18.12.07

Schweizer Zeitungsverleger aufgepasst: SPIEGEL Archiv bald gratis

Schweizer Zeitungsverleger aufgepasst. Es gibt was zu lernen: Das Nachrichtenmagazin SPIEGEL öffnet ab kommenden Frühjahr die Tore seines Archivs weit auf und lässt die teuren Gebühren fallen. SPIEGEL würde das wohl kaum tun, wüsste man im hohen Norden nicht genau, dass sich damit Aufmerksamkeit, Traffic und damit Geld verdienen lässt. Ein Wink an die Adresse der Schweizer Zeitungen, allen voran Tagi und NZZ. Wir freuen uns auf Nachahmer.

Ein eigentliches Rechercheportal will SPIEGEL nach eigenen Worten ab Frühjahr 2008 betreiben. Denn das Portal vereint journalistische und lexikalische Quellen zu einem neuen Angebot und ist ein Gemeinschaftswerk der SPIEGEL und Bertelsmann Gruppe, entsprechend finden sich dann neben dem gesamten Archiv des SPIEGELS auch Einträge aus Bertelsmann-Lexikas und Enzyklopädien verknüpft mit Wikipedia-Artikeln. Man staunt.

Das neue Portal SPIEGEL WISSEN wird nach eigenen Worten damit die umfassendste frei zugängliche Rechercheplattform im deutschsprachigen Internet. Tönt etwas vollmundig, ist aber meines Wissens tatsächlich so.

Ja: Und was machen die Schweizer Verlage. Wir freuen uns auf Nachahmer. Selber gehöre ich zu jenen, die sich seit Jahren über den fehlenden Zugang zu den Schweizer Medien ärgern oder über die unanständig hohen Preise der Schweizer Mediendatenbank Swissdox.

Ach ja, noch was: Vorreiter in dieser Sache war die britische Zeitung THE GUARDIAN, die schon seit Jahren beweist, dass sich mit einem Gratis-Archiv die Attraktivität der Website erheblich steigern lässt.

SPIEGEL Wissen: Alle relevanten Informationen auf einen Klick

Das teure Swissdox

Kleiner Nutzungstipp für Swissdox: Die Stichwortsuche ist gratis und oft ist allein schon der Hinweis auf einen bestehenden Artikel etwas wert. Allerdings ist die Suchfunktion sehr schlecht, d.h.sie findet Artikel, die nachweislich existieren, nicht. So muss man sich fragen, ob die teure Datenbank überhaupt ihr Geld wert ist.

Posted by dominik at 09:09 | Comments (0)

30.11.07

Das Buch - am Ende?

Ist das Buch am Ende? - Natürlich nicht, das sagen alle. Aber ein richtig gutes Gefühl hat keiner bei dieser Aussasge. Denn etwas passiert zur Zeit und wissenschaftliche Bibliotheken geben schon heute mehr Geld aus für digitale Quellen als für Bücher. Also ein Grund, mehr zu erfahren. Möglich ist dies am 20.Dezember in Basel an einer Veranstaltung der Uni.

Organisiert und durchgeführt wird der Anlass vom Historiker Peter Haber und hier nun alle wichtigen Detail-Infos aus der Ankündigung:

Kurzinfo
Die westliche Kultur ist stark geprägt vom Medium Buch. Seit dem Aufkommen des World Wide Web mehren sich jedoch Stimmen, die das Ende des Buches kommen sehen. Im Rahmen der Veranstaltungsreihe «Medium Buch. Buchgeschichte(n) aus Basel» des Instituts für Medienwissenschaft und des Historischen Seminars diskutieren Buchexperten über Überlebenschancen des Mediums Buch in einer digitalen Gesellschaft und über Nutzen und Nachteil einer interdisziplinären Buchwissenschaft.

Diskussionsteilnehmer

Dr. Urs Breitenstein, bis Ende November Verleger des Schwabe Verlages und Präsident
des Schweizer Buchhändler- und Verleger Verbandes SBVV | Hannes Hug, Direktor der
Universitätsbibliothek Basel | Dr. Uwe Jochum (Konstanz), Bibliothekar und Autor
zahlreicher Bücher zur Buch- und Bibliotheksgeschichte | Martin Kluge, Leiter Abteilung
Wissenschaft im Schweizerischen Papiermuseum Basel und Lehrbeauftragter am
Historischen Seminar der Universität Basel | Prof. Dr. Christoph Tholen, Vorsteher
Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel.

Datum

Donnerstag | 20. Dezember 2007 | 16:15 bis 18:00

Ort
Kollegiengebäude der Universität Basel | Hörsaal 119

Organisation und Moderation

Dr. Peter Haber | peter.haber@unibas.ch

Infos

Download Ankündigung als PDF

http://www.hist.net/peter-haber/lehrveranstaltungen/medium-buch


Und hier gehts zu Sternenjägers Bookshop



Posted by dominik at 08:49 | Comments (0)

25.04.07

Wikipedia: Zitieren verboten

Mit der Verfügung ?Don?t cite Wikipedia? machte vor einigen Monaten eine amerikanische Universität von sich reden. Dass das populäre Nachschlagewerk auch unter hiesigen Wissenschaftern zu diskutieren gibt, zeigt eine Tagung, die kürzlich an der Universität Basel stattgefunden hat.

Die verschiedenen Nachschlagewerke von Wikipedia gehören heute zu den am meisten aufgerufenen Internetseiten und sind auch Wissenschaftern beliebt. Unter dem Titel ?Wikipedia in den Wissenschaften? organisierte der Basler Historiker Peter Haber in Zusammenarbeit Institut für Medienwissenschaft der Universität Basel zu einer Tagung, die gleichzeitig Auftakt eines medienpraktischen Kurses bildet, bei dem Studentinnen und Studenten während eines Semester selber Artikel verfassen und die Weiterentwicklung der von ihnen angefangenen Artikels beobachten.

Maren Lorenz, Historikerin aus Hamburg, wurde ihrem Anspruch ?kein gutes Haar? am Projekt Wikipedia zu lassen, gerecht, auch wenn sie selber einräumte, von diesem Projekt fasziniert zu sein. Wikipedia ist für sie nicht zitierbar, da eine Informationsseite schon beim nächsten Mausklick verändert sein kann. Ihre wichtigste Kritik: Es gibt bei Wikipedia keine einheitlichen Qualitätskriterien. Standards einzuhalten ist auch aus quantitativen Gründen bei über 500 neuen Einträgen pro Tag in der deutschen Ausgabe nicht möglich. Damit ist Wikipedia nur ein Beitrag zur Reizüberflutung. Die Historikerin hat nach einigen Versuchen, selber Einträge zu verfassen, das Feld geräumt: ?Bei Meinungsverschiedenheiten, auch Edit-Wars genannt, gewinnt jener, der den längeren Atem hat.? Aus historischer Sicht, so die Referentin, dominiert eine sehr traditionelle, männliche Geschichtsauffassung, die politische und militärische Prozesse ins Zentrum rückt.

Auch der Schweizer Historiker und Didaktiker Jan Hodel, hält Wikipedia Artikel für nicht zitierbar ? findet Verbote, wie sie das amerikanische Middlesbury College in Vermont kürzlich ausgesprochen hat, aber ?wissenschaftlich fragwürdig, didaktisch unsinnig und kaum durchsetzbar?. Problematisch ist für ihn Wikipedia als Historiker auch aus grundsätzlichen Überlegungen: Fakten werden zu Fetischen, nach Zusammenhängen und Prozessen wird nicht gefragt. Dennoch plädiert Hodel für einen unverkrampften Umgang mit Wikipedia: ?Viele Dozenten schimpfen über Wikipedia, dabei benutzen sie das Online-Nachschlagewerk selber.? Was Not tut, ist ein kritischer Umgang. Gerade hier spielen die Dozenten eine wichtige Rolle und sollten ihre Erfahrungen im Umgang mit Quellen weitergeben. Hodel erachtet es als sinnvoll, Wikipedia-Artikel kritisch zu lesen und auch selber Artikel zu verfassen, um so ? im Sinn einer handlungsorientierten Medienpädagogik ? Einsicht in die Produktions- und Konstruktionsprozesse von Wikipedia-Wissen zu erhalten.

Besonders aufschlussreich ist der Vergleich von Wikipedia mit einem traditionellen Nachschlagewerk: Andreas Ineichen und Susanne Schär Pfister vom Historischen Lexikon der Schweiz zeigten den langen Weg eines Lexikoneintrags auf. Wird bei Wikipedia jeder Artikel und jede Änderung augenblicklich online publiziert, so durchläuft ein Eintrag im Historischen Lexikon der Schweiz ? von einem der rund 2500 Vertrags-Autoren verfasst ? zehn Instanzen bis zu seiner Publikation. Weil Korrekturen und Aktualisierung Arbeit bedeuten und damit Zeit und Geld kosten, müssen sie ? anders als bei Wikipedia ? priorisiert werden. Konkret: Nicht alle können umgesetzt werden. Das Historische Lexikon der Schweiz ist damit in den Augen der beiden Referenten ein langsames Medium, was aber nicht unbedingt ein Nachteil sein muss. Wie aktuell es trotzdem ist zeigen die Einträge in der Online-Ausgabe, die Artikel mit Bezug zum Zeitgeschehen vorstellen. Hier sind zur Zeit Hinweise auf die Artikel Migrationspolitik, Sport, Bundesratswahl und Bildungsverfassung aufgelistet. Die Lexikon-Redaktoren wiesen darauf hin, dass der Druck auf die Redaktion durch Wikipedia gestiegen ist. Zwar kennt das Historische Lexikon durch den mehrstufigen Weg ein System der Qualitätssicherung, aber ?man darf da nicht zu streng sein, denn für viele Themen findet man heute fast keine Autoren mehr?. Und weiter räumten sie ein: Jedes Lexikon betreibt die gelegentlich kritisierte ?Entwurzelung des Wissens? und verhindert die Einsicht in den Konstruktcharakter unseres Wissens. Der Vorwurf, in Wikipedia sei vor allem zusammenhangloses Quizwissen zu finden, trifft auf das Historische Lexikon der Schweiz damit ebenso zu, wie auf andere, ähnliche Nachschlagewerke.

Die abschliessende Diskussion zeigte einmal mehr die Notwendigkeit der vertieften Auseinandersetzung mit Wikipedia: Wenn es stimmt, dass heute ganze Zeitungsredaktionen ihr Hintergrundwissen von Wikipedia beziehen, dann ist das tatsächlich problematisch. Geschichtliches Wissen ? auch dies eine Aussage aus der Diskussion ? droht verloren zu gehen, im Zug eines Phänomens das der Leiter des Instituts für Medienwissenschaft, Georg Christoph Tholen, bildhaft als ?gespreizte Gegenwart? bezeichnete.

Das Phänomen Wikipedia steht für eine weitere aktuelle Tendenz des Internets: Qualitativ hochstehendes Wissen, etwa aus internationalen Fachzeitschriften und wissenschaftlichen Quellen in allen Wissenschaftsbereichen ist fast nur für Geld zu haben. Tatsächlich geben auch Schweizer Hochschulen und Forschungsinstitution Millionen aus, um Studierenden und Dozenten Zugang zu diesen wissenschaftlichen Quellen zu geben. Daraus nun gleich einen neuen digitalen Graben zu konstruieren, wäre falsch: Alle diese Online-Quellen sind heute für jeden zugänglich, nur muss er oder sie sich dazu in eine wissenschaftliche Bibliothek bemühen. Gesichertes Wissen ist allerdings letztlich auch hier nicht zu finden, denn dies existiert schlicht nicht. Vielleicht, so könnte man philosophisch folgern, ist Wikipedia nichts Anderes, als ein Spiegel unserer Wissensgesellschaft: Was heute gilt, ist morgen falsch und das Morgen liegt nur einen Mausklick von heute entfernt?

Tagung vom 20. April, 2007, Universität Basel, Historisches Seminar und Institut für Medienwissenschaft, Leitung Prof. Dr. Christoph Tholen, Dr. Peter Haber

Kurzversion publiziert in der NZZ vom Freitag 27.April 2007

Druckversion mit zusätzlicher Tabelle: Wikipedia und HLS im Vergleich


www.wikipedia.ch
www.hist.net

Wissenschaftliche Datenbanken ? zugänglich via öffentliche Bibliotheken von Universitäten, ETH und Fachhochschulen:

ETH: www.ethbib.ethz.ch/bibliothek.html
Universitäten: http://lib.consortium.ch
Fachhochschulen: www.kfh.ch Siehe dort unter "Datenbanken"


Posted by dominik at 21:23 | Comments (0)