26.11.08
Mit Stasiuk unterwegs nach Babadag
Wintermorgen aus dem behaglichen Zugsabteil - draussen liegt Schnee, das Thermometer zeigte am frühen Morgen -8 Grad. Leichter Nebel liegt über der Landschaft zwischen Winterthur und Zürich. Zum zweiten Mal bin ich mit Andrjej Stasiuk unterwegs nach Babadag. Und bleibe schon nach 2 Seiten bei einem seiner Bilder hängen.
"Wir waren nach Nagykallo gekommen, weil hier unserem Reiseführer zufolge „am Endes des langen und gespenstisch leeren Platzes“ ein psychiatrisches Krankenhaus stehen sollte. Ich dachte, das könnte eine Metapher für den Osten Europas sein, die körperliche Gestalt angenommen hat. Die Vorstellung suggerierte das Bild eines grossen, staubigen Platzes, den verfallene Häuser säumten. Über den Platz ziehen von Zeit zu Zeit Truppen in verschiedensten Uniformen, die jedoch nie länger bleiben, als Raub und Vergewaltigung das erforderlich machen. Dann ziehen sie ab, und der heisse Staub der Ebene verhüllt die Reiter gleich wieder. Aus den Fenstern des Spitals blicken ihnen die Irren sehnsüchtig nach, weil in diesen östlichen Regionen die Staatsmacht, die Gewalt und der Wahnsinns schon immer miteinander lebten, in einer Verbindung, die einem Konkubinat gleicht, manchmal auch einer Ehe."
Andrzej Stasiuk: Unterwegs nach Babadag. Im Kapitel: Beschreibung einer Reise über Ostungarn in die Ukraine. Frankfurt 2005. Suhrkamp. S.59
Posted by dominik at 11:22 | Comments (0)
03.08.08
Andrzej Stasiuk oder die Sehnsucht nach Europas Osten
Lektüre von Andrzej Stasiuks Buch "Unterwegs nach Babadag". Kein eigentliches Reisebuch - und doch viel mehr. Es gibt so etwas, wie die Sehnsucht nach dem Osten. Manchmal verdichtet sich seine ohnehin schon metaphernreiche Sprache und erreicht darin eine ganz neue Qualität. Einige Beispiele, die mir aufgefallen sind.
"Ich möchte an all den Orten begraben werden, an denen ich war und noch sein werde. Der Kopf zwischen den grünen Hügeln von Zemplén, das Herz irgendwo in Siebenbürgen, daie rechte Hand in den Bergen Cornohora, die linke in Spisska Belà in der Zips, die Sehkraft in der Bukowina, der Geruschssin in Rasinari, die Gedanken vielleicht irgendwo hier in der Nähe. "
S.7
"Wir waren in Nagykàllo angekommen, weil hier unserem Reiseführer zufolge, "am Endes des langen und gespentisch leeren Platzes" ein psychiatrisches Krankenhaus stehen sollte. Ich dachte, das könnte eine Metapher für den Osten Europas sein, die körperlische Gestalt angenommen hat. Die Vorstellung suggerierte das Bild eines grossen, staubigen Platzes, den verfallene Häuser säumen. Über den Platz ziehen von Zeit zu Zeit Truppenverbände in verschiedensten Uniformen, die jedoch nie länger bleiben, als Raub und Vergewaltigung as erforderlich machen. Dann ziehen sie ab, und der heisse Staub der Ebene verhüllt die Reiter gleich wieder. Aus den Fensterns des Spitals blicken ihnen die Irren sensüchtig nach, weil in diesen östlichen Regionen die Staatsmacht, die Gewalt und der Wahnsinn schon immer miteinander lebten, in einer Verbindung, die einem Konkubinat gleicht, manchmal auch einer legalen Ehe..."
S. 59
"Maschinen sind wie Zombies. Sie nähren sich von unserem Verlangen nach Dingen, von unserer Gier und unserem Wunsch nach irdischer Unsterblichkeit. Sie leben so lange, wie sie gebraucht werden. Kaum lassen wir sie aus den Augen, beginnen sie sofort zu zerfallen, bekommen panische Angst oder verrecken wie Vamprie, denen das Blut fehlt. Nur wenige erfahren die Gnade eines sanften Alters. Wie die Fähre in Tiszatardos: eine knarrende, von einem kleinen alten Dieselmotor angetriebene Holzplattform, die langsam die grüne Strömung der Theiss bezwang."
S.82
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15.06.08
Werkbuch für Jungen - Bubenträume aus den 60er Jahren
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Mehr als eine Kuriosität, schon eine echte Trouvaille: Das Werkbuch für Jungen aus dem Jahr 1964. Ein Bestseller und schon damals in der 19.Auflage. Antiquarisch teuer gehandelt, nicht ohne Grund. Denn das Buch ist eine Fundgrube der Technik und Kulturgeschichte und liest sich stellenweise wie ein Schwanengesang an die sinnliche Analogtechnik.
"Für Euch Jungen, die ihr gerne etwas baut und experimentiert, wurde dieses Buch geschrieben. Es soll euch helfen, eure Bastelwünsche zu erfüllen, was immer ihr gerade bauene wollt. ob es ein Schiffs- oder ein Flugmodell, ein Spielzeug, ein optisches oder elektrisches Gerät ist, für alles werdet ihr Anregungen finden, wie man mit den einfachsten Mitteln den gewünschten Erfolg erreicht." - Soweit ein Auszug aus dem Vorwort. Wunderbar, die Zeichungen und Fotos dazu: Warum um Gottes Willen trägt der junge Vater beim Basteln einen Schlips?
Das Buch ist ein fast enzyklopädisches Bastelkompendium und geht schön pädagogisch vom Enfacheren zum Schwierigen. "Das kann jeder" heisst die erste Kapitelüberschrift. Hier gehts um Windrädchen, Wanderstab, Indianerkopfschmuck und Schnurtelefon. "Arbeiten mit einfachem Werkzeug" heisst es danach. Zu Bauen gibts einen Reckturner, ein Puzzlespiel, ein Karusell. Danach wirds anspruchsvoll. In der Sektion Mechanik werden Peltonturbinen und Wasserwaagen erklärt , in der Sektion Optik diverse Sehgeräte: Kaleidoskop, Periskop, Fernrohr. Besonders ergiebig aus heutiger Sicht dann die Elektrotechnik: Telefon einfachere und anspruchsvollere Radios, mit Halbleiter und auch mit Röhren.
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Besonders reizvoll etwa dieser Zweiröhren- Radioempfänger. Ein handliches Kofferradio. Wer sowas konnte war schon ziemlich gut... Die liebevoll gezeichneten Illustrationen machen das Buch so anschaulich, hunderte solcher kleiner Zeichnungen finden sich darin.
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Weiter gehts mit Modellbau, Flugzeuge und Schiffe und danach folgen - welche Logik! - Buchbinder-Arbeiten. Der Schluss bildet eine Einführung in die Metallverarbeitung und dann gehts ans Eingemachte: Umgan mit Gips, Beton, Glas und Polyesterharz. Polyesterharz - war das nicht der Basteltraum der 6oer Jahre? - Wer diese Technik beherrschte, konnte Boote in allen Formen bauen, vom Beton ganz zu schweigen.
Später gabs danna auch ein Werkbuch für Jungen und Mädchen, Gleichberichtigung war das historische Stichwort. Heute sieht man die Sache schon wieder differenzierter. Hierzulande werden Förderprogramme für Jungen diskutiert, die in der von Frauen dominierten Grundstufe zu kurz kommen.
Posted by dominik at 11:19 | Comments (0)
01.06.08
Lisbeths Brustvergrösserung
Lisbeth hat sich die Brust vergrössern lassen. Diese Nachricht hat mich überrascht, um nicht zu sagen schockiert. Hätte ich ihr nicht zugetraut. Aber irgendwie ist sie doch immer gut für Überraschungen. Hm. Gehört diese Nachricht überhaupt hierher? -
Seit wann schreibt Sternenjäger über Dinge, die doch eindeutig in den privaten Bereich gehören. Nun, wem das Herz voll ist, dem geht der Mund über. Aber eigentlich kenn ich Lisbeth noch nicht lange. Meine Bekanntschaft ist kaum zwei Wochen alt ich muss sagen, wir haben schon ziemlich viel Zeit miteinander verbracht. Tage, aber auch Nächte. Und was für welche, ich konnte kaum noch schlafen. Kennengelernt hatte ich sie durch meine Chefin.
Warum das ungewöhnlich ist: Nun Lisbeth ist zwischen 20 und 30, sieht ziemlich schräg aus, eher punkig, klein, dünn, Tattoos überall und natürlich auch Piercings, auch dort, wo sie nicht hingehören. Sozial ist sie ein wenig speziell: Verschlossen, um nicht zu sagen paranoid. Schwierige Kindheit, deshalb hat sie wohl auch zu Gewalt ein, sagen wir es mal diplomatisch, spezielles Verhältnis. Im Klartext: Sie schlägt schon mal drein und wenn sie das tut, dann meist mit durchschlagendem Erfolg. Zu den Besonderheiten von Lisbeth gehören ihre Computerkenntnisse vor allem im Bereich Datensicherheit...habe ich mich deutlich ausgedrückt?
Nun, ich will das Geheimnis lüften und ihren ganzen Namen preisgeben: Lisbeth heisst mit dem zweiten Namen Salander und sie ist (leider) kein Mensch aus Fleisch und Blut sondern eine Romanfigur, des schwedischen Krimi-Autors Stieg Larsson, der seinerseits auch bereits nicht mehr unter den Lebenden weilt. Lisbeth ist eine der beiden Hauptakteure in der Romantrilogie "Verblendung - Verdammnis - Vergebung" und macht seit geraumer Zeit Furore unter den Krimi-Fans. Bei mir ist das so weit gegangen, dass ich sogar meine John Le Carré Sucht kurzzeitig unterbrochen habe.
Warum ich das schreibe: Nun, heute ist Sonntagabend und ich habe den zweiten Band, den ich eben erst gekauft hatte, fertig gelesen, sitze jetzt gewissermassen auf dem Trockenen. Schlimm daran ist auch der Gedanke, dass es nach dem dritten Band - schöne 800 Seiten - endgültig zu Ende ist. Bücher, die man so schnell liest, sollte man in der Bilbiothek ausleihen, dachte ich und Susanna sagte es sogar laut. Fehlanzeige: Ist natürlich ausgeliehen und hat bereits vier Vorbestellungen. Nun gut, der Buchhandel soll auch leben.
Ich wäre definitiv ein Spielverderber, wenn ich jetzt noch weitere intime Details aus meiner Beziehung zu Lisbeth ausplaudern würde. Vielleicht nur noch einen Gedanken zum Schluss: Das Schöne an diesen Krimis (gilt übrigens auch für John le Carré) ist, dass sie nicht von der Handlung getrieben sind und von Höhepunkt zu Höhepunkt eilen. Stattdessen präsentieren sie Charakterstudien, plastisch, glaubwürdig, zum Greifen nah. Meine Bekannte C, die ich gestern im Bus traf, hatte natürlich die Bücher auch schon gelesen. Sie meinte: "Lektüre von solchen Büchern tröstet mich immer. Ich habe dann das Gefühl, ich sei nicht die Einzige, die etwas komisch ist".
Homepage von Stieg Larsson. Seine Bücher sind über den Buchhandel erhältlich...
Posted by dominik at 16:53 | Comments (0)
26.05.08
John le Carré und das Geheime
Agenten-Romane faszinieren - wohl nicht nur mich. John le Carré ist ein Meister dieses Fachs und bei ihm finde ich eine Stelle, welche zu dieser Faszination einen Schlüssel liefert
"Ich habe mein Versteck so genau beschrieben, weil es für mein heimliches Leben überaus wichtig ist. Niemand, der kein verborgenes Leben geführt hat, vermag nachzuvollziehen, wie süchtig das machen kann. Niêmand, der sich aus der Welt der Geheimdienste zurückgezogen hat oder vor dem sie sich zurückgezogen hat, kann sich fjemals von den Enzugserscheinungen erholen. Die Sehnsucht nach dem heimlichen Leben, eei es religiöser oder geheimdienstlicher Art, wird zuweilen unerträglich. Immer wieder träumt man davon, die geheime Stille möge einem wieder in die Arme schliessen. "
John le Carré: Unser Spiel. Berllin 2006. List. S. 116.
Siehe auch die folgenden Einträge: Eva Horn: Der geheime Krieg.
Faszination Engima
Posted by dominik at 09:31 | Comments (0)
10.02.08
Eva Horn: Der Geheime Krieg
Wie untersucht man das Wesen des Nachrichtendienstes, Konspiration, geheime Kriege? - Als Historiker, anhand von minutiösen Recherchen oder aber als Kulturwissenschafter anhand der Phantasmata und Fiktionen. Diesen Weg hat die in Basel lehrende Germanistin Eva Horn gewählt. Ihr Sachbuch liest sich über weite Strecken fast wie ein Thriller und enthüllt weit mehr über ihre Fragen, als eine konventionelle, historische Analyse je könnte.
Das liegt an der Natur ihres Zugangs. Kostprobe aus dem Werk der scharfsinnigen Kulturwissenschafterin:
"Geheimdienste spähen nicht nur Geheimnisse aus, sondern produzieren selbst ein Wissen, das geheim ist. Die Exklusivität dieses geheimen Wissens ist aber zugleich die epistemische Bürde von Intelligenz. Denn wo die Krönung wissenschaftlicher Forschung in der Veröffentlichung besteht und mithin in der Kritik durch andere Perspektiven seine Bestätigung oder Korrektur erfährt, ist Intelligence 'blind'. Geheimdienstliche Daten, Hyptothesen und Theorien entstehen, zirkulieren und vergehen in der Abgeschlossenheit nachrichtendienstlicher Frageinteressen, Auswertungsgepflogenheiten und leider nicht selten auch interner Machtspiele. Soe wird der Gegenstand geheimdienstlichen Wissens, der Feind, ganz besonders im Kalten Krieg, zu einem imaginären Bild, das möglikcherweise nichts ist als das eigene Spiegelbild - oder jedenfalls immr nur das, was man schon gesucht hat.. Der Feind ist unsere eigene Frage als Gestalt, zitiert Carl Schmitt Theodor Däubler mitten im Kalten Krieg. "
"Eine Beobachtung zweiter Ordnung, die es ermöglichen würde, die blinden Flecke der eigenen Ergebnisse in Rechnung zu ziehen, ista usgeschlossen oder jedenfalls systematisch erschwert. Ein Wissen, das keine Möglichkeit der reflexiven Selbstkorrektur hat, ist darum so sehr auf seinen Wirklichkeitsgehalt bedacht, dass es ihn ständitg bezweifelt und bearbeitet..."
Eva Horn: Der geheime Krieg. Frankfurt 2007. Fischer TB
Zusammenfassung des Aufsatzes von Eva Horn in "Lettre International"; Portrait der Autorin Blogeintrag aus "We make money not art" anlässlich der Konferenz an der Transmediale 2008 in Berlin
Homepage von Eva Horn an der Universität Basel
Und hier gibts das Buch von Eva Horn: In Dominiks Bookshop
Posted by dominik at 11:00 | Comments (0)
05.02.08
Wassili Grossman und die Schweiz - Reflexe vom 7.2.08 mit Martin Heule
Hinweis zum Reflexe auf DRS 2 vom 7.2.2008:Der russische Autor Wassili Grossman wird wieder entdeckt: Sein epochales Werk "Leben und Schicksal" ist 2007 in einer überarbeiteten Fassung vom Claassen Verlag neu herausgekommen. Grossmans Buch zum Zweiten Weltkrieg wird mit Tolstois "Krieg und Frieden" vergichen und gehört vielleicht zu den wichtigsten Werken der russischen Nachkriegsliteratur. Warum aber, wurde es erst 1980 zum ersten Mal gedruckt, warum ausgerechnet in der Schweiz?
Eine Antwort dazu verspricht die Sendung "Reflexe" von Radio DRS 2 am 7.Februar. Martin Heule unterhält sich darin mit dem Verleger von Grosman, dem Besitzer des Verlages "Editions l'age de l'htomme" in Lausanne. Der Verleger gelangte in den späten 70er Jahren in den Besitz des Manuskripts, das Freunde von Grossman in Russland versteckt hatten. Erlaubt sei die Frage, ob diese offzielle Version stimmt. Könnte es nicht auch sein, dass der KGB selber das Werk im Westen gedruckt haben wollte?
Das Bild oben zeigt übrigens die Titelseite der Notizen von Grossman, als Einstieg in diesen Autor vielleicht besser geeignet als der über 1000seitige Roman.
Mehr zu Grossman im Blog Eintrag "Als embedded journalist" in Stalingrad
Und hier gibts die Bücher von Grossman: In Dominiks Bookshop
Hier gehts zum Verlag "Editions l'age de l'homme in Lausanne"
Posted by dominik at 14:08 | Comments (0)
17.01.08
Das Herz der Finsternis
Im vergangenen Jahr wurde der 150 Geburtstag des britisch-polnischen Schrifstellers Joseph Conrad gefeiert. Grund einmal seine Novelle "Herz der Finsternis" zu lesen und sich mit dem Autor zu befassen.
Nur ein Gedanke: Wenn eine britische Zeitung im Kontext schreibt "Switzerland: Europe's Heart of Darkness" dann ist das vielleicht auch eine Anspielung auf dieses Werk, das ja den Plot für Apocalpyse Now von Coppola liefert.
Noch eine Assoziation: Joseph Conrad stammt aus dem gleichen Ort - damals Polen, heute Ukraine - wie Wassili Grosman: Berdichev
Letzte Bemerkung: Das stilbildende Werk kann verschieden gelesen werden - und wird von afrikanischen Autoren seit den 70er Jahren als Dokument des Rassismus und Eurozentrismus gesehen. Als Projektion des Westens...
Deutscher Wikipedia Eintrag zu Joseph Conrad
Englischer Wikipedia Eintrag
Und hier gehts zu Sternenjägers Bookshop
Posted by dominik at 18:28 | Comments (0)
10.01.08
Schweizerischer Verband für das Idiotenwesen
Kein Witz - sowas hats mal gegeben. Zuschrift meines Freundes Aldo aus Washington.
Habe eben bei einer Luhmann-Recherche dieses gefunden:
???? 1865: Schweizer Personal nimmt an der ersten Tagung der ?Gesellschaft zur Förderung der Schwach- und Blödsinnigenbildung? in Hannover teil
???? 1889: erste ?Schweizerische Konferenz für das Idiotenwesen? (heutige Schweizerische heilpädagogische Gesellschaft)
Posted by dominik at 19:55 | Comments (0)
18.11.07
Geschichten aus dem Krieg:Guggenheim und Grossman
Zwei Bücher liegen auf meinem Tisch: "Wilder Urlaub" des Schweizer Autors Kurt Guggenheim aus dem Jahre 1941 und "Leben und Schicksal", das 1959 entstandene Kriegsepos des russischen Autors Wassili Grossman. Dass es zwischen der kleinen Erzählung und dem monumentalen Roman und deren AUtoren Unterschiede gibt, liegt auf der Hand. Aber es gibt auch Gemeinsamkeiten...
Eine vielleicht etwas verwegene Idee - zu gross die Differenzen, die einem sofort ins Auge springen: Dort der Autor Wassili Grossman, der den Krieg der Roten Armee bis in die letzte Konsequenz verfolgt und das Leben von Soldaten aber auch Zivilisten geteilt hat, dessen Manusrkript unmittelbar rnach der Fertigstellung beschlagnahmt wurde. Hier Kurt Guggenheim dessen Land - die Schweiz - vom Krieg nur gestreift wurde, der seine Erzählung mitten im Krieg 1941 auch veröffentlichen konnte, nur bei der filmischen Umsetzung hatte die Zensur ernsthafte Bedenken....
Und da tönen aber auch schon Gemeinsamkeiten an: Beide Autoren stammen aus der selben Generation: Grossmann (1905 - 1964), Kurt Guggeneim (1896 - 1983) - beide Autoren waren als Soldaten im Zweiten Weltkrieg. Und beide Autoren sind jüdisch. Was hätten die beiden sich erzählt, wären sie sich einmal begegnet?
Noch etwas: Beide Bücher wurden in der Schweiz publiziert: Guggenheims Erzählung noch während des Krieges im Jahr 1941. Das Epos von Grossman gelangte nach seinem Tod in die Schweiz und wurde hier erst 1980 zum ersten Mal in russischer Sprache gedruckt - vom Lausanner Verlag Edition l'Age d'Homme
Nun gehts an die Lektüre - vergleichende Lektüre könnte man die skizzierte Methode nennen - als Schärfung der Wahrnehmung.
Wassili Grossmanns Roman bei Perlentaucher
Informationen zu Kurt Guggenheim vom Herausgeber und Literaturwissenschafter Charles Linsmayer
Bücher im Sternenjägers Bookshop ansehen und kaufen
Uebrigens: Grossman schreibt man wirklich nur mit einem M. Hab das noch korrigieren müssen. Aber welche Regeln gelten überhaupt beim Umschreiben kyrillischer Buchstaben?
Posted by dominik at 08:04 | Comments (0)
07.04.07
Als "embedded journalist" in Stalingrad: Wassilij Grossman
Ausgerechnet in einem englischen Bookshop in Paris finde ich ein Buch, das mich für Tage fesselt und mich kurze Zeit später in die Zentralbibliothek treibt - nur wenig ist von diesem heute fast unbekannten Autor im deutschen Sprachraum zu finden. Die Rede ist von Wassilij Grossman's Aufzeichnungen aus dem Krieg:"A Writter at War. A Sovjet Journalist with the Red Army 1941 - 1945". Grossman begleitete die Rote Armee - er erlebte zahlreiche Schlachten und teilte ihren Alltag. Für mich eines der wichtigsten Bücher der letzten Jahre.
Grossman schreibt nicht ohne Pathos und Patriotismus. Wären seine Notizbücher je kontrolliert worden, so wäre ihm wohl der Tod gewiss gewesen. Und so erstaunt es nicht, dass diese Notizbücher erst mit einer riesigen zeitlichen Distanz publiziert werden konnten - im Jahre 2005.
Grossman war in der Zeit des Zweiten Weltkrieges Journalist bei der in Moskau erscheinenden Armeezeitung "Roter Star". Seine Berichte, das wird beim Lesen des Buches klar, waren beim Publikum beliebt - trotz Zensur schaffte er es immer wieder, das ungeschminkte Gesicht des Krieges zu zeigen. Grossman schafft das ohne Zynismus - zahlt aber selber einen erheblichen Preis, wie er selber bemerkt:
"It is infinitely hard even to read this. The reader must believe me, it is as hard to write it. Someone might ask: Why write about this, why remember all that?. It is the writer's duty to tell this terrible truth, and it is the civilian duty of the reader to learn it. Everyone who would turn away, who would shut his eyes and walk past would insult the memory of the dead." (S. 301)
Grossman berichtet auf Dutzenden von Seiten über die endlos lange Agonie in Stalingrad. Aber letztlich war Stalingrad nur eine Schlacht von vielen - viele Orte auf der Karte tragen Namen, die kaum bekannt sind. Und immer wieder beobachtet er Dinge, die seinen Oberen wohl kaum genehm waren: Etwa wie die ukrainische Bevölkerung mit den deutschen Besatzern kooperierten, er berichtet über Deserteure, die sofort erschossen wurden. Zu den eindrücklicksten und vielleicht auch schrecklichsten Passagen des Buches gehört seine Beschreibung seines Heimatortes Berdichev in der Ukraine, wo seine Familie lebte. Seine Mutter wurde dort ermordet.
Grossman war unter den ersten, die das Konzentrationslager von Treblinka bei Lublin besuchen konnte. Seine Schilderungen sind in die Geschichte eingegangen und wurden auch bei der Anklage der Kriegsverbrecherprozesse von Nürnberg verwendet.
Wassilij Grossman verarbeitete seine Kriegserfahrungen in einem grossen Roman "Leben und Schicksal", den die Zensur nach der ersten Lektüre sofort verbot. Dieses Buch dürfe für Hunderte von Jahren nicht erscheinen, beschied man damals. 1981 - lange nach dem Tod des Autors im Jahre 1964 - erschien das Buch dann doch, im Zeichen von Perestroika und Glasnost.
Russland und die Staaten der ehemaligen Sowjetunion haben - das wird gerne vergessen - mit der unvorstellbar grossen Zahl von 40 Millionen Toten am meisten Opfer zu beklagen. Und nicht genug damit: Mit dem Totalitarismus Stalins wurde dieses Volk ein zweites Mal bestraft. Man ist versucht zu ergänzen: Die jüdische Minderheit, zu der auch Grossman gehört, ein drittes Mal, denn in der Geschichtsschreibung der Sowjetunion wurde der Holocaust schlicht verleugnet.
Vasily Grossman: A Writer at War. A Soviet Journalist with the Red Army, 1941-1945. Vintage Books. 2005.
Wikipedia Artikel über Vasily Grossman in englischer Sprache
Wikipedia Artikel über Wassili Grossman in deutscher Sprache
Übrigens: Für den Vornamen gibt es mindestens 3 Schreibweisen: Vasily (engl.) und Wassili oder Wassilij (dt.)
Russlandfeldzug und Kriegsende aus russischer Sicht - eine bemerkenswerte Website in deutscher Sprache.
Bekannter als der russische Schriftsteller Grossman ist der Fotograf Ewgeni Chaldej, dessen (gestelltes) Foto vom deutschen Soldaten, der auf dem Reichstag die sowjetische Fahne hisst, zur Ikone geworden ist.
Posted by dominik at 11:37 | Comments (1)
28.04.06
Marion Gräfin Dönhoff: Herbstbild
Lektüre von Marion Gräfin Dönhoffs "Kindheit in Ostpreussen" - und gleich danach die Biografie dieser grossen Frau von Alice Schwarzer. Seit unserer Reise durch das ehemalige Ostpreussen wirken die Worte anders. Eine ganz und gar unpolitische Schilderung hat es mir besonders angetan:
"Erst wenn es Stoppelfelder gibt, Kilometer von Stoppelfeldern, über die man galoppieren kann, dann beginnt die große Zeit des Jahres. Dann muss man einen Trakehner haben, und im Herbst muss es ein Schwarzbrauner sein. Niemand hat die wirklichen Höhepunkte des Lebens je erlebt, der das nicht kennt, dieses Hochgefühl vollkommener Freiheit und Schwerelosigkeit im Sattel. Die Welt liegt einem zu Füßen, und sie ist schön und jung wie am ersten Tag, mit tausend Farben angetan und von unendlichen Gerüchen erfüllt. Man hört nur das regelmäßige Schnauben und den Hufschlag des Pferdes,das leise Geräusch des Lederzeugs und spürt dann und wann eine kühle Luftströmung, die der Schatten einer alten Eiche am Wegrand verursacht.
In: Marion Gräfin Dönhoff: Kindheit in Ostpreussen. Erstmals publiziert 1998.
Reisebericht 2004
Bilder der Reise durch das ehemalige Ostpreussen
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04.03.06
Der Walfisch und die Schweiz: Melnitz.

Onkel Melnitz meldet sich immer dann, wenn man ihn am wenigsten brauchen kann. Dabei ist er doch tot. Schon lange tot. Und eigentlich sollte er schweigen. Tut er aber nicht, jedenfalls nicht im Roman "Melnitz" von Charles Lewinksy.
Statt einer Besprechung oder eigener Gedanken ein Zitat aus dem letzten Kapitel des Buches, überschrieben mit 1945.
"Das Erzählen machte ihn lebendig. Neue Geschichten hatte er mitgebracht, viele neue Geschichten, jede einzelne so tödlich lebendig, dass die alten dagegen verblassten. In der modernen Zeit wird alles größer und besser und effizienter. Sechs Millionen neue Geschichten, ein dickes Buch, aus dem man eine Generation lang würde vorlesen können, ohne sich ein einziges Mal zu wiederholen. Geschichten, die nicht zu glauben waren, schon gar nicht hier in der Schweiz, wo man all die Jahre auf einer Insel gelebt hatte, auf trockenem Boden mitten in der Überschwemmung. Geschichten, die nicht in die Köpfe wollten, nicht hier, wo die Vorräte nie ausgegangen waren. Man hatte zum Kochen sein Feuer angezündet und nicht gemerkt, dass man es auf dem Rücken eines Riesenfisches tat, der sich nur einmal im Wasser wälzen musste oder mit den Flossen schlagen, und schon war man erdrückt und erstickt und ertrunken. Man hatte es nicht gewusst, hier in der Schweiz. Man erfuhr es erst jetzt und hätte es lieber nie erfahren."
Aus: Melnitz. Charles Lewinksy. Zürich 2006. Nagel und Kimche. S.761
Dem gibt es nichts beizufügen. Ein anderer soll das Wort haben. Ein anderer Schriftsteller: Edgar Hilsenrath.
"Und der Wind da draussen, der flüsterte dem Rebben etwas in das Ohr. Und der Rebbe nickte und sagte: ?Ja, du hast vollkommen recht. Die Gojim sind dumm. Sie plündern jetzt unsere Häuser. Und sie graben in unseren Gärten. Und sie glauben, dass wir alles zurückgelassen haben, das wir besassen. Und sie lachen sich ins Fäustchen. Dabei wissen sie nicht, dass wir das Beste mitgenommen haben." ?Was ist das Beste?", fragte der Wind. Und der Rebbe sagte:"Unsere Geschichte. Die haben wir mitgenommen." Und der Wind sagte: ?Aber Rebbe. Das kann doch nicht sein. Die Geschichte der Schtetljuden ist zurückgeblieben." ?Nein", sagte der Rebbe. ?Du irrst dich. Nur die Spuren unserer Geschichte sind zurückgeblieben"
Edgar Hilsenrath in: Jossel Wassermanns Heimkehr
Rezensionen zum Melnitz - u.a. in NZZ und Weltwoche - sind auf der Seite des Autors zu finden.
Beiträge von Radio DRS zum Thema Melnitz
Posted by dominik at 21:42 | Comments (0)
06.11.05
Warum lesen wir - oder was ist Bildung
Was ist Bildung? - Ein kluger Aufsatz in der NZZ am Sonntag vom 6.November aus der Feder des Philosophen Peter Bieri versucht eine Antwort. Und ich erlaube mir ein längeres Zitat zum Thema Lesen zu übernehmen...
Der Gebildete, so Peter Bieri, ist ein Leser. Das Lesen allein reicht nicht. Denn Lesen muss mehr als Zeitvertreib, Ansammeln von Informationen sein, "sondern als etwas, das innere Veränderung und Erweiterung bedeuten kann, die handlungswirksam wird".
Und weiter:
Der Leser von Sachbüchern hat einen Chor von Stimmen im Kopf, wenn er nach dem richtigen Urteil in einer Sache sucht. Er ist nicht mehr allein. Und es geschieht etwas mit ihm, wenn er Voltaire, Freud, Bultmann oder Darwin liest. Er sieht die Welt danach anders, kann anders, differenzierter darüber reden und mehr Zusammenhänge erkennen.
Der Leser von Literatur lernt noch etwas anderes: wie man über das Denken, Wollen und Fühlen von Menschen sprechen kann. Er lernt die Sprache der Seele. Er lernt, dass man derselben Sache gegenüber anders empfinden kann, als er es gewohnt ist. Andere Liebe, anderer Hass. Er lernt neue Wörter und neue Metaphern für seelisches Geschehen. Er kann, weil sein Wortschatz, sein begriffliches Repertoire, grösser geworden ist, nun nuancierter über sein Erleben reden, und das wiederum ermöglicht ihm, differenzierter zu empfinden."
Und Bildung schliesst eine weitere Dimension von Glück auf: die gesteigerte Erfahrung von Gegenwart beim Lesen von Poesie, beim Betrachten von Gemälden, beim Hören von Musik. Die Leuchtkraft von Worten, Bildern und Melodien erschliesst sich nur demjenigen ganz, der ihren Ort in dem vielschichtigen Gewebe aus menschlicher Aktivität kennt, das wir Kultur nennen. Niemand, der die Dichte solcher Augenblicke kennt, wird Bildung mit Ausbildung verwechseln und davon faseln, dass es bei Bildung darum gehe, uns "fit für die Zukunft" zu machen.
Quelle:
NZZ am Sonntag. 6.November 2005
Posted by dominik at 17:20 | Comments (0)
09.10.05
Urknall und Mediengeschichte

Von einem ungewöhnlichen Buch ist hier die Rede: "Die Geschichte der Medien. Von der Oblate zum Internet". Autor ist Jochen Hörisch. Das Buch ist nicht irgend eine "wissenschaftliche" Mediengeschichte, sondern ein äusserst originelles und ungewöhnliches Werk. Steht quer zu allem. Kommentar dazu: Unbedingt lesen. Gilt natürlich auch für diesen kleinen Blogeintrag...
Das ist keine Besprechung - nur die Präsentation einer Kostprobe. Wann beginnt die Mediengeschichte? - Eine Testfrage. Bei den Höhlenbewohnern? - Bei den alten Griechen und ihrer epochalen Erfindung, der phonetischen Schrift? - Beim Buchdruck, oder gar bei der Erfindung des Internet? - Weit gefehlt, denn der Blick von Hörisch geht noch viel weiter zurück. Es tönt ein wenig nach Ironie und mit einem Augenzwinkern ist es auch gemeint...:
"Am Anfang war der Sound. Und dieser Sound war so ungeheur, dass wir noch heute sein Echo hören. Das konstante Rauschen, das noch von einem postmodernen Ohr, so es nicht durch Dauersoundproduktion ruiniert wurde, selbst am einsamsten Ort in der stillsten Winternacht zu vernehmen ist, erklären Astrophysiker als Nachhall des Urknalls....vor etwa 12 Milliarden Jahren fing "alles mit einem ungeheuren Getöse an, das sich erst in Jahrmillionen zu dem formte, was Ästheten gerne als "Sphärenharmonie" oder "Sphärenmusik" charakterisieren." S.23.
Jochen Hörisch: Eine Geschichte der Medien. Von der Oblate zum Internet. Frankfurt 2005. Suhrkamp (stb 3629). Mehr Infos als beim Suhrkamp Verlag gibts bei Amazon.de
Und hier die Links
Prof.Jochen Hörisch - Universität Mannheim - Publikationen etc.
Jochen Hörisch Autorenseite bei www.perlentaucher.de
Posted by dominik at 21:46 | Comments (0)
Echo der Zeit

Zum 60jährigen Bestehen der Radiosendung "Echo der Zeit" ist im NZZ Verlag eine Jubiläumsschrift mit CD erschienen. Sie weckt auch persönliche Erinnerungen an Erlebnisse aus den 70er und 80er Jahren. Und nicht nur das: Das "Echo" spielt auch heute in meinem (Medien) Leben eine wichtige Rolle.
Das Radio war in meinere Kindheit (geboren 1958) in den 60er und 70er Jahren das absolute Leitmedium. Das Fernsehen spielte noch kaum eine Rolle. Dafür kam die Neue Zürcher Zeitung dreimal täglich ins Haus und beschäftigte meinen Vater während Stunden. Wenn um halb eins die Nachrichten der Schweizerischen Depeschenagentur im Radio gesendet wurden, hatten wir Kinder zu schweigen. Meine erste Erinnerung ans Echo der Zeit datiert allerdings aus einer späteren Zeit: Ich mag ungefähr 14 Jahre alt gewesen sein und als Schüler der Stiftsschule Einsiedeln einem klar geregelten Tagesablauf unterworfen. Radiohören hatte darin keinen Platz und Fernsehen gabs nur am Sonntagnachmittag. Dabei wechselte Pater Fridolin, der gebieterisch vor einem merkwürdigen Projektoren-Kasten sass dass Programm, sobald ein Werbespot kam, der ihm missfiel. Triumph Werbung gehörte zum Beispiel dazu.
Eines Tages kam mein Klassenkamerad Peter Gehler - er neigte ungefähr ebenso stark dem rechten Spektrum zu wie ich dem linken - prahlend aus den Ferien zurück und berichtete, er hätte jeden Tag das Echo der Zeit gehört und sei infolgedessen nun politisch auf der Höhe. Er hatte mir mindestens diesbezüglich einiges voraus. Nicht nur hatte ich keinen Durchblick, sondern eigentlich überhaupt keine Ahnung. Wenn ich mich mit Politischem beschäftigte, dann mit Theorie, vorwiegend der marxistisch-leninistischen. Ich verstand zwar nicht viel, immerhin genug um zu merken, dass es wenig gab was meine Eltern und Lehrern mehr ärgerte als das - und diese insgeheime Feststellung war Motivation genug, darin fortzufahren. Das mag aus heutiger Sicht extrem witzig und überspitzt klingen - die ideolgische Polarisierung in der Zeit des Kalten Krieges war aber enorm hart und nicht wenige unserer Pädagogen verstanden sich als Speerspitze im Kampf gegen den Kommunismus.
Meine nächste Begegnung mit dem Echo datiert aus den frühen 8oer Jahren: Ich hatte eben meine ersten Gehversuche im Journalismus absolviert und war glücklich, im Studio Zürich gelegentlich Aufträge fürs Regionaljournal zu erhalten. Wenn ein Thema mal wirklich wichtig war, dann durfte man einen Beitrag fürs Echo der Zeit daraus gestalten. das erfüllte uns damals mit Stolz. In dieser prestigereichen Sendung vorzukommen, zumal noch mit einem selbst vorgetragenen Beitrag, das war fast das höchste der journalistischen Gefühle. Und wenn tags darauf sich eine Zeitung darauf berief, dann wars noch besser. Dem konnte man natürlich auch etwas nachhelfen, etwa indem man einen Kollegen (Frauen gab es damals recht wenige im politischen Journalismus) im voraus anrief. Besonders gut funktionnierte das wenn das Zitat über eine Nachrichtenagentur kam. Nicht die langweilige Schweizerische Depeschenagentur, sondern die kleine und freche ddp, die später von der Associated Press AP übernommen wurde...auch dort hatten wir Freunde. Zürich war damals wie heute keine richtige Stadt, schon eher ein Dorf mit höchst überschaubaren Verhältnissen. Vor Bern hatte man einen gewissen Respekt aber irgendwie lächelten wir auch über die Büromenschen im Studio Bern mit ihren Sitzungen und ihren ernsten Mienen...
Und heute: Das "Echo" gehört zu meinem Tagesablauf. Wenn immer möglich versuche ich es so einzurichten, dass ich zu Sendebeginn um 18.00 oder um 19.00 zuhause bin. Das Kochen dauert bei mir genau 45 Minuten - ungefähr so lange wie die Sendung. Und dass es die Sendung auf dem Internet gibt ist natürlich hervorragend - nur nutze ich das selten. Vielleicht ändert sich das bald, weil man die Beiträge neuerdings auch als Podcast herunterladen kann...
Zum Buch gehört eine CD deren Originaltöne auch im Internet greifbar sind.
Nun also das Buch. Viele alte Bekannte. Ein wichtiger Beitrag zur Schweizer Mediengeschichte, die leider noch sehr wenig verschriftlicht ist. Die Ideen von damals haben gehalten, was sie versprochen haben. Journalismus statt Infotainment. Die Vorbilder kamen und kommen aus England und den USA - BBC und National Public Radio sind einige Stichworte. Das Buch ist von einem Journalisten (Hanspeter Gschwend) geschrieben und auch wenns in eigener Sache ist, gut und profund recherchiert. Dass manchmal die Distanz etwas fehlt, lässt sich wohl nicht vermeiden, wenn man sozusagen aus dem Innern des Mediums schreibt.
Zwei Bemerkungen zum Schluss: Die Sendung "Echo der Zeit" ist ein Begriff. Das liegt nicht nur an der Qualität - das liegt auch an der Tatsache, dass die Sendung während Jahrzehnten von einem Medium kam, das ein Monopol hatte. Gab es in all den 60 Jahren nur die NZZ und das "Echo der Zeit" - oder hat möglicherweise auch die eine oder andere Regionalzeitung hervorragendes geleistet?
Ach ja - nochwas: Das "Echo" ist alles andere als Mainstream-Journalismus und von daher natürlich auch gefährdet. Norbert Bolz bringt diesen Mainstream-Journalismus sehr schön auf den Punkt indem er schreibt:
"Journalisten müssen Abschied nehmen von ihrem alten Aufklärungsideal. Ein Medienunternehmen ist in erster Linie ein Wirtschaftsunternehmen. Das größte Problem liegt in den Köpfen der Journalisten selbst: Sie sollten weniger an sich und mehr an ihre Kunden denken. Die entscheidende Frage ist heute: Wie fasziniere ich meine Leser, Zuhörer oder Zuschauer in Zeiten, in denen es unzählige Medienangebote gibt?
Wer mehr darüber nachdenken möchte, der möge sich den Text von Bolz selber zur Brust nehmen. Er findet sich als Interview online in der Telepolis vom 14.12.2004 . Man kann ihn lesen und sich fragen: Hat er Recht? - Man kann ihn aber auch lesen unter der Prämisse: Was muss ich als Medientheoretiker sagen, damit ich wirklich auffalle...
Hanspeter Gschwend: "Echo der Zeit". Weltgeschichte am Radio. NZZ Buchverlag. 48 CHF.
Weitere Einzelheiten.
Radio DRS hat eine eigene Jubiläumsseite eingerichtet.
Und: Zur Internetseite der Sendung
Posted by dominik at 11:08 | Comments (0)
09.09.05
Fotografie und Mönchtum

Was haben Fotografie und Mönchstum miteinander zu tun? - Eine scheinbar entlegene Frage. Wäre da nicht das neulich erschienene Buch "Suchende im Bild", das die Fotografie im Kloster Engelberg zum Thema hat. Nicht genug damit - das Buch hat mich an meine eigenen fotografischen Versuche erinnert, die in einem ganz ähnlichen Rahmen in der Klosterschule von Einsiedeln anfangs der 70er Jahre passierten. Dass sich in diesem Buch dann auch noch ein origineller Aufsatz des Mediävisten Alois Haas findet ist eine wunderbare und wundersame Fügung!
Dass mich genau dieses Thema - Fotografie und Mönchstum - sofort anspricht hat biografische Gründe: Als Klosterschüler an der Stiftsschule Einsiedeln bin ich in den Jahren 1970 - 1974 à fonds mit der Fotografie vertraut geworden. Schuld daran war unsere Zeichungslehrer, Pater Damian, der ein professionelles Fotostudio unterhielt und dort nicht etwa Mönche und Nonnen ablichtete, sondern vor allem die reichen Kunstschätze des Klosters dokumentiert und natürlich auch als Schulfotograf amtete. Wir Buben beteiligten uns bei seinen teilweise äusserst aufwendigen fotografischen Arbeiten als Kabel- und Kofferträger und wurden so en passant mit der Kunst des Ausleuchtens eines Bildes oder eine Statue vertraut gemacht. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir ein "Ausflug" in ein benachbartes Kloster wo Pater Damian für den damaligen Verleger des Benziger Verlages Aufnahmen machen musste - wir krochen stundenlang auf einem wackeligen Gerüst herum und richteten Lampen und Blitze, bis Fotograf und Verleger zufrieden waren. Letzterer bedankte sich nach getaner Arbeit mit einem erstklassigen Essen im Pfauen-Restaurant, damals dem ersten Haus am Platz. Er ermunterte uns Buben dabei ausdrücklich, das teure Fleisch zu wählen...
Zurück zum Buch. Die Bilder haben mich beeindruckt und auch der Text. Dort bin ich unter anderem auf einen Text des Mediävisten Alois Haas gestossen. Alois Haas war offenbar selber Schüler in der Klosterschule Engelberg. Er gehört zu meinen Universitätslehrern, ich habe 1984 bei ihm in mittelalterlicher Literatur abgeschlossen.
Einige Textproben:
Die Rolle nun, welche die Fotografie seit ihrem Aufkommen im monastischen Raum spielen konnte, war die einer eminenten Verdeutlichkung und Bewahrung der Lichtgestalt, die Leben und Geist einer mönchischen Existenz prägt oder prägen sollte. Fotografie gehört in die Memoria -Kultur der Mönchsexistenz. Sie zeigt immer wieder auf ergreifnde und anschaulichste, das heisst realistische Weise die Lichtgestalt des von Gott erwählten Menschen und seiner Umgebung.
Wir dürfen nicht vergessen, dass die Grundvision des
heiligen Benedikt eine Lichtvision war, deren fotogrammatischer Charakter sofort in die Augen springt. Mitten während einer Nachtwache schaut der heilige Benedikt betend aus dem Fenster seines Schlafgemachs. «Während die Brüder noch schliefen, stand der Mann Gottes Benedikt schon vor der Zeit des nächtlichen Gebetes auf und hielt Nachtwache. Er stand am Fenster und flehte zum allmächtigen Gott.. Während er mitten In dunkler Nacht hinausschaute, sah er plötzlich ein Licht, das sich von oben her ergoss und alle Finsternis der Nacht vertrieb. Es wurde so hell, dass dieses Licht, das in der Finsternis aufstrahlte, die Helligkeit des Tages übertraf. Etwas ganz Wunderbares ereignete sich in dieser Schau, wie er später selbst erzählte. Die ganze Welt wurde ihm vor Augen geführt, wie in einem einzigen Sonnenstrahl gesammelt. Während der ehrwürdige Vater den Blick unverwandt auf den strahlenden Glanz dieses Lichtes gerichtet hielt, sah er, wie Engel die Seele des Bischofs Germanus von Capua in einer feurigen Kugel zum Himmel trugen.?
...
Roland Barthes hat die Fotografie ausgezeichnet sein lassen durch ihre Tendenz zum Vergänglichen, Sterblichen und Kontingenten. Genau das Umgekehrte geschieht in der benediktinischen Fotografie. Sie ist getragen von einem Zeit und Schöpfungsoptimismus, welcher ausschliesslich der monastischen Memoria-Kultur zugute kommen sollte.
Zwar ist und bleibt das Foto ein Monument der menschlichen Vergangenheit, aber gerade als solches wird es zum Träger dessen, was Eugen Biser als das ?bildhafte Transzendieren von Bildern und Bildelementen bezeichnet hat?. .... Hilfreich war natürlich als lebensspendender Hintergrund das Theologumenenon von Gen I, 26ff, wonach der Mensch ?nach Bild und Gleichnis Gottes? erschaffen wurde.
Alois Haas in: Emil Mahnig, Marianne Noser: Suchende im Bild. Fotografische Dokumente aus dem Kloster Engelberg. Zürich 2004. Verlag NZZ.
Posted by dominik at 23:30 | Comments (0)
09.07.05
Nur weg von hier
Dieses Gefühl vom Weg-Gehen-Wollen. Egal wohin. Und dann das Glück vom Unterwegs-Sein. Eine moderne Droge? - Nirgends mehr hin gehören. Die Erzählung von Franz Kafka gibt genau dies wieder. Geschrieben 1936
?Der Aufbruch? (1936)
Ich befahl mein Pferd aus dem Stall zu holen. Der Diener verstand mich nicht. Ich ging selbst in den Stall, sattelte mein Pferd und bestieg es. In der Ferne hörte ich eine Trompete blasen, ich fragte ihn, was das bedeute. Er wußte nichts und hatte nichts gehört. Beim Tore hielt er mich auf und fragte: ?Wohin reitest du, Herr?" ?Ich weiß es nicht", sagte ich, ?nur weg von hier, nur weg von hier. Immerfort weg von hier, nur so kann ich mein Ziel erreichen." ?Du kennst also dein Ziel?" fragte er. ?Ja", antwortete ich, ?ich sagte es doch: ,Weg-von-hier`, das ist mein Ziel." ?Du hast keinen Eßvorrat mit", sagte er. ?Ich brauche keinen", sagte ich, ?die Reise ist so lang, daß ich verhungern muß, wenn ich auf dem Weg nichts bekomme. Kein Eßvorrat kann mich retten. Es ist ja zum Glück eine wahrhaft ungeheure Reise."
Posted by dominik at 10:52 | Comments (1)
06.07.05
Reif sind, in Feuer getauchet...
Reif sind, in Feuer getaucht, gekochet
Die Frücht und auf der Erde geprüfet..."
Der Anfang der Hymne "Mnemosyne" von Friedrich Hölderlin. 1975 habe ich sie ein erstes Mal gelesen. Verstanden? - Kaum. Seither spuken die Worte in meinem Kopf und haben nichts von ihrer Faszination verloren. Was tun? - Weiter denken, weiter lesen, weiter wirken (lassen).
Mnemosyne
Reif sind, in Feuer getaucht, gekochet
Die Frücht und auf der Erde geprüfet und ein Gesetz ist,
Daß alles hineingeht, Schlangen gleich,
Prophetisch, träumend auf
Den Hügeln des Himmels. Und vieles
Wie auf den Schultern eine
Last von Scheitern ist
Zu behalten. Aber bös sind
Die Pfade. Nämlich unrecht,
Wie Rosse, gehn die gefangenen
Element' und alten
Gesetze der Erd. Und immer
Ins Ungebundne gehet eine Sehnsucht. Vieles aber ist
Zu behalten. Und not die Treue.
Vorwärts aber und rückwärts wollen wir
Nicht sehn. Uns wiegen lassen, wie
Auf schwankem Kahne der See.
...
Zitiert nach: Projekt Gutenberg
Posted by dominik at 23:16 | Comments (0)
05.07.05
Friedrich Hölderlin: Rousseau
Kennt er im ersten Zeichen Vollendetes schon,
Und fliegt, der kühne Geist, wie Adler den
Gewittern, weissagend seinen
Kommenden Göttern voraus.
Friedrich Hölderlin - Rousseau. Ein Text, der mich begleitet hat. Wie vielen hätte ich ihn gerne zugerufen - am meisten mir selber.
Rousseau
Wie eng begrenzt ist unsere Tageszeit,
Du warst und sahst und stauntest, schon Abend ists,
Nun schlafe, wo unendlich ferne
Ziehen vorüber der Völker Jahre.
Und mancher siehet über die eigene Zeit,
Ihm zeigt ein Gott ins Freie, doch sehnend stehst
Am Ufer du, ein Ärgernis den
Deinen, ein Schatten, und liebst sie nimmer,
Und jene, die du nennst, die Verheißenen
Wo sind die Neuen, daß du an Freundeshand
Erwarmst, wo nahn sie, daß du einmal,
Einsame Rede, vernehmlich seiest ?
Klanglos ists, armer Mann, in der Halle dir,
Und gleich den Unbegrabenen, irrest du
Unstät und suchest Ruh und niemand
Weiß den beschiedenen Weg zu weisen.
Sei denn zufrieden ! der Baum entwächst
Dem heimatlichen Boden, aber es sinken ihm
Die liebenden, die jugendlichen
Arme, und trauernd neigt er sein Haupt.
Des Lebens Überfluß, das Unendliche,
Das um ihn und dämmert, er faßt es nie.
Doch lebts in ihm und gegenwärtig,
Wärmend und wirkend, die Frucht entquillt ihm.
Du hast gelebt ! auch dir, auch dir
Erfreuet die ferne Sonne dein Haupt,
Und die Strahlen aus der schönern Zeit. Es
Haben die Boten dein Herz gefunden.
Vernommen hast du sie, verstanden die Sprache der Fremdlinge
Gedeutet ihre Seele ! Dem Sehnenden war
Der Wink genug, und Winke sind
Von alters her die Sprache der Götter.
Und wunderbar, als hätte von Anbeginn
Des Menschen Geist das Werden und Wirken all,
Des Lebens Weise schon erfahren,
Kennt er im ersten Zeichen Vollendetes schon,
Und fliegt, der kühne Geist, wie Adler den
Gewittern, weissagend seinen
Kommenden Göttern voraus.
Zitiert nach: Gutenberg Projekt
Posted by dominik at 16:46 | Comments (0)
04.07.05
Ins Stammbuch geschrieben
Wer vom Ziel nicht weiss,
kann den Weg nicht haben
Christian Morgenstern.
Diese Worte hat mir meine Mutter als 10jähriger ins Tagebuch geschrieben. In meinem Kopf hab ichs immer wieder umgedreht und bin heute ganz erstaunt, dass Morgenstern nur in einer Richtung gedichtet hat. Denn immer wieder fragte ich: Wer vom Weg nichts weiss, kann das Ziel nicht haben...
Wer vom Ziel nicht weiss,
kann den Weg nicht haben,
wird im selben Kreis
all sein Leben traben;
kommt am Ende hin,
wo er hergerückt,
hat der Menge Sinn
nur noch mehr zerstückt.
Wer vom Ziel nichts kennt,
kann's doch heut erfahren;
wenn es ihn nur brennt
nach dem Göttlich-Wahren;
wenn in Eitelkeit
er nicht ganz versunken
und vom Wein der Zeit
nicht bis oben trunken.
Denn zu fragen ist
nach den stillen Dingen,
und zu wagen ist,
will man Licht erringen:
wer nicht suchen kann,
wie nur je ein Freier,
bleibt im Trugesbann
siebenfacher Schleier.
Zitiert nach Projekt Gutenberg
Posted by dominik at 16:51 | Comments (0)
06.04.05
Borsig - eine Collage zu einem Text von Walter Benjamin
Berlin 2003. Besuch im Shopping Center Borsig in Berlin Tegel. Per Zufall stosse ich kurz danach auf einen Text Walter Benjamins betitelt "Borsig". (In: Aufklärung für Kinder - Rundfunkvorträge 20er Jahre)
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Posted by dominik at 21:32 | Comments (0)
Another Story
Und der Wind da draussen, der flüsterte dem Rebben etwas in das Ohr.
Und der Rebbe nickte und sagte: ?Ja, du hast vollkommen recht. Die Gojim sind dumm. Sie plündern jetzt unsere Häuser. Und sie graben in unseren Gärten. Und sie glauben, dass wir alles zurückgelassen haben, das wir besassen. Und sie lachen sich ins Fäustchen. Dabei wissen sie nicht, dass wir das Beste mitgenommen haben." ?Was ist das Beste?", fragte der Wind. Und der Rebbe sagte:"Unsere Geschichte. Die haben wir mitgenommen." Und der Wind sagte: ?Aber Rebbe. Das kann doch nicht sein. Die Geschichte der Schtetljuden ist zurückgeblieben." ?Nein", sagte der Rebbe. ?Du irrst dich.Nur die Spuren unserer Geschichte sind zurückgeblieben"
Aus: Edgar Hilsenrath: Jossel Wassermanns Heimkehr.
Posted by dominik at 21:27 | Comments (0)
