26.10.11
Zum Tod von Friedrich Kittler
In Berlin ist am 18.Oktober 2011 der Medientheoretiker Friedrich Kittler gestorben. Kittler gehört zu den Begründern der kulturwissenschaftlich orientierten Medienwissenschaft. Dominik Landwehr zum Tode dieses wichtigen Denkers
Wer wie der Schreibende in den späten 70er Jahre an der Universität Zürich Germanistik studierte, war mindestens mental, weit weg von Technik, weit weg von Computer, Plattenspieler, Telefon und Telex. Die Eidgenössische Technische Hochschule ETH war zwar nur einen Steinwurf von unseren Seminarräumen entfernt. Aber die Menschen – damals vorab junge Männer – dort, lebten für uns auf einem anderen Planet und wer sich in jene heiligen Hallen wagte, besuchte höchstens dann und wann die Vorlesungen von Adolf Muschg, der dort als Professor residierte.
Und dennoch blieb Technik für mich ein obskures Faszinosum, dem ich mich heimlich widmete, wenn auch primär durch die Lektüre einschlägiger (Computer) Zeitschriften und mit zaghaften Experimenten mit dem Commodore Klassiker C64. Dass Computer auch in der Geisteswissenschaft dereinst mehr sein sollte als nur der Rechen- und vielleicht Schreibknecht, der er für Computerlinguisten und Sozialwissenschaftler darstellte, das wussten der damals 20jährige noch nicht.
Just in jener Zeit trat Kittler zum ersten Mal auf den Plan: "Austreibung des Geistes aus dem Geisteswissenschaften" (1980) heisst sein erstes Buch. Weit mehr Aufsehen erregte seine Habilitationsschrift, die 1985 unter dem simplen Namen „Aufschreibesysteme 1800/1900“ erschien. Die Habil soll für mächtige Irritationen gesorgt haben und niemand fühlte sich zuständig oder kompetent, sie zu beurteilen. Der Legende zufolge soll seine Habilitationsschrift von nicht weniger als 13 Experten begutachtet worden sein.
Kittler wollte sich nicht mehr primär mit dem Sinn eines Textes befassen, sondern mit dessen Materialität – sei es als handschriftliches Zeugnis oder als maschinengeschriebenes Typoskript und Nietzsches Wort „Unser Schreibzeug arbeitet mit an unseren Gedanken“ ist für Kittler gleichsam Leitmotiv geworden.
Es gibt andere solche Leitmotive. Eines ist der Krieg, der im Kosmos des Denkers einen zentralen Platz einnimmt. Ausführlich hat sich Kittler mit der Geschichte der Chiffriermaschine Enigma oder mit der deutschen Raketenwaffe V2 befasst. Geoffrey Wintrop Young schreibt dazu:
„Die Grundvoraussetzung für den Zugang zu Kittlers Texten ist ein Gespür dafür, was hier unter völliger Missachtung herkömmlicher Gattungs- und Disziplingrenzen , zwischen Büchern, Musiken und Technologien, zwischen Drogen, Institutionen und Kriegen, Harmonien und Korrespondenzen ausgemacht werden."(S.166)
Kittler besass ein profundes Verständnis für technische, namentlich elektronische und digitale Prozesse. Davon zeugen auch die Übersetzungen der mathematischen Schriften von Alan Turing und Claude Shannon, die er zusammen mit Bernhard Dotzler vorgelegt hat.
Wer sich mit den Texten von Kittler befassen will, braucht mehr als eine Portion Geduld. Sie erschliessen sich oft nur dann, wenn man die Anspielungen und Referenzen die Kittler macht profund kennt. Und genau das dürfte wohl nur wenigen gegeben sei. „Kittlerdeutsch“ wurde seine Sprache genannt (Young S.68), Kittler wurde der „fortgesetzten Notzucht“ an der deutschen Sprache bezichtigt. (Young S.65)
„Kittler präsentiert komplexe technologische, mathematische oder musikwissenschaftliche Sachverhalte, von denen er weiss, dass sie die grosse Mehrheit seiner geisteswissenschaftlich beheimatete Leserschaft überfordern; Die Leser wiederum wissen, dass Kittler das weiss und dass er zudem darauf besteht, dass sie es eigentlich wissen sollten…“ (S.68).
Das Werk von Friedirch Kittler muss aus heutiger Sicht wohl auch im Kontext der Identitätskrise der Geisteswissenschaften, namentlich der Germanistik gesehen werden, die in den 80er Jahren ihren Anfang nahm und bis auf den heutigen Tag nicht aufgelöst ist: "Kittler steht am Anfang einer Bewegung oder Strömung - einer Massenabwanderung in die Medien eine Flucht in die Relevanz vor den zermürbenden Selbstzweifeln und Selbstzerfleischungen, die vor allem in den 70er Jahren in der Germanistik um sich griffen (S.82).
Friedrich Kittler gehört zu den Gründerväter der Medienwissenschaft, die sich von der sozialwissenschaftlich orientierten Publizistikwissenschaft unterscheiden wollte und kultur- und medienhistorisch respektive –philosophisch argumentierte. Genau die kulturwissenschaftliche Wendung dürfte mitverantwortlich sein für das hohe Interesse, das diese hybride Wissenschaft bei den Studierenden heute geniesst, ungeachtet der diffusen Beraufsaussichten.
Kittler hinterlässt ein umfangreiches Werk; seine Schriften und seine Korrespondenz hat er bereits bereits vor seinem Tod dem Marbacher Literaturarchiv übergeben hat. Und er hat eine ganze Generation von Intellektuellen geprägt, nicht wenige davon waren seine Schülern: Bernhard Dotzler, Peter Berz, Norbert Bolz, Georg Christoph Tholen. Er hinterlässt also ein reiches geistiges Erbe.
Stellvertretend für sein Werk seien hier zwei Schriften genannt, die sich zur Einführung in Kittlers Werk eignen:
Friedrich Kittler: Unsterbliche. Nachrufe, Erinnerungen, Geistergespräche. Wilhelm Fink Verlag, Paderborn 2004.
Geoffrey Winthrop-Young: Friedrich Kittler zur Einführung. Zürich: Junius Verlag 2004.
Youtube hält eine grössere Anzahl von Videos mit Ausschnitten von Kittlers Referaten bereit.
Posted by dominik at 08:48 | Comments (0)
11.09.11
In Memoriam Oskar Stürzinger (1920 - 2011)
Aus Monte Carlo erreicht uns in diesen Tagen die Nachricht vom Tod von Oskar Stürzinger. Er starb im Alter von 91 Jahren. Oskar Stürzinger war der erste Schweizer Angestellte der Firma Crypto AG in Zug.
Kryptografie war sein Beruf und seine Leidenschaft - ohne sie hätte ich ihn nie kennengelernt: Oskar Stürzinger meldete sich bei mir im Jahr 2001 nachdem er einen Artikel von mir in der NZZ zum Thema Kryptografie gelesen hatte. Seitdem waren wir befreundet.
Die Fotos entstanden im Jahr 2001: Wir hatten Oskar Stürzinger eingeladen um Jugendlichen eine der Chiffriermaschinen der Firma Crypto AG aus den 50er Jahren vorzuführen. Der 80jährige erledigte die Aufgabe mit Bravour, das Publikum folgte seinen Ausführungen mit grösstem Interesse.
Aus seinem Leben sind mir nur einige Bruchstücke bekannt: Oskar Stürzinger wurde am 5.Dezember 1920 in Winterthur-Töss geboren. Er studierte anfangs der 40er Jahre an der ETH Zürich Elektroingenieur. Schon bald nach dem Studium lernte er den legendären schwedischen Unternehmer Boris Hagelin kennen. Hagelin hatte vor dem Krieg Chiffriermaschinen entwickelt und konnte unter anderem der US Armee ein Patent für eine der meistgebauten Chiffriermaschinen des Zweiten Weltkrieges verkaufen: Gemeint ist die legendäre M-209.
Boris Hagelin verliess Schweden, weil ihm das Land Exportbeschränkungen für seine Geräte machte. Warum er genau in die Schweiz kam, ist mir nicht bekannt. Soviel ich weiss, war aber Oskar Stürzinger war sein erster Angestellter - seine erste weibliche Angestellte wurde bald danach die Frau von Oskar.
Oskar Stürzinger blieb der Firma bis zu seiner Pensionierung Mitte der 80er Jahre treu. Er dürfte eine faszinierende Aufgabe gehabt haben und war oft wochenlang unterwegs. Dies in einer Zeit, wo man kaum je heim telefonieren konnte... Er erzählt mir, wie er wochenlang im damals jungen Pakistan beim Hauptquartier der Armee weilte , in "Pindi" wie er damals sagte.
Oskar Stürzinger zog nach seiner Pensionierung nach Monte Carlo, behielt aber eine Ferienwohung im Wallis. Das Leben hat es gut gemeint, mit Oskar, meinte man. Weit gefehlt. Schon in seinem ersten Brief teilte er mir mit, dass er seine Frau wenige Jahre zuvor verloren hatte. Ihre einzige Tochter kam 1998 beim Flugzeugabsturz in Halifax ums Leben.
Oskar Stürzhinger hat sich keinen Moment selber bemittleidet. Er wusste sich zu beschäftigen und ging immer wieder auf Leute zu. Die einen mag das auch genervt haben... Noch in hohem Alter verfolgte er regelmässig Tagungen und Kongresse zu technischen Themen, auch wenn sie nicht mit seinem Kerngebiet zu tun hatten. 2006 traf ich ihn bei einem Treffen der American Cryptogram Association in Bletchley Park wo er Sammlern alte Chiffriermaschinen reparierte.
Wir werden ihm ein ehrendes Angedenken bewahren.
Dieser Artikel stand am Anfang unserer Beziehung:
Dominik Landwehr: Das Rätsel der neuen Maschine. Neue Zürcher Zeitung vom 30.11.2001
Mythos Enigma - Themseite von Dominik Landwehr
Disseration von D.Landwehr aus dem Jahr 2008 ist dort im Volltetxt als PDF zu finden.
Anfragen bitte an dlandwehr at bluewin.ch oder +41 79 411 59 17
Posted by dominik at 12:30 | Comments (0)
31.08.11
Der britische Kryptologe Tony Sale ist tot
Er rekonstruierte den legendären Colossus-Computer, der den Alliierten im Zweiten Weltkrieg half, Deutsche Funksignale zu entschlüsseln. Nun ist er im Alter von 80 Jahren gestorben: Der britische Ingenieur und Konservator Tony Sale.
Tony Sale versuchte etwas fast Unmögliches: Mit ein paar Fotos und einer rudimentären Funktionsbeschreibung versuchte er, den legendären Colossus zu rekonstruieren. Jahrelang arbeitete er daran, 2004 war er am Ziel. Mit hartnäckiger Recherche und vielen Experimenten gelang ihm die Rekonstruktion der Maschine, die mit 4000 Elektronenröhren bestückt ist. Nicht ohne Stolz führte er Besuchern aus dem In- und Ausland die Maschine vor. Sie half den Allierten Codeknackern im britischen Bletchley Park beim Decodieren von verschlüsselten Signalen aus einem Funkfernschreiber, die mit der sogenannten Lorenz-Maschine verschlüsselt wurden.
Ich hatte das Vergnügen Tony Sale im Rahmen meiner Enigma-Recherche 2006 zu treffen und zu interviewen. Tony Sale beantwortete nicht nur meine Anfrage innert Stunden, er gab mir auch sofort einen Termin und nahm sich Zeit, meine Fragen zu beantworten. Sale führte eine ganze Gruppe von zumeist pensionierten Ingenieuren an, die mit weiteren Rekonstruktions-Projekten beschäftigt waren. Eines davon war die Rekonstruktion der sogenannten Turing-Bombe, die beim Entschlüsseln der Enigma-Nachrichten half.
Nicht ohne Schalk erzähle er mir dort auch von seiner beruflichen Laufbahn. Zwar gehörte er nicht mehr zur Generation Codeknacker von Bletchley Park, aber seine Ingenieur-Laufbahn führte ihn doch in die Welt des Geheimdienstes. Sechs Jahre arbeitete er als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Seite von Peter Wright beim Inlandgeheimdienst MI5, dem es in den 80er Jahren gelang einen russischen Spion in London dingfest zu machen. Die britische Regierung verbot 1985 die Publikation des Buches „Spy Catcher“. Es erschien dann trotzdem – in Australien.
Seine Passion galt der Kryptographie. Seine Internetseite zu diesem Thema zu den besten und kompetentesten Darstellungen in diesem Gebiet – leider erschienen sie nie in Buchform.
Fotos by Dominik Landwehr (dlandwehr@bluewin.ch)
NZZ vom 2.3.2007: Die Colossus-Rekonstruktion (von Dominik Landwehr)
Tony Sales Seiten: Codes & Cypers: http://www.codesandciphers.org.uk/
Mythos Enigma: hptt://www.mythos-enigma.ch
Posted by dominik at 22:48 | Comments (0)
30.12.09
Brief nach Auschwitz
Manchmal verdichtet sich in einem einzigen Dokument ein umfassendes - in diesem Fall unfassbares Geschehen. So in diesem Brief aus dem Jüdischen Museum Hohenems. Das Museum geniesst weit über die Region hinaus einen ausgezeichneten Ruf und ist mit dem Auto ab Winterthur in nur gerade einer Stunde zu erreichen.
Das Jüdische Museum Hohenems dokumentiert beispielhaft das Leben der jüdischen Gemeinde dieses Ortes. Sie erlebte in der Mitte des 19.Jahrhunderts eine kurze Blüte, schon ab 1860 verkleinerte sie sich stetig, vor dem Zweiten Weltkrieg lebte nur noch eine Handvoll Juden in diesem Ort.
Mit Hohenems verbunden ist auch das Schicksal der Familie Baum. Auf dem Begleittext lesen wir: "1943 schreibt Leopold Baum aus Schaan (FL) einen Brief an seinen Bruder in Auschwitz. Sie stammen aus der Hohenemser Familie Burgauer.Leopold ist mit seiner Familie rechtzeitig von Offenburg nach Schaan (FL) emigriert. Sein Brief kommt nach wenigen Monaten zurück mit dem Vermerk "Konzentrationslager verweigert Annahme des Briefes". Paul Baum ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am Leben.
Das Jüdische Museum Hohenems liegt übrigens nur 90 Autominuten von Zürich entfernt im St.Galler Rheintal auf der Höhe von Dornbirn.
Posted by dominik at 10:26 | Comments (0)
02.01.09
Schlaflos 2: Der Trost der Weltraumbilder
Der schlaflose Nachtwandler greift dann und wann zur Fernbedienung und hat dann nur ein einziges Ziel: Space Night vom Bayerischen Rundfunk.
Unverkennbar, Bilder der US Weltraumbehörde NASA. Am liebsten mag ich sie ohne Kommentar, nur mit Synthesizeer-Klängen untermalt. Schwerelos, buchstäblich schwerelos schwebt der Satellit über der Erde - und der Film scheint in Realzeit abzulaufen, denn es passiert buchstäblich fast nichts, nur dieses Schweben und diese Bilder der Erde. Betörend. Man kann sich diesen Bildern hingeben, ohne viel zu denken und irgend einmal verziehen sich dann auch die dunklen Gedanken und mit einem letzten Schluck Fencheltee gehts wieder zurück ins Bett...
"Gesättigt von den wunderschönen Bildern fallen die Augen irgendwann ganz von alleine zu. Sie schweben zurück ins Bett und träumen von einem Planeten, den Sie am liebsten erobern würden. Gleich morgen!" Schreibt die Süddeutsche Zeitung.
http://www.spacenight.de
Bilder: A) Night on Earth... B) Die Wüste Nur - Quelle: NASA
Posted by dominik at 22:18 | Comments (0)
Schlaflos 1: Hermann Hesse und die Bhagavad Gita
Immer wieder schlaflos. Stunden nachts mit den Schatten des Tages und den Gespenstern der Nacht. Ich bin nicht allein, im Gespräch versichern mir viele, es ginge ihnen gelegentlich ebenso. Grund genug, daraus ein Blog-Thema zu machen. Heute nur ein Gedicht zu diesem Stichwort von Hermann Hesse - einer jener Texte, der mich seit vielen Jahren begleitet hat.
Bhagavad Gita
Wieder lag ich schlaflos Stund um Stund,
Unbegriffenen Leids die Seele voll und wund.
Brand und Tod sah ich auf Erden lodern,
Tausende unschuldig leiden, sterben, modern.
Und ich schwor dem Kriege ab im Herzen
Als dem blinden Gott sinnloser Schmerzen.
Sieh, da klang mir in der Stunde trüber
Einsamkeit Erinnerung herüber,
Und es sprach zu mir den Friedensspruch
Ein uraltes indisches Götterbuch:
»Krieg und Friede, beide gelten gleich,
Denn kein Tod berührt des Geistes Reich.
Ob des Friedens Schale steigt, ob fällt,
Ungemindert bleibt das Weh der Welt.
Darum kämpfe du und lieg nicht stille;
Daß du Kräfte regst, ist Gottes Wille!
Doch ob dein Kampf zu tausend Siegen führt,
Das Herz der Welt schlägt weiter unberührt.«
Posted by dominik at 22:05 | Comments (0)