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22.08.10
Swat-Valley - Pakistan 1988
Flutkatastrophe in Pakistan - besonders betroffen der Nordwesten und das Swat Tal. Schlagzeilen dieser Tage. Wenig zuvor kam es am gleichen Ort zu massiven Kämpfen gegen die Taliban. Meine Gedanken sind oft in dieser Gegend, wo ich 1988/89 für ein Jahr als IKRK Delegierter arbeitete
Temperaturen von 45 Grad und mehr waren in den Monaten April-Oktober in Peshawar, wo wir lebten, an der Tagesordnung. Kaum auszuhalten. Hin und wieder fuhren wir deshalb für ein paar Tage ins nahe Swat Valley, drei bis vier Autostunden von Peshawar entfernt. Hier war das Klima erträglich und die Landschaft erinnerte ein wenig an die Schweiz. Ein wenig...
In Peshawar war es damals praktisch 12 Monate im Jahr trocken. Stürme gab es, aber es waren meist Sandstürme. Nur im Winter kamen die Temperaturen in einen erträglichen Bereich.
Anders im nahen Swat-Valley: Regen und auch Schnee waren dort in der kühlen Jahreszeit häufig und trugen auch dazu bei, das Tal fruchtbar zu machen. Und die Schweizer Entwicklungshilfe hatte weit oben im Tal ein Projekt zur Waldentwicklung- und Nutzung laufen.
Richtig viel Regen erlebten wir im Frühjahr 1989 - hier eine Strassenszene aus Mingora einem der grössten Orte im Swat-Valley
Das Tal und seine Bewohner sind in der Erinnerung eingebrannt. Und vielleicht werde ich das Tal ja einmal wiedersehen.
Posted by dominik at 11:42 | Comments (0)
11.08.10
Kinofernsehen „Eidophor“ und andere Schweizer Medienerfindungen
Es ist noch nicht lange her, da war Medientechnik aus der Schweiz Weltspitze: John Steinbeck schrieb seine Texte auf einer Hermes Baby aus dem Jura, die Beatles nahmen ihre Songs mit Studer Tonbandgeräten aus Regensdorf und die Eidophor Projektoren aus demselben Ort wurden sogar in der Sowjetunion geschätzt. Heute ist dieses Geschäft fest in japanischen und amerikanischen Händen und die Geräte aus der Schweiz - auch wenn viele davon heute noch funktionieren – sind nur noch bei Liebhabern und Sammler geschätzt,.
Schwarzenburg im Kanton Bern: Die Umgebung ist idyllisch und ländlich: Sanfte Hügel, Bauernhöfe, grüne Weiden, Kühe. Das eingezäunte eingeschossige Gebäude blickt auf eine lange Geschichte zurück und war bis 1998 Kurzwellensender. Heute dient das Gebäude dem Museum für Kommunikation Bern als Depot; es beherbergt wohl die grösste Sammlung von alten Mediengeräten der Schweiz.
Der Raum, in den uns der Museumskurator Rolf Wolfensberger führt, gehört dem Fernsehen. Hier lagern Studiokameras, Magnetband-Aufzeichnungsgeräte, auf einem Holzgestell entdecken wir ein Testbild aus den 60er Jahren, und ganz zuhinterst stehen vier voluminöse Kasten, die mit dem Namen „Eidophor“ angeschrieben sind. „Die Geräte kamen nach dem Konkurs der Herstellerfirma Gretag und der Auflösung des firmeneigenen Museums im Jahr 2004 hierher. Sie sind ein wichtiger Meilenstein in der Geschichte des Fernsehens und der Projektoren, und deshalb sind wir froh, dass wir sie hier behalten dürfen“, erklärt uns Wolfensberger.
Der Begriff Eidophor steht für die Grossprojektion von Fernsehbildern: Im Zeitalter des Public Viewing eine Selbstverständlichkeit. Während Jahrzehnten stammten die besten und leistungsfähigsten Projektionsgeräte aus der Schweiz. Ihre Geschichte hat die Zürcher Historikerin Caroline Meyer in einer kürzlich veröffentlichten Dissertation aufgearbeitet.
Erfunden wurde der Eidophor vom Zürcher ETH Professor Fritz Fischer (1898-1947). Die Patentschrift wurde 1939 hinterlegt und 1944 anerkannt. Sein Verfahren basiert auf einem Ölfilm, der von einem Kathodenstrahl im Hochvakuum abgetastet und dabei minimal verformt wird. Das projzierte Bild entsteht indem der Ölfilm von einer Lichtquelle beleuchtet wird.
„Kompensationsprojekt“ für die Schweizer Industrie
Fischer erkannte die Bedeutung des audiovisuellen Sektors, so die Historikerin Meyer; er bedauerte schon in den 30er Jahren, dass die Schweiz die Entwicklung auf diesem Gebiet verpasst hatte. Fischer schlug die Schaffung eines „Kompensationsprojekts“ vor, um mindestens in einem Gebiet selber an die Spitze der Forschung zu gelangen. Die Vision dahinter war bestechend: Eidophor sollte Teil eines weltweiten Verbundes werden und die elektronische Verteilung von Kinofilmen ermöglichen. Dieses Kinofernsehen würde aktuelle Filme schnell und günstig auch in entlegene Gebiete bringen. Das Projekt wurde zunächst von der Eidgenossenschaft gefördert und ging dann an den Zürcher Ingenieur Dr.Edgar Gretener (1902-1958) und seine gleichnamige Firma. Die Perspektiven waren so überzeugend, dass sogar ein Hollywood Studio einstieg: Die 20th Century Fox beteiligte sich zunächst am Projekt.
Die Vision des Kinofernsehen scheiterte – unter anderem an der mangelnden Bildqualität aber auch an der Frequenzzuteilung für die Signalübertragung. Der Rückzug der 20th Century Fox machte den Weg frei für neue Nutzungsperspektiven: Sie wurde im Firmen-TV gefunden. Die Basler Pharmafirma Ciba kaufte die mittlerweile in Gretag AG umgetaufte Firma von Edgar Gretener und nutzte das Verfahren für die publikumswirksame Inszenierung von Fernsehbildern an Kongressen und Tagungen und vermietete das System an Dritte. Ein früher Höhepunkt für Eidophor war sein Einsatz an der Expo 64; 1970 integrierte Ciba erstmals Satellitenübertragungen in Präsentationen, die mit Eidophor gezeigt wurde. Eidophor tauchte im Sport auf, an Universitäten und auch im militärischen Kontext. Sogar in einem sowjetischen Raumfahrtszentrum soll das Verfahren eingesetzt worden sein. Dabei war Eidophor bei weitem nicht das einzige derartige Verfahren auf dem Markt. Es lieferte aber lange die besten Bilder, allerdings zu einem hohen Preis. Und es war dann auch die Konkurrenz durch günstigere Systeme, die zum Ende von Eidophor führten.
Revox Tonbändgeräte – das Mass aller Dinge
Ebenfalls in Regensdorf, nur wenige hundert Meter weiter als die Gretag, war eine weitere Firma angesiedelt, die Mediengeschichte schrieb: Studer Revox. Anders als Edgar Gretener war der Firmengründer Willi Studer (1912-1996) kein Ingenieur, sondern Radioelektriker.
Studer sah seine Chancen als Hersteller von Tonbandgeräten anfangs der 50er Jahre. Der Erfolg stellte sich schnell ein: Schon 1958 zählte sein Firma 120 Angestellte. 1980 war die Firma auf 1600 Angestellte angewachsen. Willi Studer bediente anspruchsvolle und zahlungsfähige Amateure mit Produkten der Marke Revox. Legendär ist etwa das Tonbandgerät A77, das 1977 zum ersten Mal geliefert wurde. Weit wichtiger waren aber die Profi-Geräte, die unter dem Namen Studer vermarktet wurden. Abnehmer waren die Radio- und Fernsehstudios weltweit, bekanntester Kunde waren wohl die Londoner Abbey Road Studios, wo die Platten der Beatles und zahlreicher weiterer Popgrössen aufgenommen wurden.
Die Krise kam Ende der 80er Jahre. Auch der Verkauf an Motor-Columbus konnte das Lebenswerk von Willi Studer nicht retten. Heute ist ausser dem Firmennamen wenig geblieben: Unter dem Namen Studer produziert die US Firma Harman hochwertige Mischpulte. 2009 verlegte Harman die Produktion ganz nach England. Unter dem Namen Revox werden heute Audioprodukte für den Heimbereich verkauft, die wenig mit den Tonbandgeräten von damals zu tun haben. Firma und Geräte sind Geschichte. Viele Geräte dürften aber auch heute noch in Betrieb sein. Die Firma hat treue Anhänger – einer davon gründete 2005 gar ein Studer Revox Museum, das allerdings 2009 bereits wieder schliessen musste.
Schreibmaschinen und Filmkameras aus dem Jura
Vom zürcherischen Regensdorf in den Waadtländer Jura: Hier wurden nicht nur Musikautomaten und Uhren hergestellt, sondern auch Mediengeräte, die die Welt eroberten. Erwähnt man den Namen Paillard – lange der grösste Arbeitgeber in der Region von Yverdon, so erntet man bei den meisten Deutschschweizern nur Kopfschütteln. Ist aber von einer Hermes Baby Schreibmaschine die Rede, von einer Bolex-Filmkamera oder von einem Thorens-Plattenspieler, dann hellen sich die Gesichter auf…
Die Familie Paillard stammte ursprünglich aus St.Croix, wo Moïse Paillard bereits 1814 ein Uhrmacheratelier gründete und sich bald einen Namen als Hersteller von Musikdosen machte. Ende des 19.Jahrhunderts weitete man die Produktion auf Walzenphonographen, Grammophone und Schreibmaschinen aus, später kamen auch Radioapparate dazu. Paillard & Cie SA wurde 1920 gegründet. Auf dem Höhepunkt ihres Erfolges in den 70er Jahren des 20.Jahrhunderts beschäftigte Paillard 8000 Personen weltweit, 6000 davon in Yverdon und Umgebung.
Viel davon ist auch hier nicht übrig geblieben: Wer Yverdon in Richtung Lausanne verlässt, passiert im Industriegebiet die Niederlassung von Bolex. Auf einer Etage eines Geschäftshauses kümmern sich je nach Saison drei bis fünf Techniker um Bolex-Filmkameras, die heute noch in Betrieb sind. Das sind offenbar weltweit noch einige. Und für diesen Markt werden in Yverdon auch heute noch Kameras hergestellt: mit 20 Stück pro Jahr hält sich die Produktion aber in bescheidenem Rahmen. Kein Vergleich zu früher; Insgesamt dürften im Lauf der Jahre einige hunderttausend 16mm Kameras die Werke von Paillard-Bolex verlassen haben.
Paillard hatte die 16mm Technologie 1930 vom Exilukrainer Jacques Bogopolsky aus Genf übernommen. Die 16mm Filmkameras waren in der Filmproduktion ein echter Fortschritt und wurden schnell zum Standard für Dokumentarfilm und Fernsehen – sie lieferten brauchbare Qualität zu einem Bruchteil des Preises der 35mm Technologie. Sie waren handlich, gerade beim Dokumentarfilm ein entscheidender Vorteil. Der Kundenkreis war gross und international, so dass sich sogar die Herstellung einer englischsprachigen Kundenzeitung mit Tipps und Tricks zum Filmen für Amateure und Profis lohnte. Unter den Kunden fanden sich illustre Namen: Marlene Dietrich, Mahatma Gandhi, Aga Khan und Antoine de St. Exupéry sollen mit Bolex-Kameras gefilmt haben.
Schreibmaschinen waren das zweite Standbein von Paillard. Ein eigentlicher Verkaufshit war die Reiseschreibmaschine Hermes Baby. Der „Laptop der 60er“ Jahre wurde die sechs Zentimeter dicke Maschine auch schon genannt. Das Schriftbild konnte es kaum mit teureren Maschinen aufnehmen, dafür war die Hermes Baby klein, leicht und billig. Und die Liste der Autoren, die auf einer Hermes-Baby schrieben, liest sich mindestens so eindrücklich wie bei Bolex: Ernest Hemingway, John Steinbeck, Friederike Mayröcker, Max Frisch und auch eine gewisse Emmi Creola alias Betty Bossi - sie alle sollen ihre Texte auf dieser Maschine verfasst haben. Der Zürcher Pop-Literat Dieter Meier hat der Hermes Baby gar ein Gedicht gewidmet: „In ihren glänzend grünen Strapsen/Steht Baby auf dem Arbeitstisch/Auch heute wird sie mich verflapsen/Wenn ich betrübt von dannen zieh“.
Überlebt hat aus dem Paillard Imperium neben Bolex auch der Name Thorens. Thorens war ursprünglich ein selbständiges Unternehmen, das ebenfalls in St.Croix ansässig war. 1937 kam es zur Firma Paillard. Unter dem Namen Thorens stellte Paillard fortan hochwerte Grammophone her . Unter HiFi-Enthusiasten genossen die teuren Geräte einen ähnlichen Ruf wie die hochwertigen Revox-Tonbandgeräte. Die Firma wurde allerdings bereits 1966 wieder selbständig und ist heute ein Nischenanbieter für zahlungskräftige High-End Liebhaber.
Warum sind diese Firmen verschwunden?
Was hat zum Niedergang dieser Firmen geführt? – Die Gründe dafür sind vielfältiger, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Eidophor zum Beispiel, war ein extrem aufwendiges und teures Verfahren und bediente einen ausgesprochenen Nischenmarkt. „Es hat nicht an Versuchen gefehlt, das Verfahren weiter zu entwickeln“, sagt ein ehemaliger Ingenieur der Gretag. Aber letztlich war Eidophor ein singuläres Projekt, dessen Zeit auf dem Weltmarkt zu Ende ging. Eidophor lieferte während Jahrzehnten unbestritten die besten Bilder – wenn auch zu einem hohen Preis. „Eidophor war nie richtig rentabel“, meint unser Gewährsmann.
Komplexer liegen die Dinge bei Studer-Revox: „Es war die Kollision zwischen dem Siegeszug der Digitaltechnik und einer fehlenden Nachfolgeregelung, die Studer-Revox das Genick gebrochen hat“, sagt Roger Lagadec, 1979-85 Product Manager bei Studer-Revox. Willi Studer war ein Mann der analogen Technik. Er verstand sich auf die mechanisch aufwändige Kontrolle von Gleichlaufschwankungen und konnte sich nicht vorstellen, dass diese Dinge einmal nicht mehr gefragt sein würden.
„Niemand verstand die Brisanz und Brutalität der Moore’schen Kurve, welche die Preise für Digitalschaltungen alle 18 Monate halbierte und den Einsatz billiger Mechanik ermöglichte“, sagt Lagadec. Innerhalb von zehn Jahren hatten sich die Preise für Audiogeräte pulverisiert – genau so lange war aber der Investitionszyklus für Profi-Technik aus dem Hause Studer. Konkurrent Sony, für den Lagadec nach 1985 arbeitete, konnte unbegrenzte Mittel in die Entwicklung der digitalen Audiotechnik investieren. Aber auch Sony gelang es nie, auf diesem Markt profitabel zu werden.
Patriarchalische Strukturen waren einer der Hauptgründe für den Untergang der Waadtländer Firma Paillard. „Der Erfolg der Firma ging letztlich auf zugekaufte Erfindungen zurück. Man verstand sich nicht aufs Entwickeln“, sagt der Neuenburger Historiker Thomas Perret.
Die Geschichte stellt diesen Schweizer Firmen kein gutes Zeugnis bei der Bewältigung der Technologie-Entwicklung aus. Immerhin, es gibt auch ein Gegenbeispiel: Der Exilpole Stefan Kudelski (geboren 1929) baute in Lausanne unter dem Namen Nagra jahrzehntelang mobile Tonbandgeräte, die bei Film, Fernsehen und Radio weltweit eingesetzt wurden. Kudelski wurde dafür in Hollywood mehrmals mit einem Oscar geehrt. Eine Variante des Gerätes – das Mini-Nagra – fand auch Eingang in die Welt der Geheimdienste. Anders als Willi Studer fand Stefan Kudelski in seinem Sohn André einen fähigen Nachfolger. Dieser erkannte Ende der 90er Jahre, dass die Jahre der Firma als Hersteller von Tonbandgeräten gezählt waren und etablierte sich in der Folge mit Spezialprodukten für den Zugang zu Pay-TV. Zwar gehören Audiogeräte – nicht zuletzt aus Respekt vor der Geschichte – noch zur Kudelski-Gruppe. Sie machen knapp ein Prozent des Firmenumsatzes aus.
Dominik Landwehr
Ein Teil der Geräte aus der Sammlung ist im Museum für Kommunikation in Bern zu sehen. Die Sammlung in Schwarzenburg kann auf Voranmeldung besucht werden.Kontakt: Museum für Kommunikation BernCaroline Meyer: Der Eidophor. Ein Grossbildprojektionssystem zwischen Kino und Fernsehen 1919-1999. Chronos Verlag. www.chronos-verlag.ch
Der Artikel erschien in leicht gekürzter Form unter dem Titel "Swiss Made für Kulturtäter" am 11. August 2010 in der Neuen Zürcher Zeitung. Hier gehts zum NZZ Artikel
Posted by dominik at 21:35 | Comments (0)
08.08.10
Unesco-Weltkulturerbe Tösstal
Weltkulturerbe Tösstal ! – Eine Schnapsidee? – Nein, der Vorschlag ist ganz ernst gemeint. Allerdings ist er nicht auf meinem Mist gewachsen. Aufgebracht hat diese Idee Peter Baumgartner, der stellvertretende Leiter der Denkmalpflege des Kantons Zürich. „Das Zürcher Oberland hat das Potential zum Unesco Weltkulturerbe“, sagte der Denkmalpfleger in einem Zeitungsinterview. Von mir stammt nur die Zuspitzung – aber das Zürcher Oberland ist ja im weitesten Sinn auch Teil des Tösstal…
Peter Baumgartner hat das ernst gemeint und ich finde, diese Idee ist unterstützenwert. Das zeigt allein ein kurzer Blick auf die denkmalgeschützten Industriebauten in unserer Gegend. Der Industrie-Archäologe Hanspeter Bärtschi hat sie am letzten Kulturapéro der Kulturkommission Zell im Mai noch einmal deutlich vorgestellt: Da sind zum Beispiel die Kraftwerk-Anlagen entlang der Töss und die kunstvoll angelegten Wasserwege, besonders deutlich in Kollbrunn. Die alten Spinnereien, oder das ganze Ensemble von Anlagen im Neuthal, dort sind ja seit kurzem auch die Webmaschinen der Sulzer-Rüti ausgestellt. Erschlossen sind diese Anlagen mit der Bäretswil-Bauma Dampfbahn. Dass den Gemeinden an den Industriebauten liegt zeigt zum Beispiel das Engagement für die Erhaltung der alten eisernen Brücke in der Au bei Kollbrunn. Sie konnte erhalten und renoviert werden, dank dem gemeinsamen Einsatz von Kanton und Gemeinde.
Auf der Unesco Liste des Weltkulturerbes stehen heute über 800 Anlagen „Es sind Zeugnisse vergangener Kulturen, künstlerische Meisterwerke und einzigartige Naturlandschaften, deren Untergang ein unersetzlicher Verlust für die gesamte Menschheit wäre“ heisst es dazu auf der Website der Unesco (www.unesco.ch) . In der Schweiz gehört die Altstadt von Bern, die Klöster von St. Gallen und Müstair, das Aletschgebiet, aber auch die Innenstadt von La-Chaux-de-Fonds und Le Locle sowie die Kunstbauten der Albulabahn dazu.
Industriebauten als Weltkulturerbe? – Ja- unbedingt. Wer letzte Zweifel ausräumen will, dem sei eine Reise ins Ruhrgebiet empfohlen. Eine der eindrücklichsten Bauten, die es dort zu besichtigen gibt, ist die Zeche Zollverein in Essen. Es ist ein Steinkohlebergwerk, das 1847 bis 1987 in Betrieb war. Mit Hilfe unterirdischer Verbindungsanlage wurde hier die Kohle von zahlreichen Zechen der Umgebung gesammelt, gewaschen und in über 300 Koksöfen zu Koks verarbeitet, ein Ausgangsprodukt für die Stahlproduktion.
Bis Mitte der achtziger Jahre hat die ganze Region des Ruhrgebiets ihr Auskommen in der Kohle- und Stahlindustrie gefunden. Dann war innerhalb von wenigen Jahren Schluss. Vom Trauma des abrupten Endes hat sich die Region bis heute nicht erholt. Dass das Ruhrgebiet dieses Jahr Kulturhauptstadt ist, ist bestimmt auch ein Versuch, über dieses Trauma hinweg zu kommen.
Das Ende der Schweizer Textil- und Maschinenindustrie kam nicht von einem Tag auf den anderen. Es zog sich über 30 Jahre hin. Das ist vielleicht auch ein Grund, dass es von der Öffentlichkeit weniger wahrgenommen wurde. Im Ruhrgebiet spielten sich in den 80er Jahren dramatische Szenen ab. Allein der Apell von Arbeitern, Gewerkschaften und Politikern nutzte nichts. Die riesigen Anlagen wurden still gelegt. Ein Teil davon gar demontiert und nach China verschifft.
Im einem Bergwerk des Ruhrgebiets zu arbeiten war kein Schleck. Und auch die Fabrikarbeit im Tösstal war hart. Armut, Hungersnöte und Kinderarbeit gehörten vor allem im 19.Jahrhundert dazu. Wäre es nicht besser, das alles zu vergessen? – Nein meine ich. Auch der kantonale Denkmalpfleger ist dieser Meinung „Schutzobjekte müssen nicht zwingend schön sein“. Die Erhaltung von Industriedenkmälern fördert das breite Verständnis für Geschichte. Und ohne Kenntnis der Geschichte, gibt’s auch kein Verständnis für die Gegenwart.
Erschienen in der Zeitung "Tössthaler" als Kolumne "Standpunkt" am Samstag 7.August 2010
Hier gehts zur Seite der Schweizer Unesco Weltkulturerbe-Stätten
Posted by dominik at 12:01 | Comments (0)