fragte damals niemand wie es mit dem Lesen bestellt ist?

Zurück zur Atomdiskussion. Es gibt tausend andere Möglichkeiten, wie wir das Energie-Problem lösen können, falls es denn eines ist… alte und neue Ideen gibt’s zuhauf. Und sicher wäre hier Innovation gefragt, um eines der Lieblingsworte von Wirtschaftsführern und Politikern zu benutzen. Ich habe nicht die geringsten Zweifel, dass wir die Sache mit der Energie packen können. Auch ohne Atomstrom. Und ein bisschen Knappheit kann nicht schaden: Es hilft beim Denken…

Der Text erschien am 22.August 2008 im Tösstaler unter der Rubrik "Standpunkt"

Posted by dominik at 17:01 | Comments (0)

09.12.07

Werum syt Ihr so trurig: Gedanken zur Weihnachtszeit

Es war in den frühen Siebzigerjahren als ich zum ersten Mal mit den Liedern von Mani Matter in Berührung kam. Wir hörten sie uns immer und immer wieder an, die Platten mit diesen hintersinnigen Texten, die so harmlos daher kamen und gar nicht harmlos waren.

Das Lied von Mani Matter hat mich zur Weihnachtskolumne im Tössthaler inspiriert, die am Samstag 8.Dezember 2007 erschienen ist.

Download Artikel als pdf

Posted by dominik at 09:34 | Comments (0)

13.04.07

Ein Atomkraftwerk für das Tösstal!

herbstmorgen_002.jpg Das Tösstal hat ein Imageproblem, das schleckt nicht einmal die SVP-Geiss Zottel weg. Zuerst waren es die Messingkäfer ? ein ganz gemeiner Schädling, der angeblich eine ganze Fabrik unbrauchbar gemacht hat. Dann gibt?s seit einigen Jahrhunderten Probleme mit den Stündelern, die sich hier offenbar bevorzugt einnisten. Neuerdings machen Kokainfunde im Durchgangsheim für Asylbewerber von sich reden. Nur wenig Gemeinde haben so viel Sozialhilfe-Empfänger wie die Tösstaler Gemeinde? Kurz und bündig: Wir haben ein Problem. Schon der Zürcher Stapi Sigi Widmer wusste: Die Medien schreiben zu viel Negatives. Und das geht nicht weiter so. Was bleibt einem anders übrig, als einen Berater zu befragen. Wir gehen gleich zum Besten nämlich zum Zürcher Star-Berater John B. Rülpser ? bekannt aus Funk und Fernsehen.

Tössthaler: Ähhm. Tschuldigung die Störung. Dürfen wir sie was fragen:
Rülpser: Fragen darf jeder. Kommt drauf an ob sie eine Antwort wollen. Zuerst aber: Was zahlen sie überhaupt!
Tössthaler: Sorry, wir haben kein Geld. Das ist ja ein Teil unseres Problems. Wir sind schon im kantonalen Finanzausgleich und da können wir uns keine Extra-Ausgaben leisten. Die würde der Regierungsrat glatt aus der Rechnung streichen. Vielleicht machen sie ja auch mal eine Gratis-Beratung. Sie können so was sicher von den Steuern absetzen?
Rülpser: Tja, da bleibt mir ja nichts Anderes übrig. (rülpst laut und vernehmlich).
Tössthaler: Wie sie ja wissen haben wir im Tösstal ein Imageproblem. Und wenn das nicht wäre?
Rülpser: Imageproblem. Ist doch egal. Schon Tucholsky hat gesagt: ?Ist der Ruf erst ruiniert, dann lebt es sich ganz ungeniert?. Schauen sie doch die Stadt Zürich an: Die hat fast ebenso viele Sozialhilfe-Bezüger pro Kopf wie sie, dazu noch die höchste Rate an Wirtschaftskriminellen und die unanständigsten Preise für Wohnen und Essen. Und trotzdem wird sie Jahr für Jahr zur Stadt mit der höchsten Lebensqualität der Welt gewählt.
Tösstaler: Dann könnten die das nächste Mal ja uns wählen? Die Wirtschaftskriminellen, sind doch auch ihre Kunden, oder?
Rülpser: Frech müssen sie nicht werden, auch wenn sie nicht bezahlen können. Und über meine Kunden rede ich nicht.
Tösstaler: Sorry, ich hab sie unterbrochen. Uns stinkt?s trotzdem, wir möchten etwas tun. Was schlagen sie vor
Rülpser: Lassen sie ein Atomkraftwerk in ihrem Tal bauen. Dann werden erst recht alle vom Tösstal reden.
Tösstaler: Sie sind von allen guten Geistern verlassen. Meinen sie das ernst?
Rülpser: Die Frage ist nicht, ob ich das ernst meine oder nicht. Die Frage ist, ob so was funktioniert.
Tösstaler: Das müssen sie erklären
Rülpser: Die Oberwalliser Gemeinde Oberwil war vor 50 Jahren die erste Gemeinde in der Schweiz, die das Frauenstimmrecht einführte. Meinen sie, die konservativen Oberwalliser hätten plötzlich Kreide gefressen? Sie waren nur klug und dachten sich: Das Frauenstimmrecht kommt wohl früher oder später, wenn wir aber die ersten sind, dann reden alle von uns und das beflügelt den Tourismus. Und schauen sie, es hat funktioniert: Die Gemeinde ist in die Geschichte eingegangen?
Tössthaler: Leuchtet mir ein, aber wenn ich das öffentlich schreibe, dann werde ich geköpft, vor allem von der Kupfer-Wolle-Bast-Fraktion, die hier stark ist?
Rülpser: Politiker und Journalisten brauchen ein dickes Fell. Seien sie mal nicht so wehleidig.
Tössthaler: Aber einen Kühlturm in unserem engen Tal, das kann ich mir jetzt wirklich nicht vorstellen. Und das wenige Wasser in der Töss, das würde unmöglich reichen?
Rülpser: Nicht so schnell. Das könnte eine Machbarkeits-Studie klären. Das hält die Diskussion jahrzehntelang warm. Schauen sie nur das Theater um das Endlager für radioaktive Abfälle in der Schweiz an. Ein Riesengestürm mit einem Resultat: Heute wissen alle wo der Wellenberg ist.
Tössthaler: Trotzdem. Ein Atomkraftwerk im Tösstal. Das ist doch etwas platt.
Rülpser: Mit etwas Phantasie wird das ganz schön. Sie könnten zum Beispiel einen grossen Architekten mit der Gestaltung beauftragen: Calatrava zum Beispiel, der hat die Bunker-Unterführung im Zürcher Bahnhof Stadelhofen gebaut. Libeskind, der macht nicht nur die neuen Türme von New York sondern ein Einkaufszentrum oder Botta, der baut alles, egal ob Museum, Kirche oder Einfamilienhaus. So könnte das Tösstal zur Pilgerstätte für Architektur-Fans werden.
Tössthaler: Gut. Was könnten sie sonst noch im Rahmen ihrer Gratis-Beratung für uns tun?
Rülpser: Ich hätte da noch eine Idee ? eine Resozialisierungs-Einrichtung für abzockende Manager.
Tössthaler: ?die könnten wir dann wieder aus ihrem Kundenkreis rekrutieren. Das ist wieder so eine Schnapsidee.
Rülpser: Jetzt hören sie doch einfach zu. Es gibt doch auf dem Sitzberg diese ehemalige Raketen-Abschuss-Station. Schön abgelegen und weit weg von Börse und Internet?dort könnten so eine Resozialisierungs-Einrichtung eingerichtet werden.
Tössthaler: Und dort sollen dann Vasella und Ospel Kurse geben?
Rülpser: Sie müssen ja nicht gleich mit den hoffnungslosen Fällen anfangen. Nehmen sie zum Beispiel diesen Thomas Limberger. Der verzichtet freiwillig auf einen Teil seines Lohns und nimmt statt 23 nur 7 Millionen Franken. Ihn könnten sie zum Beispiel als ersten Lehrbeauftagten engagieren.
Tössthaler: Edel sei der Mensch, hilfreich und gut?. Und was sollen die tun?
Rülpser: Durch einfache Aufgaben in Familien und Gemeinde werden diese Leute wieder langsam an das normale Leben herangeführt. Wanderwege bauen, Fluss putzen, aber auch Fremdsprachen unterrichten und hin und wieder ähnlich wie bei einem Sprachaufenthalt auch ganz normale Familien besuchen und ihren Alltag teilen?
Tössthaler: Was ist wenn die Manager wegen des Fluglärms nicht schlafen können und beginnen, mit den übrig gebliebenen Raketen auf die Flugzeuge zu schiessen?
Rülpser: Das werden die nicht tun. Denn an der Goldküste lärmt?s ja wegen den Südanflügen genauso.
Tössthaler: Fragt sich wie lange noch. Und für die Kinder besteht keine Gefahr? Rülpser: Man könnte die Frage auch umgekehrt stellen: Wer garantiert, dass die Abzocker nicht weg gemobbt werden. Eine Portion Feingefühl gehört da wohl schon dazu?
Tössthaler: Ich weiss nicht ? aber ihre Zeit ist jetzt wohl um. Danke jedenfalls mal für ihre Ideen!

Erschienen im Tössthaler vom Samstag 14. April 2007

Posted by dominik at 22:35 | Comments (0)

02.08.06

Baulärm im Tösstal

Im Tösstal wird gegenwärtig gebaut. Viel gebaut. Und das geht nicht ohne Lärm. ? Zum Beispiel 30 Meter vor unserem Haus gleich an der Tösstalstrasse. Da baut der Kanton am Strassenbelag. Zwei temporäre Rotlichter erzeugen Warteschlangen, Lärm und Abgase und irgendwo gibt?s eine ebenso temporäre Schwelle. Holterdipolter, je grösser das Auto desto grösser der Lärm, am meisten rumpelt es bei LKW's. Etwas weiter unten wird an einer monumentalen neuen Brücke über die Töss gearbeitet, sie soll einmal den altersschwachen Übergang bei der Au ersetzen. Sicher sinnvoll. Angesichts der umfangreichen Bauarbeiten frage ich mich aber: Musste das wirklich sein

STANDPUNKTE 6.August 2006
Baulärm im Tösstal

Aber um diesen Lärm geht?s mir eigentlich nur am Rande. Denn wir spüren noch einen ganz anderen Lärm. Vor einigen Monaten ? mitten in diesem langen Winter ? klingelt es an unserer Türe. Draussen steht ein Mann der triumphierend verkündet: So, jetzt ist dann Schluss mit Eurer Aussicht: Jetzt wird gebaut. Vierstöckig. Auf wiedersehen. Hoppla, haben wir gedacht. Und: Anstand ist die Tugend der Könige. Aber allzu ernst nahmen wir die Sache nicht, schliesslich hatten schon einige andere Bauherren zuvor ihr Glück auf diesem Grundstück versucht - mit Häusern aller Art. Kein Mensch wollte kaufen, kein Wunder, gleich an der lärmigen Strasse. Dann verkaufte der Besitzer das Land für 250 Franken den Quadratmeter. So konnte man es jedenfalls auf einem auffälligen Transparent lesen.

Vor zwei Wochen machten sich Bauarbeiter auf dem Nachbargrundstück zu schaffen. Und steckten einen riesigen Bau aus ? mit Türmen, die in den Himmel ragen. Mindestens aus unserer Sicht: Wenn der kommt ist tatsächlich nix mehr mit Sonne. Oder fast nix mehr. Die Arbeit muss anstrengend gewesen sein, so hohe Stangen hat hier wohl noch keiner gesehen. Und weil es so anstrengend war, pisste der Arbeiter zum Schluss noch in unseren Garten, äxgüsi, an den Gartenzaun. War ja niemand zuhause, so glaubte er, und überhaupt, fertig mit der Aussicht, also kann man auch an den Gartenzaun pissen.

Die hohen Stangen wiederum erinnern uns an andere Hochbauten im Dorf. An Michael Jackson, der als aufblasbare Gummipuppe oder so ähnlich eine Zeitlang das Hotel Rössli alias Hotel Ibiza verschönerte. Das sorgte für so viel Aufmerksamkeit, dass sich sogar ein japanisches Touristenpaar davor fotografieren liess. Ob die wussten, dass das Hotel Rössli alias Hotel Ibizia ein Bordell ist? ? Egal, das weiss zuhause in Japan auch keiner.

Ein anderer Hochbau in unserer Nachbarschaft ist ein überdimensioniertes Holzkreuz. Mich erinnert es immer an den Klu-Klux-Klan, besonders wenn es nachts erleuchtet ist.

Zurück zum Platz mit dem Baugespann. Vor nicht allzu langer Zeit war da mal eine Wiese mit einem blühenden Blumen- und Gemüsegarten drin. Dann kam das erste Bauprojekt: Garten und Blumen, von einem alten Mann über Jahre liebevoll gepflegt, wurden über Nacht platt gemacht. Wiese und Blumen verschwanden, der Humus wurde auf Lastwagen verladen und wegekarrt. Übrig blieb eine öde Kieslandschaft. Aber dann hatte Luigi mit seiner Taxi-Pizza.seinen Auftritt und sorgte für einen kleinen Höhepunkt auf dem tristen Kiesplatz. Sehr zum Vergnügen unserer Kinder, die ihr Sackgeld sofort in Pizzas investierten und uns damit erpressten. Wenn es nicht bald was zu futtern gibt bestell ich mir ein Pizza?.Luigi wollte bleiben, was ihm die Behörden nicht gestatteten und auch wir angesichts der zu erwartenden Begleiterscheinungen wie pissende Gäste (siehe oben) befürchteten. Kurzes Aufatmen war angesagt. Dann war wieder Ruhe. Im Herbst sammelte sich das Wasser auf dem Platz und im Winter gefror es. Und einmal fuhr nachts ein Auto in den Gartenzaun an der Tösstalstrasse und am nächsten Tag fragte die Polizei, ob jemand etwas gesehen hatte?.

Um die nächste Ecke bei unserem Haus war früher eine noch grössere Wiese mit einem mächtigen Kastanienbaum. Die Kastanien fielen im Herbst holterdipolter runter und landeten manchmal auf unserem Laternenparkplatz, sprich auf dem Auto, das jedes Jahr ein paar Dellen mehr hatte. Uns störten die Kastanien-Dellen nicht. Damit war dann vor einigen Jahren auch Schluss. Dafür gibt?s dort heute 32 Reihen-Einfamilienhäuser. Ach ja ? beim Bauen entstand fast keinen Lärm, weil schnell gebaut wurde. Auf ein solides Fundament aus Bauschutt. Darüber dann wieder Humus.

32 Reihen-Einfamilienhäuser: Verdichtetes Bauen. Auch vor unserer Nase, Sie wissen ja schon. Darüber haben wir wahrscheinlich auch mal abgestimmt. Viergeschossig, schliesslich macht das ja an der Strasse nix.

Ach ja, noch etwas: Ein viergeschossiger Riegel mit einem paar turmartigen Liftschächten vor der Nase hält den Lärm prima ab und sorgt im Sommer für kühlenden Schatten. Vielleicht sollten wir die Sache so sehen?.


Der Beitrag erschien im "Toessthaler" vom 2.August 2006

Posted by dominik at 21:54 | Comments (0)

02.04.06

Auf dem Rücken des Walfischs

Die 700seitige Familiensage "Melnitz" von Charles Lewinsky hat mich beim Schreiben der Kolumne "Mein Standpunkt" im Tössthaler vom 1.April 2006 inspiriert.

?Hinschauen und Nachfragen? heisst ein neues Schulbuch, das in diesen Tagen erschienen ist. Es beschäftigt sich mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und speziell mit den Resultaten des Bergier - Berichtes. Die SVP hatte die Publikation dieses Buches schon während der Vorarbeiten kritisiert und bekämpft und äusssert sich auch jetzt entsprechend negativ. Das ist ganz gut so. Die heftige Reaktion gerade aus diesen Kreisen zeigt, dass das Thema offenbar auch heute noch kontrovers ist und solche Kontroversen gehören in die Schulstube. Mir persönlich sind solche Reaktionen lieber als gleichgültiges Schulterzucken. Keine Angst. Ich teile die Meinung der SVP nicht.

Ich werde mir bei Gelegenheit ein Exemplar des Buches besorgen. Es gehört in meiner Bibliothek neben die Biografie des St. Galler Polizeihauptmannes Paul Grüninger, der Hunderten, vielleicht Tausenden von Juden aus dem benachbarten Deutschland zur illegalen Einreise in die Schweiz verhalf. 1940 wurde er dafür vom Dienst suspendiert und verurteilt. Erst 1993 ? fast 50 Jahre nach Ende des Krieges! - hat ihn die St.Galler Regierung rehabilitiert. In St.Gallen, Stuttgart und Zürich gibt es Strassen, die nach ihm getauft wurden. In Wien sogar eine Schule!

Wo liegt die historische Wahrheit? ? In den Erinnerungen der Aktivdienstgeneration, in den Analysen der Historiker? ? Tatsache ist, dass jede Generation die Geschichte in der Auseinandersetzung wieder neu und anders beurteilt. Wer sich für Geschichte interessiert, muss sich auch für die Geschichten interessieren und manchmal sind Schriftsteller nicht nur gute Geschichtenerzähler sondern auch gute Geschichts-Vermittler.

Mit atemloser Spannung habe ich in diesen Tagen den Roman ?Melnitz? des Zürcher Schriftstellers Charles Lewinksy gelesen. Lewinksky erzählt die Geschichte einiger Familien aus dem aargauischen Lengnau ? dem einzigen Ort in der Schweiz, wo sich im 18. und 19.Jahrhundert Juden niederlassen durften. Erst 1874 erhielten die Schweizer Juden Niederlassungsfreiheit die vollen Bürgerrechte ? und genau in jener Zeit beginnt die Geschichte der Familie Meijer. Wir erleben ein Stück Schweizer Geschichte, die zwar erfunden, aber trotzdem wahr ist. Janki Meijer, ein entfernter Verwandter stürzt mit einem blutigen Verband am Kopf in die Stube und damit beginnt eine Geschichte über fast 800 Seiten und fünf Generationen. Sein Verband war eine Finte, um sein Geld sicher heim zu bringen. Zwei Weltkriege durchleben die Familien in diesem Buch. Der Holocaust, der Massenmord an den sechs Millionen europäischer Juden ist beklemmend präsent, als von der nach Deutschland ausgewanderten Familie von Ruben Kamionker plötzlich kein Lebenszeichen mehr kommt ? Telefonanrufe führen ins Leere. Eine unterbrochene Telefonleitung aus der sicheren Schweiz?. Keine Anklage. Nur eine beklemmende Schilderung.

Und immer, wenn es allen gut geht, meldet sich ein Gespenst. Der verstorbene Onkel Melnitz. Er ist ein Skeptiker. Hier habe ich gegen Schluss des Buches ein Bild gefunden, das kaum besser die Schweiz in jenen Tagen beschreibt:
"Das Erzählen machte ihn lebendig. Neue Geschichten hatte er mitgebracht, viele neue Geschichten, jede einzelne so tödlich lebendig, dass die alten dagegen verblassten. In der modernen Zeit wird alles größer und besser und effizienter. Sechs Millionen neue Geschichten, ein dickes Buch, aus dem man eine Generation lang würde vorlesen können, ohne sich ein einziges Mal zu wiederholen. Geschichten, die nicht zu glauben waren, schon gar nicht hier in der Schweiz, wo man all die Jahre auf einer Insel gelebt hatte, auf trockenem Boden mitten in der Überschwemmung. Geschichten, die nicht in die Köpfe wollten, nicht hier, wo die Vorräte nie ausgegangen waren. Man hatte zum Kochen sein Feuer angezündet und nicht gemerkt, dass man es auf dem Rücken eines Riesenfisches tat, der sich nur einmal im Wasser wälzen musste oder mit den Flossen schlagen, und schon war man erdrückt und erstickt und ertrunken. Man hatte es nicht gewusst, hier in der Schweiz. Man erfuhr es erst jetzt und hätte es lieber nie erfahren."

Schweizer Geschichte aus der Sicht einer Minderheit, zu deren Geschichte die ständige Bedrohung gehört. Ein klein bisschen Angst ist immer da; zahlreich sind im Roman Melnitz die kleinen Geschichten, die den handelnden Figuren immer wieder zeigen, dass sie doch anders sind, nicht dazu gehören. Und damit verbunden die Angst: Es könnte wieder anders werden?. Die Sicherheit, die wir heute empfinden, könnte eine trügerische sein. Eine Idee, die mich nachdenklich werden lässt. Solidarität, Demokratie, Toleranz ? Werte, die uns selbstverständlich scheinen, sind es vielleicht doch nicht, müssen immer wieder neu erarbeitet, manchmal auch erkämpft werden.

Ein Gedanke hat sich beim Lesen dieses wunderbaren Buches bei mir festgesetzt: Es gibt in der Schweiz eine Tradition der Toleranz ? es gibt aber auch das Gegenteil davon. Es gibt eine Tradition der Grosszügigkeit ? und des Geizes. Das gilt in materiellen aber auch in religiösen Dingen. Das Glas ist entweder halb voll oder halb leer. Ich habe mit für die erste Variante entschieden: Unser Glas ist halb voll. Religiöse Toleranz und Respekt haben Tradition und diese müssen wir weiter pflegen und entwickeln.

Download Text als PDF

Posted by dominik at 11:45 | Comments (0)