07.11.08

Czernowitz am Radio

Um Czernowitz gehts nicht nur auf dem Sternenjäger Blog, sondern auch in einer Sendung von Radio DRS 2: Zu hören ist der Beitrag von Martin Heule heute Freitagabend im Rahmen von Passage 2 - und zum Glück auch im Internet forever, hoffentlich jedenfalls.

Hier gehts zur Sendung - und hier zur Fotostrecke mit den bereits auf diesem Blog publizierten Fotos.

Kurzinfos zur Sendung aus dem Pressetext:

Der Spiegelkarpfen/ in Pfeffer versulzt/ schwieg in fünf Sprachen» erinnert sich Rose Ausländer, die Zeitungen erschienen in sechs Sprachen, in drei Schriften, die Menschen beteten in Dutzenden Kirchen, in über 70 Synagogen und Bethäusern. Czernowitz war polyglott und multikulturell. Jetzt wird die Stadt im Südwesten der Ukraine 600 Jahre alt und blickt mit Wehmut auf die glorreichen Zeiten, blickt weniger gern zurück auf den totalen Niedergang der Stadt - 1946 standen die unzerstörten Häuser wie eine Theaterkulisse, in der kein Stück mehr spielt, denn es war keiner mehr da.

Welche Zukunft hat nun das ukrainische Tscherniwzi vor Augen? Kann die Stadt an der Vergangenheit aus k.u.k.-Zeiten anknüpfen? Wie entwickelt sich die Stadt in einem Land, das zwischen Russland und Europäischer Union hin- und hergezogen wird? Martin Heule hat sich in Tscherniwzi umgesehen und umgehört.


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Posted by dominik at 14:25 | Comments (0)

10.08.08

streetparade 2008

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Eine Art moderne Fasnacht - die Party-Kultur erobert für einen Tag und eine Nacht die Zürcher Innenstadt. Ein modernes Jugendfest? - Nicht nur

Es scheint als würde die Streetparade mehr und mehr zu einem Anlass für die ganze Familie. Und nicht nur das: Eine Sonntagszeitung berichtet heute gar von einer Gruppe Seniorinnen und Senioren im Rollstuhl, die von ihren Pflegerinnen an die Streetparade gefahren wurden. Neckisch die Aufmachung der Begleiterinnen: Vorne Krankenschwestern - hinten, naja, da schweigt des Sängers Höflichkeit, denn da war (fast) nix als blanke Haut. Leider hab ichs nicht selber gesehen...

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Und zwischendurch tuts gut sich hinzusetzen - wie etwa die kleinen Teufelchen. Sie stammen übrigens aus Ravensburg.

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Ansonsten - ganz viel glückliche Leute. Wirklich. Umpf umpf. Das Wummern aus den Lautsprechern erzeugt ein sinnlich-wohliges Gefühl im Bauch. Überhaupt: Die Streetparade ist ein grosser Touristen-Magnet. Gerne würde man auch den Zürcher Sozialdemokraten Ledergerber mit tanzen sehen. Aber Ledergerber ist nicht Wowereit. Klar, ist ja auch hetero und nicht schwul wie sein Berliner Amtskollege...

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Noch mehr Bilder

Posted by dominik at 15:21 | Comments (0)

02.08.08

Kreative Missverständnisse um den Begriff "Zecken"

Von Zecken war in einem früheren Blogeintrag die Rede, in einem eher satirischen Sinn. Nun ist dieser Begriff offenbar vieldeutiger, als es beim ersten Blick scheint und Zecken in der Schweiz sind nicht das selbe wie Zecken in Deutschland.

Zunächst zu den Schweizer Zecken: Der Blogeintrag vom 31.Juli 2008 "Beitrag zum Schweizer Nationalfeiertag" spielte auf einen einigermassen merkwürdigen Zwischenfall an, in den eine Gruppe von Schweizer Soldaten kürzlich verwickelt war: Die Gruppe musste nämlich in einem zeckenverseuchten Gebiet biwakieren (übernachten) und ein guter Teil der Gruppe wurde prompt von den lästigen Insekten heimgesucht. Der Vorfall wurde publiik und verursachte etwas Aufregung über die Gefahren, die hierzulande den Soldaten (pardon: Armeedienstangehörige abgekürzt Ada's) zugemutet werden. Spitzt man die Geschichte zu - und erst in der Zuspitzung zeigt sich ja der wahre Charakter einer Geschichte - dann könnte ein vorderhand nicht existierendeer Böser Feind (abgekürzt Böfei) aus dieser Information eine Waffe machen. Die Schweizer Armee würden dann von diesem vorderhand nicht existierenden Böfei mit Insekten bekämpft. Dies würde wiederum nach Insektenschutzmitteln rufen, deren Einsatz aber aus umweltschützerischen Argumenten problematisch ist.

So weit die Schweizer Zecken. Nun zu den deutschen Zecken. Beate K. aus P. versteht meinen Zeckeneintrag anders, denn in Deutschland erhält der Begriff Zecken noch eine andere Bedeutung:

"Zecken ist bei uns ein ganz böses Schimpfwort der Rechten für die Linken! Ausländer und Zecken, das sind die Feinde der Rechtsradikalen..."

Alles klar?

Posted by dominik at 09:30 | Comments (0)

31.07.08

Unwetter zerstört Wassertalbahn in Nordrumänien

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Hiobs-Botschaft aus Rumänien: Das Unwetter von Ende Juli zerstörte mehrere Streckenabschnitte der Wassertalbahn im Norden des Landes. Diese Dampfbahn wird seit vielen Jahren mit viel Liebe von einer Gruppe von Rumänen und Schweizern gepflegt und musste schon mehrere Male vor dem Untergang gerettet werden.

Die Gegend von Viseu de Sus an der ukrainischen Grenze gehört für mich vielleicht zu den geheimnisvollsten und schönsten Gegenden Europas. Dass die Dampfbahn wieder fahren konnte, ist dem initiativen Berner Fotografen Michael Schneeberger zu verdanken, der das Projekt mit Hartnäckigkeit, Energie und wohl auch mit einer gehörigen Portion Schlitzhohrigkeit (braucht es in dieser Gegend) am Leben erhält. Die Dampfbahn ist heute eines der wichtigsten Tourismus-Magnete im Norden des Landes und fehlt auf praktisch keinem Prospekt.

Also, wenn der Sternenjäger was zur Rettung tun kann, dann will er es tun. Alle weiteren Infos gibts auf den Seiten der Wassetalbahn.

Die Urheberrrechte für das obige Bild liegen bei Michael Schneeberger.

http://www.wassertalbahn.ch

Reisenotizen des Sternenjägers vom Oktober 2007

Posted by dominik at 18:58 | Comments (0)

13.04.08

Blut klebt an Olympia

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Gedanken zum Thema Tibet, China, Olympiade.

Ich habe einen Traum: Eröffnungsfeier der Olympiade in Peking. Die Sportler aller teilnehmenden Nationen laufen im Stadion ein. Alle in den jeweiligen Nationalfarben. Die Fernsehkamera ist nun auf den Schweizer Olympioniken. Wie auf ein unsichtbares Kommando ziehen alle ihre T-Shirts aus ? darunter kommt ein zweites T-Shirt zum Vorschein: Es zeigt die Flagge Tibets. Die Fernsehkameras zoomen sofort weg. Die Feier geht weiter wie wenn nichts geschehen wäre. Aber der Skandal ist perfekt. Ausgerechnet die Schweizer. Die Weltpresse beginnt zu recherchieren. Der an sich schon überhitzte Medienapparat glüht. Was ist das für ein Land, in dem sich die Sportler so mit Tibet solidarisieren? ? Plötzlich sind die engen Beziehungen zwischen der Schweiz und Tibet im Rampenlicht. Und natürlich ist auch die Rede vom Tösstal?

So etwas wird nicht passieren, dachte ich vor kurzem. Nun bin ich nicht mehr so sicher: Schon der symbolträchtige Fackellauf ist ein einziges Debakel. Spektakuläre Aktionen in London, Paris, San Francisco?Kaum ein Tag vergeht, ohne dass Tibet nicht im Zusammenhang mit der bevorstehenden Olympiade ins Rampenlicht rückt. China reagiert mit Gewalt, Unverständnis, Wut. Der Dalai Lama wird in dieser Rhetorik zum Terroristen?

Klar ist schon jetzt: Die Sommer-Olympiade ? als gigantische Propaganda-Veranstaltung für die aufstrebende Wirtschaftsmacht China gedacht ? wird zum Rohrkrepierer. Zu gross sind die inneren Widersprüche dieses Landes. Es ist ja nicht die Unterdrückung in Tibet allein, die China ins Rampenlicht rückt. Es ist die Menschenrechtslage im Reich der Mitte überhaupt: Das Wegsperren von Dissidenten, die tausendfache Vollstreckung der Todesstrafe Jahr für Jahr, die Umweltzerstörung, die systematische Unterdrückung der Meinungs- und Pressefreiheit?

Ich muss dabei an eine Geschichte denken, die ich vor mehr als zehn Jahren erlebt habe: Ich half damals einer Winterthurer Firma, eine Konferenz zum Thema China vorzubereiten. Eine chinesische Delegation mit einer Ministerin an der Spitze hatte zugesagt. Für die Pressekonferenz mit der Ministerin sollte ich die exakten Fragen sammeln, welche die Journalisten stellen würden. Die Aufgabe war mir peinlich, ich erledigte sie, indem ich die Fragen selber erfand. Ein China-Spezialist sagte mir dann an der Pressekonferenz, die ganz ruhig über die Bühne ging, dass solche Vorbereitungen absolut normal seien im Umgang mit China. Normal? ? Für mich blieb der schale Nachgeschmack. China war und ist ein durch und durch autoritär regiertes Land in dem die Rechte des Einzelnen wenig bis nichts gelten, in dem keine Minderheit Schutz beanspruchen darf.

Wäre es besser, die Olympiade würde nicht in China stattfinden? ? Nein, im Gegenteil. Der Anlass ist gut um all diese Fragen aufs Tapet zu bringen. Wir leben nun einmal in einer Informations- und Mediengesellschaft: Die Anliegen der Menschenrechte, der Umweltzerstörung, die Unterdrückung der tibetischen Kultur ? das alles gehört auf die Agenda der Weltgemeinschaft. Und dort wird es auch bleiben. Es wird ein heisser Sommer.

Die Machthaber Chinas werden sich nicht freuen. Und die Olympia-Verantwortlichen werden sich die Augen reiben und sich fragen, ob sie mit ihrem Sportanlass nicht zur Legitimation dieses Unrechts-Staates beigetragen haben. Aber nicht nur sie: Auch unsere Wirtschaft und Politik wird sich Fragen gefallen lassen müssen: Wieviel Blut klebt an den Computern, den Textilien, den Güggeli aus China? ? Wieviel zerstörte Natur?

Die Frage bleibt: Was wird sich ändern? ? Vielleicht geht?s nicht nur darum, vielleicht ist es ja einfach auch wichtig, diese gigantische Propaganda-Show der Lügen und des Geldes (gilt auch für die Sponsoren!!) nicht einfach abzunicken und hinterher zu sagen, wir hätten nichts gewusst.

In: Standpunkte, Tössthaler vom 12.4.2008

Posted by dominik at 12:00 | Comments (0)

12.02.08

Bührles Bildeer sind weg - doch woher stammte das Geld des Stifters

Bührles Bilder sind weg. Verschwunden. Geraubt aus einer Villa im Seefeld. Grosse Betroffenheit und doch wagte in den ersten Moment keiner zu sagen, was allgemein bekannt ist. Das Geld des edlen Stifters stammte aus Waffenverkäufen in der Zeit des Zweiten Weltkrieges. Die besten Geschäfte machte Bührle mit Nazi-Deutschland.

Nur soviel: An diesen Bildern klebt Blut. Immerhin hats das 10vor10 heute abend ausgesprochen. Denn die Fakten sind längst bekannt, Historiker wie Jakob Tanner oder Thomas Buomberger traten denn auch vor die Kamera und tatsächlich ist diese Geschichte längst kein Skandal mehr, jedenfalls nicht im reichen Zürich. Die Kanonen, die Bührle so erfolgrerich verkaufte, kamen wohl auch an der Ostfront zum Einsatz. Damit wären wieder bei Wassili Grossman und seinem Roman "Leben und Schicksal".


Expertenkommission Schweiz Zweiter Weltkrieg

Speziell Band 11 zum Thema Rüstungsindustrie

Posted by dominik at 23:17 | Comments (0)

08.01.08

Schafft das Sechseläuten ab

Bürgerliche Zürcher Gemeinderäte wollen den 1.Mai als Feiertag abschaffen. Begründung: Es sei ein alter Zopf und nur noch Anlass für Randale. Wer sich mit derart dummen Ideen aufs Eis wagt, muss damit rechnen, mit den eigenen Waffen geschlagen zu werden. Weit mehr Gründe zur Abschaffung gibts nämlich beim erzbürgerlichen Sechseläuten.

Und zwar mit der genau gleichen Begründung: Es ist ein alter Zopf und gehört nicht mehr in die heutige Zeit. Und wer noch mehr stichhaltige Gründe braucht, bitte: Noch heute haben Frauen nichts verloren und bis vor kurzem waren Katholiken und Juden ausgeschlossen von einer Teilnahme und einer Aufnahme in die Zünfte. Da haben wir es: Antimodern, sexistisch, antisemitistisch. Eigentlich müsste man sich schämen, einen solchen Feiertag überhaupt noch im Kalender zu haben.

Ach ja: Tierquälerisch: Jeder, der etwas von Pferden versteht wird das bestätigen: Im Galopp um diesen brennenden und knallenden Böög zu rennen ist reiner Stress für die Tiere.Ja - und dann kommen noch die nächtlichen Alkoholexzesse der Zünfter dazu, die nicht angetan sind, als Vorbild zu dienen.

Wikipedia Eintrag zum Sechseläuten

Posted by dominik at 09:11 | Comments (0)

14.12.07

Blocher Schafe - remixed

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Posted by dominik at 15:43 | Comments (0)

13.12.07

Danke - Danke ? Danke Eveline Widmer-Schlumpf

Freude herrscht. Das Bonmot prägte der damalige SVP Bundesrat Adolf Ogi vor Jahren, als er den ersten Schweizer Astronauten im Space Shuttle per Funk begrüsste. Und es darf als Reverenz an den grossen und populären Politiker ? ein Mann aus dem Volk ? verstanden werden, wenn wir am heutigen Tag sagen: Freude herrscht. Freude und Erleichterung über die Wahl von Eveline Widmer-Schlumpf in den Bundesrat.

Donnerstagmorgen, 13. Dezember kurz nach acht Uhr im Vorortszug zwischen Zürich und Winterthur: Die Leute scheinen noch mehr als sonst ?eingestöpselt? zu sein und nesteln nervös an ihren Handies herum, im Bestreben den Radiosender im Tunnel nicht zu verlieren. Es ist 08.10. Nein, es gibt noch nichts Neues weiss mein Gegenüber. ? Dann plötzlich ein helles weibliches Lachen irgendwo im Zug, gefolgt von einem für die schweizerischen Verhältnisse ungewöhnlich lauten Ausrufs: ?Sie hat angenommen?. Erleichterte Blicke überall im Zug. Doch, ein guter Tag nimmt seinen Anfang!

Die Sache ist für Aussenstehende vielleicht doch etwas erklärungsbedürftig: Eben war die Schweiz noch ?the dark heart of Europe?. Die letzten Wahl und die Zugewinne der rechten SVP sorgten für Aufmerksamkeit weit über die Schweizer Grenzen. Die kompromisslos harte, polarisierende und aus meiner Sicht auch demagogische Wahlkampagne mit den schwarzen (Ausländer) Schafen hatte offenbar verfangen.

Und nun das: Der rechte Christoph Blocher abgewählt. Selten wurde ein Politiker in der Schweiz derartig abgestraft.

Keine grosse politische Analyse. Vielleicht nur soviel: es geht weniger um politische Inhalte sondern um die Art und Weise, wie diese vertreten und durchgesetzt werden. Christoph Blocher hat nachweislich verschiedene Male gelogen, zum Beispiel als er wider besseres Wissen geheimdienstlich produzierte Vorwürfe gegen Kosovo-Albaner als erwiesen bezeichnetet oder als er ausgerechnet in der Türkei das Antirassismus Gesetz als fragwürdig einstufte und damit dem ultranationalistischen Leugnen des Armenier-Holocausts in die Hände spielte?

Nein, die Schweizer Probleme sind nicht gelöst. Natürlich haben wir ein Problem mit Ausländern und auch mit der europäischen Integration. Es gibt auch in der Schweiz ein zunehemndes Demokratie-Defizit. Immer mehr wichtige Dinge werden uns von der Wirtschaft diktiert.

So gesehen ist der heutige Tag in einer historischen Perspektive zu sehen. Die Frage lautet im Kerne: Wie bewältigen wir die Modernisierung. Mit Polarisierung, Zuspitzung, mit Angstmache ? oder mit nüchterner Analyse und auch mit Vertrauen in unsere Fähigkeiten, Traditionen als kleines Land im Herzen von Europa! - Dazu zählt auch unsere humanitäre Tradition mit dem Rotkreuz Gründer Henri Dunant, unsere Tradition in Industrie und Handel, unsere Bildungssystem und vieles mehr.

Yep. We can do it!


Posted by dominik at 09:37 | Comments (0)

18.11.07

Rumänische Schweine und die EU

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Den rumänischen Schweinen gehts an Weihnachten an den Kragen. Das ist hierzulande nicht anders, wie man anhand der Wirtshausschilder, die für "Metzgete" werben, sieht. Als EU-Mitglied hat Rumänien nun ein Problem: Es muss sicherstellen, dass die Schweine EU-konform geschlachtet werden. Ein Ding der Unmöglichkeit....

4.5 Millionen Kleinbauern soll es in Rumänien geben - bei einer Gesamtbevölkerung von rund 20 Millionen. Entsprechend hoch die Anzahl der zu schlachtenden Schweine: 1.5 Millionen, so schätzt der oberste Veterinär des Landes. Und entsprechend gross ist offenbar auch die Aufregung, wie der ECONOMIST vom 17.November unter dem vielsagenden Titel "A dissertation on Romanian pork" berichtet. Gemäss EU Regeln müssen auch jene Tiere, die für den Hausgebrauch geschlachtet werden, tierschutzgerecht vom Leben in den Tod gebracht werden. Das heisst, sie müssen mit einem speziellen Gerät betäubt werden.

Pikant: Rumänien hat offenbar versucht, das Unheil von seinen Kleinbauern abzuwenden - mit dem Hinweis, dass die EU für jüdische und muslimische Bräuche auch Ausnahmen kenne. Njet hiess es aus Brüssel. Quid licet Iovi not licet Bovi - Was Juppiter darf, ist einem Ochsen noch lange nicht erlaubt. Hm, müsste es nicht heissen Schwein...Egal: Brüssel befand: Religiöse Bräuche und traditionelle Bräuche seien dann doch nicht in denselben Topf zu werfen.

So long. Keine Angst. Auch in Brüssel denkt man offenbar nicht daran, das Land deswegen abzustrafen. Es gäbe da noch ein paar andere kleinere Probleme...

PS: Apropos: Mir schmeckt eine Wurst von einem nicht Eu-konform geschlachteten rumänischen Schwein immer noch besser als ein holländischer oder deutscher Billig-Artikel aus dem Supermarkt von Tirgu Mures, Wielange war das Schwein unterwegs: Als es noch lebte - und als es tot war...

Wohl bekomms and Craciun fericit - rumänisch für Frohe Weinacht

Posted by dominik at 20:28 | Comments (0)

12.08.07

Das Welttheater, explodierende Engel und zwei Klosterschüler

Das Flugzeug ist dann doch nicht in die Doppeltürme des Klosters Einsiedeln gerast, dafür grinst uns auf der Werbung ein kleiner fetter Engel mit einem Sprengstoffgürtel entgegen. Die Rede ist vom Grossen Welttheater von Einsiedeln, dem vielleicht wichtigsten Kulturereignis dieses Sommers, das nach sieben Jahren wieder aufgeführt wird. Und auch diesmal hat der Schweizer Dramatiker Thomas Hürlimann wieder seine Hand mit ihm Spiel. Der fesche Engel reizt zur Frage, wie es aussieht, wenn die Dynamitstangen explodieren. Und ob sich das himmlische Wesen, nachdem es zerplatzt ist, wieder zusammensetzt wie der Terminator im Hollywood-Film. Und was ist mit den himmlischen Heerscharen, den Cherubim und den Seraphim, den Erzengeln Gabriel, Raphael und Michael?

Das Flugzeug ist dann doch nicht in die Doppeltürme des Klosters Einsiedeln gerast, dafür grinst uns auf der Werbung ein kleiner fetter Engel mit einem Sprengstoffgürtel entgegen. Die Rede ist vom Grossen Welttheater von Einsiedeln, dem vielleicht wichtigsten Kulturereignis dieses Sommers, das nach sieben Jahren wieder aufgeführt wird. Und auch diesmal hat der Schweizer Dramatiker Thomas Hürlimann wieder seine Hand mit ihm Spiel. Der fesche Engel reizt zur Frage, wie es aussieht, wenn die Dynamitstangen explodieren. Und ob sich das himmlische Wesen, nachdem es zerplatzt ist, wieder zusammensetzt wie der Terminator im Hollywood-Film. Und was ist mit den himmlischen Heerscharen, den Cherubim und den Seraphim, den Erzengeln Gabriel, Raphael und Michael?


Der Terror-Engel aus der Welttheater-Werbung ist nicht die einzige Provokation, das ganze Theaterstück zumal vor so gewichtiger Kulisse wie dem barocken Kloster, könnte als Provokation aufgefasst werden: War in der Urfassung des Grossen Welttheaters beim spanischen Dichter Calderon de la Barca 1650 noch alles klar im Sinn des christlichen Glaubens und kamen am Ende auch fast alle Protagonisten in den Himmel, so ist in der Fassung von Thomas Hürlimann nichts mehr klar: Der Endwind weht vom Sihlsee her, sirrend, bedrohlich, zerstörerisch. Er verstört die Menschen, aber nur wenige mögen in ihm das apokalyptische Zeichen erkennen, bis es zu spät ist. Und so liegt am Schluss alles in Stücken, die Spieler sind tot und alles was sie aufgebaut hatten zerstört. Hier gibt es keine Hoffnung, weder auf ein diesseitiges noch auf ein jenseitiges Paradies.


Das Grosse Welttheater in der Neufassung von Thomas Hürlimann ? es ist nach 2000 bereits die zweite ? ist ein starkes Stück und zwar in mehrfachem Sinn. Und es zeigt, wie sich die Zeiten geändert haben: So lange ist es noch nicht her, da genügte weit weniger für einen Skandal oder wenigstens ein Skandälchen. 1971 zum Beispiel ? da war der 1950 geborene Thomas Hürlimann gerade 20 und in der achten Klasse an der Stiftsschule des Klosters Einsiedeln. Im Fasnachtstheater spielte er bei der ?Die Schlacht von Lobositz? von Peter Hacks mit. Hauptfigur des Stücks ist der Schweizer Ueli Bräker, der auch als ?der arme Mann aus dem Tokkenburg? bekannt wurde. Bräker, Söldner im siebenjährigen Krieg, desertiert, weil er seine Haut nicht mehr verkaufen will. Seine pazifistischen Äusserungen stiessen 1971 beim jugendlichen Publikum auf Begeisterung und führten zu spontanem Applaus und das Ganze zu einem längeren Nachspiel in der lokalen Presse. Es wäre kurios, die Provinzposse heute anhand der damaligen Zeitungsausschnitte zu rekonstruieren.


Dabei waren die Benediktinermönche des Klosters durchaus nicht immer so tolerant und wohlwollend. Es gibt neben der liberalen und grosszügigen Tradition auch eine konservativ-engstirnige, die sich bis heute in der Haltung von Abt Werlen zu allerlei aktuellen Fragen fortsetzt. Auch hierzu gibt?s eine kleine Geschichte zu erzählen: Der Schreibende ? die Leser ahnten es wohl bereits ? trat just in jenem Jahr 1970 als zwölfjähriger Junge als Klosterschüler in die Stiftsschule Einsiedeln, als der acht Jahre ältere Thomas Hürlimann sein letztes Jahr absolvierte. Im Sturm und Drang der Pubertätswehen sah sich der Schreibende einmal ? es war wohl 1973 oder 1974 ? genötigt, einen Stellungsbefehl der Schweizer Armee auf dem Anschlagbrett der Schule mit einem kleinen Gegenplakat zu kontern, darauf war der berühmte Satz von Wolfgang Borchert zu lesen: ?Du Mann auf dem Dorf und Mann in der Stadt, wenn sie morgen kommen und Dir den Gestellungsbefehl bringen, dann gibt?s nur eins: sag Nein?. Das war nun wiederum starker Tobak für die Mönche und wenn ich mich recht erinnere, so haben sie getobt, unsere schwarz gekleideten Lehrer und Erzieher, die uns zuvor Wolfgang Borchert im Deutschunterreicht serviert hatten. So streng literaturhistorisch wollten wir den Text von Borchert nicht verstanden haben in unserer Suche nach Orientierungspunkten und Vorbildern. Selbstverständlich wollten wir provozieren. Dass man aber mit derart wenig so viel erreichen würde, hatten wir in den kühnsten Träumen nicht gehofft.


Die Zeiten haben sich geändert. Und dass sich die Schweizer Armee einmal mehr oder weniger selber abschaffen würde, haben wir damals nicht gedacht. Ein kleines Zeichen davon ist die Diskussion um die Taschenmunition der Schweizer Soldaten. Langsam aber sicher setzt sich die Erkenntnis durch, dass das kleine Paket mit den scharfen Schüssen wohl besser im Zeughaus bleiben soll. Und das ärgert meine Mitreisende ? sie ist offenbar in einem Schiess-Verein Mitglied ? in der S26 zwischen Kollbrunn und Winterthur derart, dass sie sich kaum erholen kann und ich aus reiner Menschliebe darauf verzichte, ihren Ärger zu kommentieren. Denn meiner Ansicht nach gehören auch die Waffen dorthin, und nicht ins traute Heim. Trotzdem, die Diskussion um die Taschenmunition wirft nicht mehr allzu hohe Wellen. Das wäre 1971 anders gewesen. Die Zeiten ändern sich.

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Posted by dominik at 10:30 | Comments (0)

28.09.06

PR-Menschen und Blogger

"Muss ich mich jetzt auch noch mit Amateur-Journalisten befassen", seufzte in diesen Tagen die Kommunikations-Chefin einer grossen Schweizer Firma. Und meinte: Nein, das geht zu weit. Hat sie recht?

Als Sternenjäger-Blogger, so würde man erwarten, müsste ich diese Frage eindeutig beantworten: Ja natürlich soll sie sich auch um die Gemeinschaft der Blogger kümmern. Aber so einfach ist es nicht: Selbstverständlich würde ich mir als PR-Leiter einer Firma ganz ähnliche Gedanken machen und möglicherweise zu ähnlichen Schlüssen kommen. Als bloggender Zeitgenosse liegt es mir ausserdem fern, mich bei PR-Leuten und Firmensprechern wichtig zu machen.

Trotzdem regt mich die Äusserungen zum Nachdenken an. Zum Beispiel über den Begriff des "Amateur-Journalisten". Dem Amateur steht der Profi, der professionelle Journalist gegenüber. Nun bin ich von den Leistungen ebendieser Profis in den letzten Jahren immer weniger beeindruckt.

Kostprobe: "Guten Tag, ich bin von Radio Energy. Sie machen doch das Projekt xy. Erzählen Sie doch mal, worum es da geht?". Nun, vielleicht sind solche idiotischen Nicht-Interviews sehr professionell, denn sie füllen genau die Sprechblasen zwischen der plätschernden Musik und sind billig in der Herstellung. Eine runde Sache also.

Zweites Beispiel zum Thema Professionalität: Die Internet-Enzyklopädie Wikipedia weckt das Misstrauen vieler Journalisten. Gewiss, es finden sich viele Fehler, Irrtümer, Halb- und Unwahrheiten darin. Nur müsste man folgendes bedenken: Wieviel davon finden sich denn in der Presse, in Radio und Fernsehen. Es ist einfacher, den Splitter im Auge des Anderen zu sehen, als den Balken im eigenen...

Könnte es nicht sein, dass die Begriffe Amateur und Profi in der rasant ändernden Medienwelt neue Bedeutungen erhalten: Dass die professionellen Medien mehr und mehr von Amateuren besetzt werden und die Amateur-Medien, wie eben Blogs und Community-Sites, von Profis?

Diese Entwicklung hat einen medienökonomischen Hintergrund: Je spezifischer und genauer eine Information, desto kleiner ihr potentielles Publikum. Umgekehrt: Je allgemeiner und ungenauer, desto breiter das Potential.Der Kulturwissenschafter Hartmut Böhme drückt das so aus:

..."je differenzierter, trennschärfer und dichter die Informationseinheit, um so geringer seine Verbreitung; je größer die Verbeitung, um so größer das Rauschen. Mit dem Index steigender Verbreitung nimmt das Rauschen zu, mit dem Index komplexer Information nimmt die Verbreitung ab. Dieses Gesetz ist mit dem des ökonomischen Mehrwerts verbunden. Je größer die Verbreitung, je geringer die Information, um so höher die Rentabilität. Und umgekehrt: Um so höher die Information, um so geringer die Verbreitung, um so geringer die Rentabilität....Man kann auch sagen: je mehr die mit dem höchsten Einsatz von technischer, ökonomischer und journalistischer Intelligenz erzeugte Informationsrate gegen Null tendiert, um so höher ihre Chance auf optimale Vermarktung. Und noch einmal anders gesagt: je dümmer und leerer, um so erfolgreicher und ertragreicher. "

Was heisst dies nun für die Ausgangsfrage unserer Kommunikationschefin. Ganz einfach: Die Medienwelt wird unübersichtlicher. Möglicherweise sind die interessantesten und spezifischten Informationen bald in Blogs und anderen Medienformen zu finden. Nur ändert das nichts, dass sie wohl auch in Zukunft nicht von den grossen Massen gelesen werden. Es gibt also auch weiterhin keine einfach Lösung. Aber erfolgreiche Kommunikationsprofis haben ja auch einen guten Instinkt ...

Hartmut Böhme: Medialer Machiavellismus
In: Fohrmann, Jürgen / Orzessek, Arno (Hg.): Zerstreute Öffentlichkeiten.
Zur Programmierung des Gemeinsinns; München 2002, S. 161-168.

Posted by dominik at 20:02 | Comments (1)

Von Menschen und Mäusen, von Kühen und Frauen

Ein Parlamentarier der rechtsbürgerlichen Schweizerischen Volkspartei SVP vertat sich in diesen Tagen in der Wahl der Worte und erklärte, eine Kuh würde man nach ihren Proportionen beurteilen, ganz ähnlich wie eine Frau. Er schuf damit einen kleinen Skandal - und die entsprechende Aufmerksamkeit. So what!

Seine Aussage ist zuerst einmal ein Verstoss gegen die "political correctness", was an sich schon amüsant ist. Wer das aber wirklich schlimm findet, möge sich einmal in einem Kuhstall umschauen - wie heissen denn die Tiere? -Cora, Elsa, Ella, Dana, Frederike? - Der Parlamentarier - übrigens selber Bauer - sieht das vielleicht selber auch ganz anders. Wahrscheinlich mag er seine Tiere.

Nochwas: Wie blöd sind denn Kühe wirklich? - Immerhin nicht so blöd, dass sie sich gegenseitig abknallen. Und es gibt meines Wissens auch keine muslimo-faschistischen Kühe, keine christo-und-was-weiss-ich-für-abartige Kühe. Und was kann eine Kuh dafür, dass sie sich nicht so gut ausdrücken kann wie ein SVP-Parlamentarier?

Posted by dominik at 19:45 | Comments (1)

24.09.06

Asylgesetz-Ja ist keine Tragödie

Die Schweiz sagt Ja zum verschärften Asylgesetz. Mit einem deutlichen Mehr, das keine Zweifel erlaubt. Auch in meiner Gemeinde (Zell) - wo eines der grössten Durchgangsheime für Asylbewerber ist und wo vor wenigen Wochen 1.2 Kilo Kokain sichergestellt wurden, laut NZZ bei zwei 21jährigen Bewohnern aus Liberia und Nigeria. Das deutliche Ja zum Asylgesetz ist keine Tragödie, auch wenn die Gegner dies anders sehen. Allerdings ist das Asylgesetz auch kein Lösungsansatz. Das Problem ist zu gross...

Was kümmert ein zur Auswanderung entschlossener in Liberia oder Nigeria - um gleich bei den beiden Staaten zu bleiben - ein mehr oder weniger scharfes Asylgesetz in der Schweiz? - Ich vermute, dass ihm das ziemlich egal ist. Zudem ist das Gesetz auch nicht für Leute wie ihn gemacht - er hat ja ausser der wirtschaftlichen Perspektivelosigkeit keine Gründe zum Weggehen.

Wirtschaftliche Perspektivelosigkeit? - Waren das nicht just die Gründe, welche die Europäer in den vergangenenen Jahrhunderten zu Millionen ausser Landes trieben: In die USA, nach Südamerika und oh Wunder, sogar nach Russland?

Könnte es also sein, dass wir den Sack (Begriff des Asyls) schlagen und den Esel (Migration) meinen. Dann sollten wir doch aufhören, über das Asylwesen zu rätseln und stattdessen über Migration zu reden Über die Millionen von Afrikanern, die darauf warten zu gehen, oder die bereits gegangen sind, und die Nacht für Nacht jämmerlich absaufen irgendwo im Atlantik draussen...oder meinetwegen auch im Mittelmeer.

Was wir bräuchten wäre eine mit den anderen europäischen Staaten abgestimmt Migrationspolitik. Das meinte auch der ehemalige Direktor des Bundesamtes für Flüchtlinge, Max Hadorn. Das Interview ist leiter - courtesy to the Tamedia - nicht online, weil die Tamedia AG das Internet immer noch nicht begriffen hat...

Etwas klüger machts der Spiegel - er schaltet die guten Stories im Lauf der Zeit online. Und just im Spiegel hab ich einen der allerbesten Berichte zum Thema Migration auch gelesen.

http://www.spiegel.de/panorama/0,1518,438742,00.html

Der Spiegel-Journalist zeichnet in diesem Bericht minutiös die Geschichte um die Flucht - oder müsste man sagen Emigration - des Liberianers John Ekow Ampan nach. Sie dauerte fünf Jahre!


Posted by dominik at 16:36 | Comments (0)

03.09.06

Zeindlers Agentroman "Der Schläfer" von 1993: Ein aktuelles Buch!

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1993 erschien im Zürcher Arche Verlag der Thriller "Der Schläfer" von Peter Zeindler. Das Buch ist vergriffen, vergessen und auch antiquarisch nur sehr schwer erhältlich. Schade. Geschrieben im scheinbaren Vakumm nach dem Endes des Kaltens Krieges - Thriller-Autoren sahen schon ihre Felle davon schwimmen - ist es auf eine beklemmende Weise aktuell. Oder waren die Informationen im Buch zu wenig verschlüsselt? - Tatsächlich hat sich der Autor wenig Mühe gemacht Namen, Orte und Geschehnisse zu verändern. Nur die Geschichte selber ist erfunden.

Ich habe dem Autor Peter Zeindler nach meiner Rückkehr vom IKRK 1990 ausführlich Bericht erstattet; er wurde plötzlich hellhörig und interessierte sich dann sehr genau für meine Erzählungen. So habe ich ihn auch dokumentiert, habe ihm Fotos gezeigt, Lokalitäten geschildert. Als ich sein Buch 1993 erschien war ich selber überrascht: Er schilderte vieles so, als hätte er es mit eigenen Augen gesehen.

Die Farben, die geschilderten Orte und auch die Menschen - sie sind real. Nur die Geschichte ist erfunden. Aber sie könnte wahr sein. Es hat mich im Nachhinein überrascht, dass nie jemand Bezug auf diese Dinge genommen hat.

afghanistan-buskashi-mike-m.jpg

Darum geht es: Ein Zürcher Journalist wird als IKRK-Delegierter an die pakistanisch-afghanische Grenze geschickt. Er gerät in eine Drogengeschichte und findet sich eines Tages im Gefängnis von Peshawar wieder. Ein US Diplomat arrangiert seine Freilassung - aber nun schuldet er ihm etwas. Der Journalist und IKRK-Delegierte ist zum Schläfer geworden. Immer wieder taucht im Buch die Beschreibung des wilden, afghanischen Reiterspiels Buskashi auf. Zeindler hatte nur meine Bilder - eines davon das nebenstehende - gesehen. Es zeigt den US Konsul Mike Malinowski bei der Übergabe der Ehrenpreise, eines traditionellen Turbans. Das US Konsulat hatte dieses Spiel arrangiert, man darf auch sagen "gesponsert".

Niemand konnte ahnen, dass nicht einmal zehn Jahre nach dem Erscheinen dieses Buches solche Schläfer auftauchen würden - allerdings nicht im Solde des CIA sondern eines Mannes, der sich in eben diesem Peshawar lange aufgehalten hat: Osama bin Laden. Gut möglich, dass er nur wenige hundert Meter von uns entfernt ein und ausgegangen ist. Und wer es genau wissen möchte: Wir lebten damals an der Khushal Khan Khattak Road in University Town, einem Vorort der pakistanischen Grenzstadt Peshawar. Links und rechts von uns eine fast unüberschaubare Anzahl von anderen Nichtregierungsorganisationen. Viele davon aus der islamischen Welt, namentlich aus Kuweit und Saudi-Arabien. Auffällig jeweils ihre Mitshubishi-Pajeros mit getönten Scheiben, auffällig auch immer die grosse Anzahl von bis an die Zähnen bewaffneten Leibwächtern.

Hier nun die ersten zwei Seiten aus Peter Zeindlers Roman.

Peshawar, Januar 1989

»jetzt«, sagte Malinowski und preßte seinen weichen Mund fest zusammen.

Martin Lanker schaute den fünfzigjährigen Amerikaner, auf dessen Kindergesicht sich frohe Erwartung spiegelte, von der Seite an. Seine Hände umklammerten die Knie. Die Knöchel waren weiß, und der kugelrunde Stein auf dem plumpen Siegelring sah aus wie ein drittes Auge. Die Gläser seiner randlosen Brille blitzten.

Er spürte, wie der Boden unter ihm bebte, und bemerkte gleichzeitig, daß sich Malinowskis Stiefelspitzen auf dem dunkelroten Teppich voneinander wegbewegten, als ob sich die Füße eine solidere Basis suchten.

Kehlige Schreie lösten sich aus dem fernen Grollen, das schlagartig zu explodieren schien. Die Reiter kamen im Schutz dichter Staubwolken aus allen Himmelsrichtungen herangestürmt, und als sie aufeinanderprallten, stieg eine quirlende Säule steil in den Himmel, quoll auseinander, formte sich zum Pilz, löste sich auf und sank in flimmernden Partikeln nieder.

»Fieber?«

Lanker zuckte zusammen. Daß der Amerikaner so genau über den Verlauf seiner Krankheit Bescheid wußte, ärgerte ihn. Seine Malaria war nicht lange zwischen ihm und seinem Arzt geheim geblieben.

»Malaria quartiana triplicata«, murmelte Malinowski scheinbar beiläufig und wandte sich wieder dem Geschehen auf dem Sportplatz zu. Schließlich fühlte er sich in gewisser Hinsicht zuständig für das, was sich da unten abspielte.

jetzt wurde der weiße leuchtende Kreis sichtbar, in dessen Zentrum das tote schwarze Lamm lag. Die Pferde tänzelten ängstlich an der Peripherie, doch ihre Reiter trieben sie mit Peitschen in immer neuen Attacken aufeinander zu, versuchten schreiend, den magischen Zirkel zu sprengen und sich die Beute zu krallen.

Lanker hatte die Regeln dieses Reiterspiels, das die Männer aus den afghanischen Flüchtlingslagern vorführten, nie durchschaut. Wenn sie aus allen Ecken der Arena auf den weißen Kreis zupreschten, wo der Tierkadaver lag, um ihn in einer akrobatischen Zirkusnummer, bei der sie kopfüber an ihren Pferden hingen, an sich zu reißen. Nur einem konnte dies gelingen. Verfolgt von der ganzen Horde, galoppierte dieser dann auf einen zweiten Kreis zu, in dessen Zentrum ein Fähnchen in den Farben des Propheten flatterte. Dort wagten die geschlagenen Verfolger nicht mehr einzudringen.

»Gefällt es Ihnen, Martin?« fragte Malinowski, ohne den Blick von dem Geschehen abzuwenden. »Ihr Abschiedsfest! «

Lanker überhörte den spöttischen Unterton nicht. Malinowski hatte ihn in der Hand. Er hatte seine Krankheit kaltblütig ausgenutzt. Und wenn Lanker auch am nächsten Tag nach Zürich zurückflog, würde das nichts an seiner Beziehung zu dem amerikanischen Diplomaten ändern.

»Hallo, Martin.«

Lanker rückte wortlos näher an Malinowski heran, um Chalid, seinem Kollegen vom türkischen Halbmond, der überraschend aufgetaucht war, Platz zu machen.

Chalid war Saudi. Mindestens behauptete er das von sich, auch wenn seine schieferblauen Augen nicht so recht in das Bild passen wollten, das man sich von einem Saudi macht.

»Ihr letzter Tag in Peshawar, Martin?« fragte Chalid.

Sie musterten einander, ihre Gesichter blieben ausdruckslos.

»Ein kurzer Aufenthalt. Drei Monate?«

Lanker nickte. »Vielleicht komme ich zurück, wenn die Ärzte zu Hause meine Malaria in den Griff bekommen haben.«

Chalids Pupillen zogen sich zusammen. Auch er wußte also Bescheid.

»Jeder sucht sich die Krankheit, von der er denkt, daß sie ihm Zuflucht bedeutet. Sie hätten nicht nach New Delhi reisen sollen!«

Lanker machte eine wegwerfende Handbewegung. Er war ärgerlich, aber Chalid war nun einmal eine Instanz, an der Lanker in seiner täglichen Arbeit nicht vorbeikam.

Chaild war Pressechef des Türkischen Halbmonds, der Parallelorganisation zum IKRK, für das Lanker tätig war. Allerdings vertrat er den autonomen, etwas undurchsichtigen saudiarabisch-kuweitischen Ableger des Türkischen Halbmondes, der in manchem ganz andere Ziele verfolgte als sein grösserer Bruder.

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Posted by dominik at 18:34 | Comments (1)

02.09.06

9/11 - im Versteck von Osama bin Laden

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Fünf Jahre seit 9/11. Einige merkwürdige persönliche Bezüge: An einem 11.September 1958 bin ich geboren, 9/11 ist also mein Geburtstag. Und die Gegend, wo Osama bin Laden sich verstecken soll, ist mir bestens bekannt: Süd-Waziristan, im pakistanisch-afghanischen Grenzgebiet. Auch genannt wird das weiter nordwestlich gelegene Chitral. 1987/88 habe ich als IKRK - Delegierter in Peshawar ein Jahr verbracht. Ein denkwürdiges Jahr. Dass aber die Erlebnisse und Gespräche damals auch noch mehr als 15 Jahre später so wichtig sein würden, ahnte ich damals nicht.

1987/88 lebte ich für ein Jahr in Peshawar - jener legendären Stadt am Fuss des Khyber Passes in Pakistan, nahe der afghanischen Grenze. Als IKRK-Delegierter hatte ich mich unter anderem mit den Kontakten zur Presse zu befassen. Zu meinen Aufgaben gehörte es aber auch, einmal im Monat einen unserer vorgelagerten Posten im Grenzgebiet zu besuchen - in jener berühmt-berüchtigter "Tribal Zone". Ein merkwürdiges Überbleibsel aus der Kolonialzeit, ein Gebiet, in dem die dort lebenden Stämme weitgehend nach ihren eigenen Regeln und Gesetzen leben durften.

Meist musste ich in ein Gebiet namens South-Waziristan, im dortigen Wana hatten wir einen Ersthilfe-Posten eingerichtet; von dort wurden Kriegsverletzte mit IKRK-Ambulanzen ins Spital nach Peshawar transportiert. Eine lange und äusserst beschwerliche Autofahrt, die einen Tag oder länger dauern konnte.

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Unsere Besuche dort musten gut vorbereitet sein und angemeldet werden. Die Reisen zählten für mich zum bizarrsten, was ich je erlebt habe: An der Grenze dieser Stammesgebiete angekommen, musste man zuerst eine bewaffnete Eskorte abwarten. Normalerweise war die Information respektive die Bewilligung dafür nicht bis zum zuständigen Beamten durchgedrungen, was wiederum stundenlanges Warten zur Folge hatte. Dann gings aber, meist am späteren Morgen, los. Unser Landcruiser, dahinter oder davor ein Pick-Up mit einer Gruppe abenteuerlich aussehender Pasthunen, allesamt bewaffnet mit altertümlichen Gewehren. Naivität oder Instinkt - ich fühlte mich auf diesen Fahrten nie auf das Geringste unwohl oder bedroht. Waffentragende Menschen gehörten in den Stammesgebieten zum Alltag und kein erwachsener Mann zeigte sich ohne seine Waffe in der Öffentlichkeit. Frauen waren ohnehin nicht sichtbar.

Unsere Besuche verliefen stets nach dem selben Ritual: Besuch in "unserem" Ersthilfe-Posten, dann zusammen mit dem Leiter desselbigen einige Höflichkeitsbesuche. Übernachtet wurde meistens in einer ehemaligen britischen Militär-Garnison, dort im so genannten "Guest House"; meist entschädigten die angehemen Temperaturen - man war auf rund 1000 Meter Höhe über Meer - und die Aussicht für die mangelhaften hygienischen Verhältnisse. Überhaupt - diese Landschaften in ihrer Kargheit, die kleinen Dörfer mit ihren ärmlichen Bazaren, hat sich tief in meine Erinnerung geprägt. Ich träume heute noch regelmässig von diesen Landschaften.

In den Tagen des Aufenthaltes in jenen Gebieten wurden dann die regionalen Hauptquartiere der afghanischen Widerstandesgruppen besucht. Immer mit der selben Frage: Gibt es Kriegsgefangene, die wir besuchen können. Die Antwort war stets dieselbe: Nein, wir haben keine Gefangene. Oder: Wir haben welche, aber die sind weit weg im Innern des Landes. Zu unserer Zeit war ein Besuch dort nicht möglich.

Dazwischen blieb Zeit. Viel Zeit. Ich habe in dieser Zeit leidenschaftlich fotografiert. Einen Teil der Bilder kann man sehen....

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Wir waren nie allein - immer war mindestens ein Fahrer und ein Übersetzer, ein so genannter Field Officer mit uns. Das waren in der Regel gut ausgebildete Afghanen, nicht wenige von ihnen hatten einen Universitäts-Abschluss. Unsere Gespräche erscheinen mir auch heute noch befremdlich - aber die Themen erscheinen heute, nach dem Ende des Kalten Krieges, nach zwei Irak-Kriegen, nach einem weiteren sinnlosen Waffengang in Israel und vor allem nach dem Trauma des 11.Septembers in einem anderen Licht.

Der Westen, so hörten wir immer wieder von unseren gebildeten Field Officers, der Westen ist dekadent. Dabei gibt es kaum Unterschiede zwischen dem Kommunismus der Sowjetunion (die damals Afghanistan besetzt hielt) und dem Kapitalismus, verkörpert durch die USA. Beide Systeme würden keine spirituellen Werte kennen. Der Islam ist beiden Systemen überlegen, mussten wir immer wieder hören. Am irritierendsten von allem die Aussagen über Hitler und die Verbrechen des Nazi-Regimes: Hitler, so meinten unsere Angestellten, hätte etwas Gutes gemacht, nämlich die Juden bekämpft.

Immer wieder kam unser angeblich mangelnde Respekt gegenüber den Frauen aufs Tapet. Das sei im Islam anders. Unseren Einwand, weshalb dann die Stimme einer Frau vor Gericht nur zur Hälfte zähle wurde abgeschmettert: Frauen sind schwächer, da sie ja einmal im Monat Blut verlieren würden.

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Ich habe diese Aussagen nie vergessen können. Auch den enormen Druck nicht, der auf uns lastete und uns die landesüblichen religiösen Regeln - etwa in der Kleidung -aufzwang. Eine Genfer Kollegin in Sandalen musste sich eines Morgens sagen lassen, der Anblick ihrer Füsse verletze die religiösen Gefühle (der Männer).

Und dann waren diese Erlebnisse plötzlich wieder da - und mir scheinen sie heute wie ein Prolog auf den Terror. Ich kann diese Aussagen nicht vergessen und die Irritation ist mehr als eine oberflächliche. Mir scheint in diesem kleinen Erlebnis der ganze Irrsinn dieseer Gegenwart eingefangen zu sein.

Lesen Sie auch: Zeindlers "Schläfer" von 1993 - ein aktuelles Buch

Posted by dominik at 23:10 | Comments (0)

20.08.06

Die geschichtlichen Fakten und die Häute der Zwiebeln - Gedanken zur Kontroverse um Günter Grass

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"Die Stunde der Pharisäer" ist angebrochen, schreibt Manfred Papst in der NZZ am Sonntag zur Kontroverse um Günter Grass und sein spätes Geständnis, Mitglied der Waffen SS gewesen zu sein. Ist das Buch und dieses Eingeständnis nicht einfach ein weiterer Beleg für den schwierigen Umgang mit der Erinnerung?

Wissen wir nicht längst, wie unzuverlässig, wie weich und veränderbar, ja wie formbar die Erinnerung doch ist. Dann wäre die Kontroverse freudianisch zu deuten - als Widerstreit zwischen dem Über-Ich, dem Es und dem Ich. So liest sich das Buch von Günter Grass mit ganz anderen Augen. Und das Bild der Zwiebel ist mit Bedacht gewählt, eindrücklich und unmittelbar klar:

"Die Erinnerung liebt das Versteckspiel der Kinder. Sie verkriecht sich. Zum Schönreden neigt sie und schreckt gerne, oft ohne Not. Sie widerspricht dem Gedächtnis, das sich pedantisch gibt und zänkisch rechthaben will. Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet sein möchte, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buchstab ablesbar stellt: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt.

Unter der ersten, noch trocken knisternden Haut findet sich die nächste, die, kaum gelöst, feucht eine dritte freigibt, unter der die vierte, fünfte warten und flüstern. Und jede weitere schwitzt zu lang gemiedene Wörter aus, auch schnörkelige Zeichen, als habe sich ein Geheimniskrämer von jung an, als die Zwiebel noch keimte, verschliessen wollen. Schon wird Ehrgeiz geweckt: dieses Gekrakel soll entziffert, jener Code geknackt werden. Schon ist widerlegt, was jeweils auf Wahrheit bestehen will, denn oft gibt die Lüge oder deren kleine Schwester, die Schummelei, den haltbarsten Teil der Erinnerung ab; niedergeschrieben klingt sie glaubhaft und prahlt mit Einzelheiten, die als fotogenau zu gelten haben: Das unter der Julihitze flimmernde Teerpappendach des Schuppens... auf dem Hinterhof unseres Mietshauses roch bei Windstille nach Malzbonbon... der abwaschbare Kragen meiner Volksschullehrerin, des Fräulein Spollenhauer, war aus Celluloid und schloss so eng, dass ihr Hals Falten warf... Die Propellerschleifen der Mädchen sonntags auf dem Zoppoter Seesteg, wenn die Kapelle der Schutzpolizei muntere Weisen spielte ... Mein erster Steinpilz ... Als wir Schüler hitzefrei hatten...Als meine Mandeln schon wieder entziindet waren... Als ich Fragen verschluckte...

Günter Grass. Beim Häuten der Zwiebel. Göttingen 2006. Steidl. S.8/9

Ein ganz anderer Titel kommt mir beim Lesen dieser Stelle in den Sinn: Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin beschäftigt sich in einer seiner Publikationen mit einer ganz wesentlichen Frage der Geschichtswissenschaft - der Wahrheit der so genannten Fakten. Denn, so schreibt er, auch die sogenannten Fakten führen kein Eigenleben, jenseits von Kritik und Reflexion. Denn auch sie, haben ?immer schon Masken getragen, auf falsche Namen gehört und in erborgten Sprachen, neue Geschichten erzählt?.

Sarasin, Philipp: Geschichswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt 2003. Suhrkamp. S.8.

Posted by dominik at 11:27 | Comments (0)

02.08.06

Baulärm im Tösstal

Im Tösstal wird gegenwärtig gebaut. Viel gebaut. Und das geht nicht ohne Lärm. ? Zum Beispiel 30 Meter vor unserem Haus gleich an der Tösstalstrasse. Da baut der Kanton am Strassenbelag. Zwei temporäre Rotlichter erzeugen Warteschlangen, Lärm und Abgase und irgendwo gibt?s eine ebenso temporäre Schwelle. Holterdipolter, je grösser das Auto desto grösser der Lärm, am meisten rumpelt es bei LKW's. Etwas weiter unten wird an einer monumentalen neuen Brücke über die Töss gearbeitet, sie soll einmal den altersschwachen Übergang bei der Au ersetzen. Sicher sinnvoll. Angesichts der umfangreichen Bauarbeiten frage ich mich aber: Musste das wirklich sein

STANDPUNKTE 6.August 2006
Baulärm im Tösstal

Aber um diesen Lärm geht?s mir eigentlich nur am Rande. Denn wir spüren noch einen ganz anderen Lärm. Vor einigen Monaten ? mitten in diesem langen Winter ? klingelt es an unserer Türe. Draussen steht ein Mann der triumphierend verkündet: So, jetzt ist dann Schluss mit Eurer Aussicht: Jetzt wird gebaut. Vierstöckig. Auf wiedersehen. Hoppla, haben wir gedacht. Und: Anstand ist die Tugend der Könige. Aber allzu ernst nahmen wir die Sache nicht, schliesslich hatten schon einige andere Bauherren zuvor ihr Glück auf diesem Grundstück versucht - mit Häusern aller Art. Kein Mensch wollte kaufen, kein Wunder, gleich an der lärmigen Strasse. Dann verkaufte der Besitzer das Land für 250 Franken den Quadratmeter. So konnte man es jedenfalls auf einem auffälligen Transparent lesen.

Vor zwei Wochen machten sich Bauarbeiter auf dem Nachbargrundstück zu schaffen. Und steckten einen riesigen Bau aus ? mit Türmen, die in den Himmel ragen. Mindestens aus unserer Sicht: Wenn der kommt ist tatsächlich nix mehr mit Sonne. Oder fast nix mehr. Die Arbeit muss anstrengend gewesen sein, so hohe Stangen hat hier wohl noch keiner gesehen. Und weil es so anstrengend war, pisste der Arbeiter zum Schluss noch in unseren Garten, äxgüsi, an den Gartenzaun. War ja niemand zuhause, so glaubte er, und überhaupt, fertig mit der Aussicht, also kann man auch an den Gartenzaun pissen.

Die hohen Stangen wiederum erinnern uns an andere Hochbauten im Dorf. An Michael Jackson, der als aufblasbare Gummipuppe oder so ähnlich eine Zeitlang das Hotel Rössli alias Hotel Ibiza verschönerte. Das sorgte für so viel Aufmerksamkeit, dass sich sogar ein japanisches Touristenpaar davor fotografieren liess. Ob die wussten, dass das Hotel Rössli alias Hotel Ibizia ein Bordell ist? ? Egal, das weiss zuhause in Japan auch keiner.

Ein anderer Hochbau in unserer Nachbarschaft ist ein überdimensioniertes Holzkreuz. Mich erinnert es immer an den Klu-Klux-Klan, besonders wenn es nachts erleuchtet ist.

Zurück zum Platz mit dem Baugespann. Vor nicht allzu langer Zeit war da mal eine Wiese mit einem blühenden Blumen- und Gemüsegarten drin. Dann kam das erste Bauprojekt: Garten und Blumen, von einem alten Mann über Jahre liebevoll gepflegt, wurden über Nacht platt gemacht. Wiese und Blumen verschwanden, der Humus wurde auf Lastwagen verladen und wegekarrt. Übrig blieb eine öde Kieslandschaft. Aber dann hatte Luigi mit seiner Taxi-Pizza.seinen Auftritt und sorgte für einen kleinen Höhepunkt auf dem tristen Kiesplatz. Sehr zum Vergnügen unserer Kinder, die ihr Sackgeld sofort in Pizzas investierten und uns damit erpressten. Wenn es nicht bald was zu futtern gibt bestell ich mir ein Pizza?.Luigi wollte bleiben, was ihm die Behörden nicht gestatteten und auch wir angesichts der zu erwartenden Begleiterscheinungen wie pissende Gäste (siehe oben) befürchteten. Kurzes Aufatmen war angesagt. Dann war wieder Ruhe. Im Herbst sammelte sich das Wasser auf dem Platz und im Winter gefror es. Und einmal fuhr nachts ein Auto in den Gartenzaun an der Tösstalstrasse und am nächsten Tag fragte die Polizei, ob jemand etwas gesehen hatte?.

Um die nächste Ecke bei unserem Haus war früher eine noch grössere Wiese mit einem mächtigen Kastanienbaum. Die Kastanien fielen im Herbst holterdipolter runter und landeten manchmal auf unserem Laternenparkplatz, sprich auf dem Auto, das jedes Jahr ein paar Dellen mehr hatte. Uns störten die Kastanien-Dellen nicht. Damit war dann vor einigen Jahren auch Schluss. Dafür gibt?s dort heute 32 Reihen-Einfamilienhäuser. Ach ja ? beim Bauen entstand fast keinen Lärm, weil schnell gebaut wurde. Auf ein solides Fundament aus Bauschutt. Darüber dann wieder Humus.

32 Reihen-Einfamilienhäuser: Verdichtetes Bauen. Auch vor unserer Nase, Sie wissen ja schon. Darüber haben wir wahrscheinlich auch mal abgestimmt. Viergeschossig, schliesslich macht das ja an der Strasse nix.

Ach ja, noch etwas: Ein viergeschossiger Riegel mit einem paar turmartigen Liftschächten vor der Nase hält den Lärm prima ab und sorgt im Sommer für kühlenden Schatten. Vielleicht sollten wir die Sache so sehen?.


Der Beitrag erschien im "Toessthaler" vom 2.August 2006

Posted by dominik at 21:54 | Comments (0)

22.07.06

Libanon-Krieg: Fassungslosigkeit

Zuerst war es Unverständnis, später Wut. Aber jetzt herrscht nur noch pure Fassungslosigkeit, angesichts der Gewalt mit der Israel den Libanon überzieht: Hunderte von Toten Zivilsten, über eine halbe Million Vertriebene und eine zerstörte Infrastruktur. Gedanken zum Krieg in Nahost

Was die einen als legitime Selbstverteidigung ansehen, gerät immer mehr zur zynischen Rechtfertigung eines zerstörerischen Feldzuges, dessen Bilanz reines Entsetzen erzeugt. Angesichts dessen erscheint der Leitartikel in der Neue Zürcher Zeitung vom Samstag 22.Juli nur noch zynisch. Politische Analyse losgelöst von humanen (nicht humanitären) Überlegungen - kann es so etwas überhaupt geben?

"Irgendwann entzieht sich jeder Krieg dem Verständnis einer breiteren Öffentlichkeit. Die Empörung über die steigende Zahl ziviler Opfer, über die Zerstörung lebensnotwendiger Infrastruktur und über die Vernichtung zivilisatorischer Errungenschaften verdrängt die Fähigkeit und die Bereitschaft, die Mechanismen militärischen Handelns noch «zu verstehen». Die Komplexität eines Konfliktes wird auf einfache Formeln reduziert: Wer ist stärker, wer schwächer, wer leidet mehr, wer weniger? Emotionen ersetzen Objektivität. So werden aus Opfern plötzlich auch Täter, aus Verteidigern Aggressoren, das tragische Einzelschicksal wird zum Massstab für die Verhältnismässigkeit der Handelnden.

Zwei Überlegungen drängen sich für mich auf: Mittlerweile hat wohl jeder begriffen, dass der Konflikt im Nahen Osten mit den traditionellen Kriterien nur noch sehr schwer gefasst werden kann. Hier geht es um einen assymmetrischen Konflikt: Auf der einen Seite eine hochgerüstete Armee, die mit allem kämpft, was mit Geld und den USA beschafft werden kann. Auf der anderen Seite eine Guerilla und schliesslich die vom Iran unterstzte Hisbullah, die nur darauf wartet, zuschlagen zu können und jede sich bietende Gelegenheit ausnutzt.

Die grösste Bedrohung für die Sicherheit Westeuropas stellt heute der Terrorismus dar - und Konflikte wie der heutig liefern die besten Argumente für die Rekrutierung neuer Selbstmordattentäter. Das nächste 9/11 kommt bestimmt - nur wird es dann zu spät sein.

Welche Perspektiven gibt es für die Region? - Wer die heutigen Entwicklungen verfolgt kommt zu düsteren Erkenntnissen. Was wird sein, wenn die Hisbullah-Raketen nicht mehr nur Nadelstiche sind, sondern effektive, tödliche Massenvernichtungswaffen? - Wie wird Israel dann zurückschlagen? - Man wagt sich die Folgen nicht vorzustellen. Nahost in Flammen? - Ist das die Zukunft? - Es gibt im Moment nichts was darauf hindeutet, dass es eine andere Perspektive gibt.

Die westlichen Staaten und mit Blick auf den Erdölpreis auch die USA müssten eigentlich alles Interesse haben, das Grundübel des Konfliktes zu lösen: Das Palästinenserproblem. Denn solange es keine gerechte Lösung für die Palästinenser gibt, gibt es im Nahen Osten keinen Frieden.

Ein weiterer Eintrag zum Thema

Posted by dominik at 21:56 | Comments (0)

16.07.06

Libanon vor einem Bürgerkrieg - und die Welt schaut zu

Auge um Auge, Zahn um Zahn - das scheint gegenwärtig die Währung im Nahen Osten zu sein. Unerträglich die Nachrichten, die Bilder und unerträglich die Arroganz Israels. Aber: Who cares. Man zahlt die steigenden Benzinpreise, der Rest ist weit weg und schliesslich ist man sich aus dieser Weltregion seit Jahrzehnten nichts Anderes gewohnt.

Auch die Classe Politique ist nicht sonderlich beunruhigt. Zwar gab die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey eine eindeutige Stellungnahme ab, sehr zum Missfallen jüdischer Kreise in der Schweiz - aber sonst? - WM, Sommerferien und Party scheinen wichtiger zu sein. Überhaupt: Die 70er Jahre waren zwar kulturelle weitgehend eine Einöde, dafür spielte Politik eine Hauptrolle. Nicht so heute: Dank munter sprudelnden Kulturgeldern und ebensolchen aus dem Verkauf von Alkoholika stammenden Party-Einnahmen ist Fun+Party+vielleicht noch ein Häppchen Gegenwartskunst wichtiger als Politik und der Nahe Osten ist weit weg.

Immerhin rücken die beiden grossen Zeitungen NZZ und Tages-Anzeiger die Dinge ins richtige Licht. Die"NZZ am Sonntag: "Geduldige Geheimdiplomatie mit dem Ziel des Gefangenenaustausches wäre hier wohl erfolgsversprechender. Als gänzlich unverhältnismässig erscheinen die Bombardierungen im libanesischen Kernland".

Roger de Weck bemüht in seinem Kommentar in der heutigen SonntagsZeitung das US Handbuch für den Kampf gegen Aufständische. Sogar dieses Handbuch kommt - man staunt - zum Schluss, dass die zivile Bevölkerung in einem Konfliktfall zu schützen sei. Nicht etwa weil die Genfer Konventionen dies wollen, sondern ganz einfach, weil zivile Opfer Motivation zu neuen Kämpfen liefern würden. Und dann:

"Israel macht das Gegenteil. Es verfolgt faktisch eine Verelendungsstrategie. Nie entwarf es einen Marshall-Plan, um die palästinensische Wirtschaft aufzurichten und eine Mitttelschicht zu errichten...Stattdessen erfahren Händler und Bauern Schikanen ohne Ende. Im Gazastreifen, den Israel bewusst dem Chaos überliess, zerstör es die von Europa finanzierte Infrastruktur....Israel will sich behaupten, indem es sich noch mehr Feinde macht. "

So ist es. Die Gewaltspirale dreht sich weiter. Und Israel-kritiker in der Schweiz und anderswo müssen sich weiterhin gefallen lassen, als Antisemiten abgestempelt zu werden. Das geht nicht. Israel ist ein Staat wie jeder andere auch. Und diesem Staat muss gegenwärtig Einhalt in seinem Tun geboten werden. Denn im Nahen Osten steht mehr auf dem Spiel: Mit einer Konfrontation mit Syrien und dem Iran - gegenwärtig durchaus mögliche Szenarien - wäre keinem gedient. Den Zivlisten am wenigsten. Übrigens auch der israelischen Bevölkerung.

Posted by dominik at 21:22 | Comments (1)

04.07.06

Israel und die Palästinenser:

Israel macht in diesen Tagen mit einer Reihe von militärischen Aktionen gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten von sich reden: Politiker werden in Massenverhaftungen eingesackt, zivile Ziele beschossen, die Stromversorgung für 600 000 Menschen zerstört. Auslöser der jüngsten Aktionen war die Entführung eines israelischen Soldaten und die damit verbundenen Forderungen nach einem Gefangenenaustausch, den Israel kategorisch ablehnt.

Die Nachrichten aus Israel haben in diesen Tagen ? einmal mehr ? einen Grad von Unerträglichkeit erreicht, der schwer zu überbieten ist. Israel rächt die Entführung eines Soldaten und hält sich an der palästeninenschen Zivilbevölkerung schadlos, um damit den Druck auf die Regierung zu erhöhen. Das ist ein krasser Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht und mehr noch, es ist ein Verhalten, das aus moralischer Sicht als verabscheuungswürdig bezeichnet werden muss. Es erinnert an dunkelste Zeiten unserer Geschichten. "Auf daß die Verfolgten nicht Verfolger werden", hatte die die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs in einem ihrer Gedichte in den 60er Jahren geschrieben ? die Beschwörung ist längst Realität geworden.

Viele Angehörige der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz kritisieren die Berichterstattung über den Konflikt als einseitig. Ich teile diese Einschätzung nicht und möchte ihnen zu bedenken geben: Diesmal steht Israel auf der Seite der Stärkeren, politisch, militärisch und wirtschaftlich unterstützt von der Weltmacht USA, deren Nahostpolitik gerade in den letzten Jahren so viel Leid in die Region gebracht hat.

Wie weiter: Warum nicht nachgeben ? warum keinen Austausch? ? In diesem Konflikt kämpfen junge Männer gegeneinander, die genau betrachtet eigentlich noch Kinder sind. Sie haben etwas besseres verdient ? auch Politiker hüben und drüben, die nicht nur das Brett ihrer stumpfen Ideologie vor dem Kopf haben. Wer selber Kinder in diesem Alter hat kann diese sinnlose Schlächterei nicht ansehen. Wahrlich, wir leben in düsteren Zeiten?

Ich gehöre zu jener Generation, denen in den 70er Jahren Respekt, ja Begeisterung für den jungen Staat Israel eingepflanzt wurde. Beide sind längst verflogen und haben einem andauernden Kopfschütteln Platz gemacht, das immer mehr in Unverständnis und Wut umschlägt.

Es ist noch nicht lange her, da sind Schweizer Politiker und Militärs nach Israel gepilgert ? mit jeweils den verschiedensten Gründen. Die abstruseste derartige Mission, die mir zu Ohren kam, absolvierte ein Informationsspezialist der Armee, der sich vor Ort über die Bedeutung des Radios zur Information der Bevölkerung in ausserordentlichen Lagen briefen liess. Es wäre an der Zeit, unsere Politiker und Militärs wieder zu Reisen dorthin zu motivieren: Als Menschenrechtsbeobachter, eingeladen oder nicht eingeladen, erwünscht oder unerwünscht. Ich wünsche mir, dass unser Land eine aktivere Rolle übernimmt.

Posted by dominik at 22:02 | Comments (0)

02.04.06

Auf dem Rücken des Walfischs

Die 700seitige Familiensage "Melnitz" von Charles Lewinsky hat mich beim Schreiben der Kolumne "Mein Standpunkt" im Tössthaler vom 1.April 2006 inspiriert.

?Hinschauen und Nachfragen? heisst ein neues Schulbuch, das in diesen Tagen erschienen ist. Es beschäftigt sich mit der Rolle der Schweiz im Zweiten Weltkrieg und speziell mit den Resultaten des Bergier - Berichtes. Die SVP hatte die Publikation dieses Buches schon während der Vorarbeiten kritisiert und bekämpft und äusssert sich auch jetzt entsprechend negativ. Das ist ganz gut so. Die heftige Reaktion gerade aus diesen Kreisen zeigt, dass das Thema offenbar auch heute noch kontrovers ist und solche Kontroversen gehören in die Schulstube. Mir persönlich sind solche Reaktionen lieber als gleichgültiges Schulterzucken. Keine Angst. Ich teile die Meinung der SVP nicht.

Ich werde mir bei Gelegenheit ein Exemplar des Buches besorgen. Es gehört in meiner Bibliothek neben die Biografie des St. Galler Polizeihauptmannes Paul Grüninger, der Hunderten, vielleicht Tausenden von Juden aus dem benachbarten Deutschland zur illegalen Einreise in die Schweiz verhalf. 1940 wurde er dafür vom Dienst suspendiert und verurteilt. Erst 1993 ? fast 50 Jahre nach Ende des Krieges! - hat ihn die St.Galler Regierung rehabilitiert. In St.Gallen, Stuttgart und Zürich gibt es Strassen, die nach ihm getauft wurden. In Wien sogar eine Schule!

Wo liegt die historische Wahrheit? ? In den Erinnerungen der Aktivdienstgeneration, in den Analysen der Historiker? ? Tatsache ist, dass jede Generation die Geschichte in der Auseinandersetzung wieder neu und anders beurteilt. Wer sich für Geschichte interessiert, muss sich auch für die Geschichten interessieren und manchmal sind Schriftsteller nicht nur gute Geschichtenerzähler sondern auch gute Geschichts-Vermittler.

Mit atemloser Spannung habe ich in diesen Tagen den Roman ?Melnitz? des Zürcher Schriftstellers Charles Lewinksy gelesen. Lewinksky erzählt die Geschichte einiger Familien aus dem aargauischen Lengnau ? dem einzigen Ort in der Schweiz, wo sich im 18. und 19.Jahrhundert Juden niederlassen durften. Erst 1874 erhielten die Schweizer Juden Niederlassungsfreiheit die vollen Bürgerrechte ? und genau in jener Zeit beginnt die Geschichte der Familie Meijer. Wir erleben ein Stück Schweizer Geschichte, die zwar erfunden, aber trotzdem wahr ist. Janki Meijer, ein entfernter Verwandter stürzt mit einem blutigen Verband am Kopf in die Stube und damit beginnt eine Geschichte über fast 800 Seiten und fünf Generationen. Sein Verband war eine Finte, um sein Geld sicher heim zu bringen. Zwei Weltkriege durchleben die Familien in diesem Buch. Der Holocaust, der Massenmord an den sechs Millionen europäischer Juden ist beklemmend präsent, als von der nach Deutschland ausgewanderten Familie von Ruben Kamionker plötzlich kein Lebenszeichen mehr kommt ? Telefonanrufe führen ins Leere. Eine unterbrochene Telefonleitung aus der sicheren Schweiz?. Keine Anklage. Nur eine beklemmende Schilderung.

Und immer, wenn es allen gut geht, meldet sich ein Gespenst. Der verstorbene Onkel Melnitz. Er ist ein Skeptiker. Hier habe ich gegen Schluss des Buches ein Bild gefunden, das kaum besser die Schweiz in jenen Tagen beschreibt:
"Das Erzählen machte ihn lebendig. Neue Geschichten hatte er mitgebracht, viele neue Geschichten, jede einzelne so tödlich lebendig, dass die alten dagegen verblassten. In der modernen Zeit wird alles größer und besser und effizienter. Sechs Millionen neue Geschichten, ein dickes Buch, aus dem man eine Generation lang würde vorlesen können, ohne sich ein einziges Mal zu wiederholen. Geschichten, die nicht zu glauben waren, schon gar nicht hier in der Schweiz, wo man all die Jahre auf einer Insel gelebt hatte, auf trockenem Boden mitten in der Überschwemmung. Geschichten, die nicht in die Köpfe wollten, nicht hier, wo die Vorräte nie ausgegangen waren. Man hatte zum Kochen sein Feuer angezündet und nicht gemerkt, dass man es auf dem Rücken eines Riesenfisches tat, der sich nur einmal im Wasser wälzen musste oder mit den Flossen schlagen, und schon war man erdrückt und erstickt und ertrunken. Man hatte es nicht gewusst, hier in der Schweiz. Man erfuhr es erst jetzt und hätte es lieber nie erfahren."

Schweizer Geschichte aus der Sicht einer Minderheit, zu deren Geschichte die ständige Bedrohung gehört. Ein klein bisschen Angst ist immer da; zahlreich sind im Roman Melnitz die kleinen Geschichten, die den handelnden Figuren immer wieder zeigen, dass sie doch anders sind, nicht dazu gehören. Und damit verbunden die Angst: Es könnte wieder anders werden?. Die Sicherheit, die wir heute empfinden, könnte eine trügerische sein. Eine Idee, die mich nachdenklich werden lässt. Solidarität, Demokratie, Toleranz ? Werte, die uns selbstverständlich scheinen, sind es vielleicht doch nicht, müssen immer wieder neu erarbeitet, manchmal auch erkämpft werden.

Ein Gedanke hat sich beim Lesen dieses wunderbaren Buches bei mir festgesetzt: Es gibt in der Schweiz eine Tradition der Toleranz ? es gibt aber auch das Gegenteil davon. Es gibt eine Tradition der Grosszügigkeit ? und des Geizes. Das gilt in materiellen aber auch in religiösen Dingen. Das Glas ist entweder halb voll oder halb leer. Ich habe mit für die erste Variante entschieden: Unser Glas ist halb voll. Religiöse Toleranz und Respekt haben Tradition und diese müssen wir weiter pflegen und entwickeln.

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Posted by dominik at 11:45 | Comments (0)

15.01.06

CIA-Gefängnisse: Was waren die Quellen?

Vor einer Woche machte der SonntagsBlick mit einer angeblichen Enthüllung Schlagzeilen. Nun zeigt sich, dass mein damaliges Misstrauen berechtigt war.

Die Geschichte um den geheimnisvollen Fax aus dem ägyptischen Aussenministerium scheint sich langsam zu klären. Schon vor einer Woche äusserte ich kritische Einwände: Warum ist ein solcher Fax nicht verschlüsselt? - Entweder weil er von anderen Geheimdiensten gelesen werden soll, oder weil die Informationen darin irrelevant respektive allgemein zugänglich sind. Nun scheint sich letzteres zu bestätigen: Der Fax enthielt offenbar kein Geheimmaterial.

Und was folgt daraus: Diese Hypothese hätte man schon zu Beginn aufstellen können.

Allerdings: Die Veröffentlichung hat in der Schweiz und offenbar auch im Ausland einen gewaltigen Wirbel erzeugt. Ein Reizthema. Die Vermutung, dass es in Europa solche geheimen Foltergefängnisse gab ist nicht vom Tisch. Die USA schweigen zu diesem Thema. Das ist ungut. Aber auch die europäische Regierungen zeigen sich zugeknöpft. Ich denke, es wäre Zeit die Fakten auf den Tisch zu legen - wie auch immer sie ausfallen mögen.

Posted by dominik at 11:27

08.01.06

Schweizer Abhör-Report bestätigt CIA Foltergefängnisse

Wenns stimmt, dann ist es ein richtiger Scoop: Ein Abhörreport des Schweizer Nachrichtendienst bestätigt die Existenz von Foltergefängnissen in Europa, u.a.auch in Rumänien. Die Sache hat nur einen Haken

Ans Licht gekommen ist die Geschichte durch einen Artikel im SonntagsBlick vom 7.Januar 2006. Die Zeitung veröffentlicht nämlich den als geheim taxierten Abhörreport des Schweizer Nachrichtendienstes. Quelle ist ein Fax des ägyptischen Aussenministeriums an die ägyptische Botschaft in London.

So weit so gut. Die Bundesverwaltung ist alarmiert und der Ringier Verlag wird seine Juristen demnächst gut beschäftigen und viele News in eigener Sache veröffentlichen können.

Allerdings hat die Sache einen kleinen, aber nicht unwichtigen Haken: Wer sich nur ein bisschen mit Nachrichentechnik auskennt, weiss genau, dass heute hochwertige, nicht zu knackenden Verschlüsselungsalgorithmen zur Verfügung stehen. Damit kann heute jeder Mails und andere Nachrichten verschlüsseln. Das wissen natürlich auch Geheimdienste. Das Thema ist übrigens ein Steckenpferd des online Magazins Telepolis.

Warum also verschlüsseln die Ägypter ihre Botschaften nicht? - Mir fallen nur zwei Erklärungen ein: Entweder weil sie wollen, dass die Information darin abgefangen werden oder weil die Informationen irrelevant weil bereits offen gelegt sind.

Man darf wählen. Gerne hätte ich diese Frage in diesem spannenden Report gelesen.

Posted by dominik at 14:33

24.09.05

Pudelschmusende Damen und testosterongeplagte Männer

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Pudelschmusende ältere Damen mit testosterongeplagten (jüngeren) Männern zusammen bringen. Die Politologin Regula Stämpfli lanciert eine Idee, die vielleicht auch den leidgeprüften Blättern zu Gute kommen könnte. Würden sie die Idee aufgreifen, könnten ihre Leserzahlen in die Höhe schnellen und uns Woche für Woche mit einer neuen Schmonzette versorgen.

Die Politologin Regula Stämpfli konstatiert in den Medienheften eine verstärkte Hinwendung der Medien zum Thema Sex - und ortet darin nicht nur Anti-Feminismus sondern auch Homophobie. Sie bezieht sich auf eine Reihe von kürzlich erschienenen Artikeln

"Die Schlagzeilen, die sich in diesem Sommer häufen, reichen vom "Mit dem Pudel schmusen" (Weltwoche 25.8.2005) über "Komm! - Frauen auf dem Höhepunkt" (Das Magazin, 2.7.2005) bis hin zum "Blitzkrieg der Frauen" (Die Welt, 6.9.2005) oder der "Entropie des Sexuellen" (Die Welt, 6.9.2005). "

Zum Artikel von Marianne Fehr - die meines Wissens früher für die linke WOZ geschrieben hat muss ich allerdings anmerken, dass er weder von Homophobie noch von Antifeminismus zeugt und ebenfalls lesenswert ist.

Der Artikel ist äusserst lesenwert in einem Forum, das seinesgleichen sucht. Die Medienhefte gehören zum besten was in Sachen Medienkritik in der Schweiz zu lesen ist und blicken auf eine lange Tradition zurück. Heute sind sie nur online zu haben, früher waren sie integrierter Teil des legendären ZOOM Filmberaters.

Einen originellen Vorschlag lanciert die Autorin zum Schluss ihres Artikels:

"Dass bisher noch niemand auf die praktische Idee gekommen ist, die ständig bespringenden testosterongeplagten Männer auf die sexuell unbefriedigten älteren "pudelschmusenden" Frauen loszulassen, spricht Bände. Offenbar sind logische Zusammenhänge keine Präferenz der Evolutionsbiologen und der über sie berichtenden journalisierenden Elite. Es lohnt sich, statt auf Naturwissenschaftler, wieder mehr auf Philosophinnen und Philosophen zu hören."

Quellenangabe: Medienhefte vom 9.September 2005

Marianne Fehr: Mit dem Pudel schmusen. In: Weltwoche vom 28.August 2005:

Posted by dominik at 09:18 | Comments (1) | TrackBack

16.07.05

Die neuen Bilder: Die London Attentäter

Eine neue Kategorie von Bildern erobert unsere Wahrnehmung: Bilder von Überwachungskameras aber auch Bilder aus dem Handy: Hier die totale Überwachung - dort die totale demokratische Fabrikation von Bildern.


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Das erste Bild wurde am 14.Juli von Scotland Yard freigegeben. Es zeigt angeblich die vier Attentäter in der Station London Luton. Aufgenommen wurde es wahrscheinlich mit dem famosen CCTV - Closed Circuit TV, einem Überwachungssystem, das die ganze Innenstadt von London erfasst.

Das zweite Bild soll mit einem Handy gemacht worden sein in einer Londoner U-Bahn, Momente nach dem Attentat vom 7.Juli 2005.

Quelle: Öffentlich zugängliche Internet Ressourcen.

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Posted by dominik at 23:38 | Comments (0)

27.06.05

Pop und Pop-Förderung

Was ist Pop und warum soll er gefördert werden? ? Zunächst zum ersten Teil: Was ist Pop? - Die Beantwortung dieser Frage kann nicht schwer fallen. Mögliche Antworten und seien es auch nur Assoziationen sind schnell zur Hand. Attribute wie wild, laut und schrill drängen sich auf, gewiss Popkultur als "popular culture? ist jene ?low culture?, die sich eben von der Hochkultur abhebt und auch provokativ unterscheidet.

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Beim Suchen nach weiteren bestimmenden Begriffen stellt sich allerdings eine gewisse Unsicherheit ein. Es will nämlich scheinen, dass eine Bestimmung zwar zutrifft, deren Gegenteil aber eben auch. So geht es beispielsweise mit dem Begriff ?Authentizität?. Pop schafft Authentizität ? und inszeniert die Künstlichkeit. Ganz ähnlich ergeht es einem mit dem Begriffspaar Identität ? Anonymität, mit den Paaren kommerziell ? nicht kommerziell und ganz sicher auch mit dem Begriffspaar lokal ? global.

Ein Beispiel für diese Widersprüchlichkeit und den Spannungsbogen: Erotik und Sex scheinen seit jeher eng zu Pop und Popmusik zu gehören. Die Saat der Liebesbotschaft ?all you need is love? der Beatles ist aufgegangen ? kein Pop ohne Erotik ? in jeder Schattierung, je nach Musikgeschmack: Währenddem das Zelebrieren des Körpers als Lustfetisch bei der alljährlich stattfinden Street Parade danke massiver Präsenz von lebensfrohen und extrovertierten männlichen Homosexuellen gerade noch knapp als geschlechterneutral durchgehen kann, ist die Stossrichtung für bei der Werbung für Technoparties eindeutig. Geworben wird unverhohlen mit halb- und dreiviertelnackten Frauen: Die Frau als Lustobjekt steht im Zentrum, von selbstbestimmter Erotik ist da nicht mehr viel zu spüren.

Und gänzlich pervertiert werden die einstigen Ansprüche von erotischer Selbstverwirklichung und Geschlechtergleichheit dann in der Machokultur des HipHop: ?Diese Nutte kannst Du haben?, rappt etwa der US Hip-Hop Star 50 Cent im Megahit ?P.i.m.p? und die Partybeilage der Gratiszeitung ?20Minuten? klärt uns auf: ?Ein Pimp ist ein Zuhälter und keine Beleidigung, sondern Anerkennung und fester Bestandteil des Hip-Hop Lebensstils. Dazu gehören fette Autos, ausladender Schmuck und vor allem dekorative Bitches?. So ganz neu kommt einem das dann doch nicht vor ? gehören Groupies als jederzeit verfügbare Gespielinnen doch seit jeher zur gerne gezeigten Ausstattung der Popstars. Doch auch für das eben zitierte Partymagazin sprengen die Allüren der Macho-Hopper den bisher gekannten Rahmen. ?Noch nie wurden Potenz und Selbstüberschätzung so zelebriert wie in der amerikanischen Hip-Hop-Kultur.

Das ist wohl nicht nach jedermanns Gusto ? und damit wären wir wieder bei der immanenten Widersprüchlichkeit der Popkultur, auch und schon gar nicht innerhalb der Szene: ?Hip-Hop stand ursprünglich für gegenseitigen Respekt und Non-Kommerz?, erklärt etwa der Schweizer Hip-Hop-Spezialist Claude Hunkeler. Nur tönt seine Erklärung schon wieder beunruhigend naiv: ?Wenn ein Jugendlicher auf einmal fünf Millionen auf dem Konto hat, während sein Vater noch für sieben Dollar in der Stunde schuftet, ist es verständlich, dass der Junge durchdreht?. Ist es stattdessen nicht so, dass der Machismus der amerikanischen Hip-Hop-Kultur die Prüderie der amerikanischen Alltagskultur mit solchen Sprüchen ad absurdum führt...

Man beginnt es zu ahnen: Könnte es sein, dass gerade diese Spannungen zum Pop gehören? ? Vielleicht gibt es in vielen Fällen gar kein Entweder-Oder. Sondern nur ein Sowohl-Als-Auch. Weiter noch: Möglicherweise lässt sich nicht einmal klären, ob jetzt das Prinzip des Ausschlusses, also das Entweder-Oder ? oder jenes des Einschlusses, also das Sowohl-Als-Auch gilt.

Spannungsfeld, Widersprüchlichkeit, enorme kommerzielle Verfügbarkeit und ein grosses ?anything goes? ? sind offenbar Kennzeichen der gegenwärtigen Popkultur. Alle der genannten Eigenschaften treffen aber auch auf den Kulturbetrieb abseits von Pop zu. Selten zuvor war die Vielfalt der kulturellen Aktivitäten grösser und Orientierung darin schwerer. Der Musikwissenschafter Roman Brodbeck sieht hier historische Chancen und postuliert dafür, die Vielfalt zu nutzen und zu geniessen statt die vermeintliche Beliebigkeit zu kritisieren. Denn am Ende einer solchen Kritik steht doch nichts anderes als eine normative Beschränkung: Das ist Kunst ? jenes nicht.

Auch hier schadet etwas Geschichte nicht. Die künstlerische Freiheit, wie wir sie heute erleben, war durchaus nicht immer da. Im SPIEGEL 24/2005 räsonniert Cordt Schnibben über die 68er, deren Erungenschaften er mit dem Ende von Rot-Grün bedroht sieht. Der Autor beschwört das kulturelle Klima Mitte der 60er Jahre ? ?in einem Land, in dem das Gitarrespielen an einem Münchner Brunnen ausreichte, um einen Polizeiaufmarsch auszulösen; in den Eltern wegen Kuppelei angezeigt werden konnten, wenn ihre Tochter mit ihrem Freund zusammen im Haus übernachtete; In dem sich die Fernsehansagerin bei allen Zuschauern entschuldigte, als sie die erste Sendung ?nur für junge Leute? ankündigte, den ?Beat-Club? mitten in einem Land, in dem man Piratensender aus Holland hören musste, wenn man abends im Radio englische Popmusik hören wollte; in dem Demonstrationen für die FAZ als das ?dümmste und vergeblichste Mittel politischer Betätigung? galten; In dem man sich verdächtig machte, wenn man Marx las oder etwas gegen die USA sagte; in dem man eingesperrt war in die nationalstaatliche Korrektheit und ein paar hundert Regeln ? Sitz gerade!, Geh zum Friseur!, Mach die Negermusik leiser!, Geh zur Tanzstunde!, Wasch den Wagen!,?

Pop Kultur fördern?

Pop Kultur muss nicht gefördert werden ? im Gegenteil: Mit Förderung wird sie zerstört....diese Forderung wird gelegentlich laut. Sie ist meines Erachtens falsch.

Pop Kultur wurzelt in der Jugendkultur der 60er und 70er Jahre ? und wird oft mit dem Begriff Gegenkultur in Verbindung gebracht. Dahinter sind zwei Momente: Jugendkultur als Ausdruck von adoleszentem Willen zur Selbstbestimmung ist bis zu einem gewissen Grad immer eine Gegenkultur ? eine Kultur, die sich nicht durch ihre Inhalte definiert sondern durch ihr Anderssein von der Mainstream-Kultur. Auf der anderen Seite brachten die 60er und 70er Jahre eben durch die 68er Bewegung eine besonders kraftvolle und eigenständige Jugend-Kultur hervor. Ein Blick auf die sogenannte Halbstarken-Bewegung zeigt aber, dass sich schon die Jugendkultur zuvor durchaus provokativ von der herrschenden Mehrheitskultur abgegrenzt hat.

Die Begriffe Popkultur und Gegenkultur mögen einmal deckungsgleich gewesen sein ? sie sind es heute nicht mehr. Oder klarer: Popkultur ist keine Gegenkultur mehr. Wenn Papa Bob Dylan hört, Mama Santana, die Tochter DJ Bobo und der Sohn Metallica dann heisst das nichts anderes, als dass die ganze Familie glücklich im Schoss der Popkultur gelandet ist. Ironie des Schicksals: So klein die Unterschiede zwischen den Stilen aus musikwissenschaftlicher Perspektive sein mögen, so gross sind sie aus der Sicht einer identitätsbildenden Jugendkultur...

Zwei Tendenzen dürften dafür verantwortlich sein: Zum ersten die Tatsache, dass sich mit Popkultur Geld verdienen lässt. Die Tendenz, ja der Zwang zur Kommerzialisierung jeglicher neuer Strömungen ist übermächtig ? for the good and the bad. Gleichzeitig ist aber auch etwas Anderes passiert: Westeuropa und die USA haben im Gefolge der 68er eine Kulturrevolution erlebt. Popkultur und Popmusik sind gewissermassen salonfähig geworden. Man mag bedauern, dass sie im Gefolge dieser Entwicklung einen Teil ihres Protestpotentials eingebüsst haben ? aber es ist nun mal so.

Popkultur ist heute Teil der Alltags- und Massenkultur. Mit ihrer Vielfalt und ihren kreativen und innovativen Nischen bietet sie vielen Heranwachsenden identitätsbildende Räume. Deshalb verdient Popkultur Förderung.
Popkulturförderung bewegt sich aber auf einem dünnen Eis: Sie wird sich davor hüten müssen, zum reinen Steigbügelhalter der Kommerzialisierung zu werden ganz nach dem Motto: Toll wenn ihr was macht, egal was... Wo liegt denn die Abgrenzung? ? Hier wird eine pragmatische Haltung obsiegen müssen: Ein professionell verstandenes Coaching würde beispielsweise einer Band ermöglichen, ihren wirklich eigenen Ausdruck für vorhandenes Talent zu finden, egal in welche stilistische Richtung es gehen mag.

Andererseits würde es sich wohl lohnen, den vielgeschmähten Begriff der Kommerzialisierung genauer anzusehen. Hinter seiner Schmähung steckt allzu oft eine Haltung, in der Erfolg und künstlerischer Wert sich wechselseitig ausschliessen: Was künstlerisch wertvoll ist, kann kommerziell kein Erfolg sein.

Schlussthesen:

· Die Popkultur wurzelt in der Gegenkultur der 60er und 70er Jahre. Heute ist sie allerdings längst Teil einer Mainstream-und Massenkultur geworden.

· Aber auch heute lebt die Popkultur und ?Musik zu einem guten Teil von ihren Widersprüchen. Innovation kommt allerdings nicht vom Mainstream sondern von Nischen und Rändern. Allerdings fahnden nicht nur die Kulturförderer von Popkredit und Kulturprozent nach diesen innovativen Nischen...

· Popkultur ist ein wichtiger Teil der kulturellen Äusserungen von Heranwachsenden ? und nicht nur von ihnen...Eine Förderung dieser Kultur ist ein Teil der Anerkennung dieser kulturellen Äusserungen.

· Wer die Förderung von Popmusik mit dem Hinweis auf deren kommerziellen Charakter kritisiert, bekräftigt eine Haltung in der künstlerischer Wert und kommerzieller Erfolg sich ausschliessen. Eine wenig zeitgemässe Haltung...

Zürich und Kollbrunn, 27.Juli 2005

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Posted by dominik at 23:04 | Comments (0)

06.04.05

Polen, Masuren, Staufenberg und eine Synagoge

Es war ein merkwürdiger Zufall, welcher uns fast auf den Tag genau 60 Jahre nach dem Attentat auf Hitler von Claus Schenk Graf von Stauffenberg in diese Gegend brachte.
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Lieblich, unendlich weit in unseren Augen, die immer einen Horizont am nächsten Hügel oder Berg zu sehen gewohnt sind. Stunden und Tage unterwegs auf den oftmals holprigen Strassen Polens in Masuren und im ehemaligen Ostpreussen. Naturerlebnisse im Flachland von einer Gewalt wie wir sie sonst nur aus den Bergen kennen ? so etwa im Urwald des Bialowiecki Nationalparks an der weissrusischen Grenze. So naturbelassen seit Jahrhunderten weil es einstmals den russischen Zaren als Jagdgebiet diente. Endlose Sumpflandschaften dann weiter westwärts im Tal des Bibers, dem heutigen Biebrza Nationalpark, der erst seit anfangs 90er Jahre erst ein Nationalpark ist.

Wir begegnen seltenen Wildtieren oder sehen Spuren von ihnen. Einen Auerochsen - Wisent - in den Wäldern bei einer frühmorgendlichen Pirsch in der Gegend des Bialowieki Nationalparks, einer Anzahl Elchen in den Sümpfen der Biebrza; der Fluss soll der einzige Fluss Europas sein, der auf seiner ganzen Länge nie verbaut wurde und deshalb je nach Jahreszeit und Wasserstand mäandriert und eine der interessantesten Sumpflandschaften Europas bildet. Hunderte von seltenen Vögeln nisten hier ? nicht ganz unbeachtet von den Natur- und Vogelfreunden dieser Welt. So soll die seltene Doppel-Schnepfe es vorgezogen haben, einen anderen Nistplatz zu suchen, als ihr in einem Jahr über 400 Ornithologen ihre Aufmerksamkeit schenkten. Etwas weniger selten und doch aufregend für uns die fischtauchenden Kormorane, die Ibikusse ? einzelne haben gar den Wiedehopf mit seinem charakteristischen Hahn gesehen, der auch in der Schweiz ein seltener Gast geworden ist. Und: Immer wieder Störche. Dutzende, oder gar Hunderte. Ein Viertel des gesamten europäischen Storchenbestandes soll in Polen leben. Und ein anderes Viertel wohl im rumänischen Siebenbürgen...

Wir sind bald darauf im ehemaligen Ostpreussen. Zwar nicht in bekannten Orten wie Königsberg oder Danzig, dafür in kleineren Ortschaften. In Elk, dem ehemamaligen Lyck, dem Geburtstort von Siegfried Lenz, dessen schelmische Erzählungen ?So zärtlich war Suleyken? oder das schwergewichtige ?Heimatmuseum? uns begleiten. Gespannt warten wir darauf, Steinort, das heutige Sztynort zu sehen. Hier liegt das Schloss der Familie Lehndorf, das der letzte Abkömmling dieser Familie, Hans Graf von Lehndorf in seinem Buch ?Menschen, Pferde, weites Land? kurz streift. Sein Vetter gehört zum Kreis um Stauffenberg und wurde wie dieser auch hingerichtet. Die Fenster des Schlosses, sind heute mit schwarzem Plastik verdeckt, das Schloss droht zu verfallen. Es fehlt hier wie andernort am Geld, diese Gebäude zum Leben zurück zu bringen.

Eine Reise durch Polen ist eine Reise in die Vergangenheit. Kein Tag vergeht ohne dass wir nicht mit Wunden und Narben der schmerzhaften Geschichte dieses Landes konfrontiert werden. Die meisten Leute, so unser Eindruck, wurden nicht hier geboren, kamen einmal im Lauf einer der Verwerfungen dieser Geschichte hierher. So schön die Landschaft ist, so hässlich sind häufig die Städte. Die meisten wurden im Krieg total zerstört, an den meisten Orten fehlten Mittel und Wille und Rekonstruktionen historischer Stadtkerne wie wir sie aus Danzig oder Warschau kennen sind auf diese grossen Städte beschränkt. Rasterburg, nur wenige Kilometer von der berüchtigen Wolfsschanze entfernt, ist ein solches Beispiel. Weit gehend intakt aber in einem miserablen Zustand Rösl, das heutige Resl.

Eine Überraschung deshalb das historische Städtchen Tykocin. Die Gebäude wirken intakt, gepflegt und entstellende Neubauten entdecken wir kaum. Im unteren Teil eine für unsere Begriffe überdimensionierte katholische Kirche. Im oberen Teil eine barocke Synagoge, gebaut 1641. Tykocin beherbergte die zweitgrösste jüdische Gemeinschaft ? nach Krakau. Rund um die Synagoge sind Häuser, die wohl einst zum jüdischen Schtetl gehört haben mögen. Hier hat sich das Leben abgespielt, das wir aus den Büchern von Isaac B.Singer kennen. Der Kloss, der sich beim Rundgang durch das Dorf langsam gebildet hat, wird grösser, als wir in die Synagoge, heute ein Museum eintreten und nähere Aufschlüsse über die jüngere Geschichte finden:

?During the first days of the German occupation, a pogrom was conducted by the Poles with the encouragement of the Germans, and Jewish property was looted. The Jews were drafted for forced labor and freedom of movement was limited. On August 25, 1941, the Jews of the town were called to assemble in the market square. After a Selektion, about 1,400 people were transported to large pits that had been prepared near the city in the Lupochowo forest and were murdered. Some of the Jews succeeded in hiding, but the next day they were caught and executed by the Polish police.? (Enzyklopaedia Jucaica)

?Und der Wind da draussen, der flüsterte dem Rebben etwas in das Ohr. Und der Rebbe nickte und sagte: ?Ja, du hast vollkommen recht. Die Gojim sind dumm. Sie plündern jetzt unsere Häuser. Und sie graben in unseren Gärten. Und sie glauben, dass wir alles zurückgelassen haben, das wir besassen. Und sie lachen sich ins Fäustchen. Dabei wissen sie nicht, dass wir das Beste mitgenommen haben." ?Was ist das Beste?", fragte der Wind. Und der Rebbe sagte:"Unsere Geschichte. Die haben wir mitgenommen." Und der Wind sagte: ?Aber Rebbe. Das kann doch nicht sein. Die Geschichte der Schtetljuden ist zurückgeblieben." ?Nein", sagte der Rebbe. ?Du irrst dich. Nur die Spuren unserer Geschichte sind zurückgeblieben". Edgar Hilsenrath in: Jossel Wassermanns Heimkehr

Tiefe Betroffenheit dann auch in Warschau. Schon das Hotel Europejski grüsste uns zum Frühstück auf der Durchreise mit einem riesigen Bild, das den Zustand des Hauses am Ende des Krieges zeigte. Bevor wir durch die rekonstruierte Altstadt gehen, bringt uns die Touristenführerin zum Denkmal des Warschauer Ghettos. Wir kennen das Denkmal nicht, aber das berühmte Bild vom Kniefall Willy Brandts aus dem Jahre 1970 ist uns wohlbekannt. Der Ghetto Aufstand war nicht der einzige Aufstand, den die deutschen Besetzer blutig niedergeschlagen hatten: Auch wir hätten ? wie der Zürcher Tages-Anzeiger und der deutsche Bundespräsident ? bis vor kurzem den Aufstand im Warschauer Ghetto mit dem grausamen Schlusspunkt des Krieges in Polen, dem Warschauer Aufstand verwechselt. Jetzt verstehen wir, warum die Rekonstruktion des alten Stadtkerns von Warschau für die Polen so wichtig war. Und wir ahnen die Last der Geschichte auf der schwierigen Beziehung mit Deutschland.


Seit dem Zweiten Weltkrieg sind 60 Jahre vergangen. Und es gibt Stimmen die sagen, eigentlich ist er erst 1989/90 zu Ende gegangen. Das ist Europas schweres Erbe. Die Europäische Union ist, wie Joschka Fischer sagt, eine Idee, die aus dem Schmerz geboren ist. Die Osterweiterung eine historische Chance.


Unsere Polen Besuch klingt in Warschaus Geschäftsviertel aus ? an der Novia Swieta. Dort besuchen wir das grösste Bücher und Musikgeschäft der Stadt, das es mit seinesgleichen in London oder Paris messen kann und kommen mit Jugendlichen ins Gespräch. Sie sprechen alle, wenn auch gebrochen, Englisch und helfen uns gerne aus. Die Rockband Myslovitz kennen wir bereits, hier finden wir weitere CD?s dieserGruppe, die im Sommer 2004 an verschiedenen Schweizer Open Airs zu hören war, dort entstand auch unser Bild. Wir fragen nach dem Namen derbekanntesten polnischen Rap Band. Sie heisst Fish. Eine weitere CD wandert in unseren Einkaufskorb.


Weitere Bilder unter
http://www.dominiklandwehr.net/gallery/v/polen/

Nature Travel Polen
www.masuren.travel.pl/

Biebrza National Park
www.biebrza.com

Myslovitz (Mit Hörproben)
http://www.myslovitz.pl/


Posted by dominik at 21:20 | Comments (0)

03.04.05

Zum Tod von Papst Johannes Paul II

Absurditäten, Monströsitäten und eine fast schon erdrückende Symbolik: Der Tod des Papstes am 2.April 2005. Überraschend, wie bewundernd kritiklos dies auch in einer säkularen Welt zur Kenntnis genommen wird.

Vorläufiger Höhepunkt am Sonntagabend. SPIEGEL online berichtet: "Es klingt nach Leichenfledderei, doch für die Gläubigen in Polen ist die Vorstellung überhaupt nicht pietätlos. Sie wünschen sich, dass das Herz des Mannes, den sie verehren und lieben wie keinen zweiten, ins Heimatland überführt wird." Das kann doch nicht wahr sein, und doch ist es so.

Die TV-Bilder sprechen eine eindeutige Sprache: Auf der einen Seite die Hohepriester der Kirche, die Kardinäle, von denen keiner unter 70 zu sein scheint in ihren purpurenen Roben. Das ist nicht Karneval oder Fellini, that's the real thing. Wow! Auf der anderen Seiten das tumbe Volk der Gläubigen. Und mit Verwunderung ist zu erfahren, wie auch die Schweiz trauert.

Täusche ich mich, oder war der Papst zu Lebzeiten gerade den Schweizer Katholiken - zumindest den Liberaleren unter ihnen - vor allem ein Aergernis? - Woher dieser plötzliche Wandel?

Über Wochen, Monate, ja über Jahre wurden die Krankheiten, die Gebrechen, die Hinfälligkeit und schliesslich das Sterben des Papstes zelebriert. Ganz in der mittelalterlichen und von Philipp Ariès so toll beschriebenen Tradition: Ein guter Tod ist ein langsamer Tod, ein Tod, der es erlaubt Abschied zu nehmen. Als er am Samstagabend um genau 21.37 dann starb dauerte es nur Minuten, bis diese Neuigkeit auf allen Kanälen zu sehen war. That's live, breaking news as it happens (Slogan von CNN).

Johannes Paul II wurde auch schon als Medienpapst beschrieben. Tatsächlich hat er sich der Medien bedient und seine Populärität genossen.... Aber waren die Medien nicht gerade im 20.Jahrhundert für viele Mächtigen ein wichtiges, ein naheliegendes Instrument? Kann man wirklich sagen, dass der Papst die Medien entdeckt hat?

Apropos: Der Sonntagsblick titelte am Sonntag 3.April 2005: "Ein grosser Papst ist tot Alles über das Pontifikat Johannes Paul II" - und zitiert damit sich selber. Der BLICK hatte 1963 zum Tod des Papstes Johannes XXIII genau diese Schlagzeile getextet. Nur hatte die Sache damals einen kleinen Haken: Die Meldung erschien offenbar aufgrund eines Fehlers in der Druckerei (2 Druckplatten waren vorbereiten worden). Und mit dieser (falschen) Schlagzeile schrieb der BLICK damals Mediengeschichte.

Ein paar persönliche Reminiszenzen mögen diesen Eintrag abrunden: Mein persönliche Abneigung gegen den Katholizismus und eigentlich gegen Religion im Allgemeinen hat wohl damit zu tun, dass ich selber katholisch erzogen worden bin. Jedenfalls mehr oder weniger. Und das Vergnügen hatte, einige Jahre in der Stiftsschule Einsiedeln zu verbringen. Feier zu 25 Jahre Matura vor 2 Jahren (obwohl ich in Zürich und nicht in Einsiedeln Matura gemacht habe). Hohe Ehre eines Mittagessens am Hof mit ehemaligen Lehrern und auch mit dem neuen Abt Werlen. Ich schnappe eine vielsagende Bemerkung des Abtes auf: Er hätte neulich der damaligen Bundesrätin Ruth Metzger zu ihrer Partei gratuliert. Das war nun nicht ganz einfach zu verstehen. Aber in jenem politischen Kontext war das eine unverblümte Kritik des Kirchenoberhauptes an der Politikerin. Diese hatte sich nämlich entgegen der Doktrin ihrer Partei für die Fristenlösung eingesetzt. Dies wollte der Kirchenmann nicht offen sondern verklausuliert kritisieren, was ihm ohne Zweifel in jener Konversation bei Tisch auch gelungen ist.

Bei dieser Gelegenheit: Blankes Entsetzen packte mich als ich Jugendliche bei seinem ersten Schweizer Besuch dem Papst zujubeln sah. War dies das Ende der Revolte, die 1968 angefangen hatte. Oder war es bloss ein weiteres Event der Spassgesellschaft, in der auch ein Papst bejubelt wird, weil dies einfach schräg ist....

Summa summarum: Die katholische Kirche und mit ihr das Papsttum sind von ihrer Substanz her antidemokratisch, antimodern und ganz gewiss auch anti-emanzipatorisch in einem breiten Sinn. Und trotzdem mit viel Sex-Appeal für eine breite Masse: Ausserhalb Europas noch viel mehr als in Europa selber.

Posted by dominik at 22:08 | Comments (4)

23.03.05

Einstein (1)

Unser Sohn Niki, der in zwei Monaten 14 wird, fragte uns vor einigen Tagen, was denn eigentlich Einstein genau erfunden, was er gesagt habe.

Tja, wie war das nun genau. In einigen wenigen Sätzen erklärt. Oder meinetwegen in einigen vielen Sätzen. Betretenes Schweigen. Dann haben wir die Dinge zusammen gekratzt, die uns in den Sinn gekommen sind. Also, da ist mal die Geschichte mit dem Aether als Medium der Leere. Im Weltraum, so haben wir erklärt, ist kein Aether. Sondern nichts. Sehr anschaulich. Zum nächsten: Die Lichtgeschwindigkeit, so bröckelte es weiter aus uns heraus, ist überall gleich gross. Auch das sehr anschaulich. Was wissen wir noch? E = mc hoch zwei. Das bedeutet in der Masse riesig viel Energie steckt. Und eben auch die Atombombe.

Das wars dann. Mir fällt auf, wie sicher wir uns mit diesem doch eher kläglichen Alltagswissen fühlen. Natürlich wüssten wir gerne mehr, aber so richtig intensiv ist der Wunsch wohl doch nicht, sonst wären wir der Sache eher nachgegangen. Oder hätten mehr Erfolg dabei gehabt. Einfach wäre es ja. Eine meiner Lieblingsseiten ist Wikipedia. Das ist das Gute am Einstein Jahr, man wird wieder neugierig. Natürlich gibts auch in der Wikipedia einen tollen Einstein Artikel

Die Geschichte mit dem kläglichen Versagen unserer physikalischen Allgemeinbildung bringt mich zu einer anderen kleinen Geschichte: Durch unseren Internet Wettbewerb ThinkQuest, hatte ich während einiger Monate intensiveren Kontak mit dem Cern in Genf. Auf einem Rundgang durch die Anlagen gestand ich, dass ich eigentlich keine Ahnung habe, was hier genau passiere und wohl auch keinen Zugang finden würde. Unser Führer, der damalige PR Chef des Cerns entegnete mir sinngemäss, er stelle immer wieder eine Scheu, ja sogar fast eine Weigerung von sonst sehr klugen Menschen fest, sich mit den grundlegenden Gedanken der Cern-Forschung zu beschäftigen. Seine Worte hallten lange nach und beschämten mich ehrlich gesagt auch. Ich habe mir dann ein paar einfache Bücher besorgt und ein paar vergnügliche Stunden verbracht. Die Grundlagen der Quantenmechanik verstehe ich, das muss ich ehrlich sagen, auch in vereinfachten Ausführungen ("Quantenphysik für Kinder") nicht wirklich. Bei den Cern-Forschungen ists zum Glück ein wenig besser: Mir ist heute klar, dass es im Wesentlichen darum geht genau hinzuschauen, was passiert, wenn man Atomkerne mit hoher Geschwindigkeit ineinander krachen lässt. Bei diesen Kollisionen enstehen für unvorstellbar kurze Zeitmomente kurzlebige Teilchen. Das sind die Quarks. Und davon gibts nur eine begrenzte Menge - so will es das "Standard Modell". Den neusten, milliardenschweren Beschleuniger ("Large Hadron Collider") baut das Cern heute auf der Jagd nach einem dieser Teilchen. Man müsste dieses Teilchen, so erklärte mir eine Professorin in theoretischer Physik, schon wenige Momente, nachdem das neue Gerat angeschaltet wurde, "sehen". Wenn mans dann nicht sieht, dann gibts das Teilchen nicht.

Drei Quellen zum Thema Teilchenphysik möchte ich hier erwähnen: Zum ersten einen wunderbaren Aufsatz von Hans Magnus Enzensberger im Buch "Die Elixiere der Wissenschaft". Zum zweiten ein ebenso wunderbares Buch der Konstanzer Wissensschafts Soziologin Karin Knorr Cetina "Wissenskulturen". Sie berichtet darin über eine Feldforschung in der untersucht wird, wie Wissen produziert wird - am Beispiel des Genfer Cern Labors. Und schliesslich gibts eine tolle Website namens Teilchenzoo, die von zwei 17jährigen Mädchen im Jahr 2002 für den Internet Wettbewerb ThinkQuest eingereicht wurde.

Posted by dominik at 22:23 | Comments (1)