« November 2009 | Main | Januar 2010 »
30.12.09
Die Frauen von Appenzell
Der Kanton Appenzell - genauer der Halbkanton Appenzell Innerrhoden - geniesst einen zweifelhaften Ruf: Viel Folklore, viel Rückständigkeit, heisst es. Hier kam das Frauenstimmrecht erst 1990. Zu fragen wäre aber, wie die Stellung der Frauen hier wirklich war. Roland Inauen, Direktor des Museums Appenzell und Vorsteher des Kulturamtes des Kantons Appenzell Innerrhoden erklärt uns das mit einer Bildergeschichte.
Der Bauernschrank aus dem Jahre 1880 zeigt einen Alpabzug - wenn Ende Sommer die Sennen mit ihrem Vieh von der höher gelegenen Alp ins Tal ziehen. Ein wichtiger Moment im Jahr, um den nicht zuletzt deshalb viel Brauchtum entstanden ist.
Bemerkenswert an dieser Darstellung ist für Inauen, dass hier eine Frau abgebildet ist: "In späteren Jahren wäre dies nicht mehr so gemalt worden - weil Frauen in der Viehaltung und in der Alpwirtschaft keine Rolle mehr spielten". Sie hatten ihr Auskommen in der Handstickerei gefunden.
Und die Appenzeller Handstickerei genoss seit dem Ende des 19.Jahrhunderts weltweit einen eizigarten Ruf: "Die Appenzellerinnen haben dieses Handwerk zu einer Kunst perfektioniert, die ihresgleichen sucht. Jede Stickerin beherrschte von den über 100 bekannten Stichen nur gerade eine Handvoll - diese aber in hoher Perfektion. Die Stickereien entstanden in Arbeitsteilung und wurden von einer Frau zur anderen weiter gereicht. Ein einzelnes Taschentuch konnte schon mal Preise von 500 Franken und mehr erreichen - und das zu Beginn des 20.Jahrhunderts", erklärt Inauen. Die hohe Qualität dürfte auch der Grund gewesen sein, dass hier die maschinelle Stickerei, wie sie etwa im nah gelegenen St.Gallen gepflegt wurde, keinen Fuss fassen konnte.
Leisten konnten sich das selbstredend nur die ganz Reichen dieser Welt. Unter den Kunden der Appenzeller Stickerinnen war zum Beispiel das russische Zarenhaus.
Reich wurden die Familien darob zwar nicht - aber es kam mit dieser Arbeit doch Bargeld ins Haus - und es waren die Frauen, welche dieses Geld verwalteten. Und selber solche reich verzierten Textilien zu haben, konnten sich die Frauen nicht leisten - mit einer Ausnahme: Der traditionellen Tracht. An einem Kleid wurde jahrelang genäht.
Die Appenzeller Tracht strahlt eine zeitlose Schönheit aus zeitgenössischen Mode-Designerinnen und Designer lassen sich von ihr inspirieren.
Posted by dominik at 10:48 | Comments (0)
Brief nach Auschwitz
Manchmal verdichtet sich in einem einzigen Dokument ein umfassendes - in diesem Fall unfassbares Geschehen. So in diesem Brief aus dem Jüdischen Museum Hohenems. Das Museum geniesst weit über die Region hinaus einen ausgezeichneten Ruf und ist mit dem Auto ab Winterthur in nur gerade einer Stunde zu erreichen.
Das Jüdische Museum Hohenems dokumentiert beispielhaft das Leben der jüdischen Gemeinde dieses Ortes. Sie erlebte in der Mitte des 19.Jahrhunderts eine kurze Blüte, schon ab 1860 verkleinerte sie sich stetig, vor dem Zweiten Weltkrieg lebte nur noch eine Handvoll Juden in diesem Ort.
Mit Hohenems verbunden ist auch das Schicksal der Familie Baum. Auf dem Begleittext lesen wir: "1943 schreibt Leopold Baum aus Schaan (FL) einen Brief an seinen Bruder in Auschwitz. Sie stammen aus der Hohenemser Familie Burgauer.Leopold ist mit seiner Familie rechtzeitig von Offenburg nach Schaan (FL) emigriert. Sein Brief kommt nach wenigen Monaten zurück mit dem Vermerk "Konzentrationslager verweigert Annahme des Briefes". Paul Baum ist zu diesem Zeitpunkt nicht mehr am Leben.
Das Jüdische Museum Hohenems liegt übrigens nur 90 Autominuten von Zürich entfernt im St.Galler Rheintal auf der Höhe von Dornbirn.
Posted by dominik at 10:26 | Comments (0)
23.12.09
Eidophor - das Buch zur Schweizer Pionierleistung
Es ist noch nicht lange her, da war der Begriff Eidophor gleichbedeutend mit Fernsehbild-Grossprojektion. Das Projektionsverfahren wurde nicht nur in der Schweiz erfunden, sondern auch von einer Schweizer Firma zur Serienreife entwickelt und vetrieben. Eine neue Studie geht der Geschicht dieser Schweizer Medienerfindung nach
Das Eidophor Verfahren wurde bereits 1939 an der ETH erfunden und patentiert. 1959 brachte es die Zürcher Firma Gretag auf den Markt. Das Projektionsverfahren lieferte brillante Bilder - und hatte nur einen Nachteil: Es war aufwendig, teuer und schwer. Noch 1982, so erinnert sich ein Fotograf aus Zürich, wurde der Projektionsapparat in einem Sattelschlepper zur Vorführung an die Photokina nach Köln gebracht.
Eidophor behauptete jahrezehntelang seinen Platz im Sport, in der Geschäftswelt und auch in der Armee. Nur ins Kino schaffte es die Erfindung nie.
Die Historikerin Caroline Meyer geht in ihrer neuen Studie den Gründen und generell der Geschichte dieser Schweizer Medienerfindung nach. Darauf wird zurückzukommen sein.
Caroline Meyer: Der Eidophor. Ein Grossbildprojektionssystem zwischen Kino und Fernsehen 1939-1999. Zürich: Chronos Verlag 2009. Interferenzen – Studien zur Kulturgeschichte der Technik, Band 15
Zum Artikel "Eidophor" der ETH Zürich
Posted by dominik at 16:11 | Comments (0)
06.12.09
"...und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben"
In Buch "Die Aufzeichnungen des Malte Laurids Brigge" von Rainer Maria Rilke findet sich folgender Satz. Ich verdanke ihn meinem Bekannten TK.
"Noch eine Weile kann ich das alles aufschreiben und sagen. Aber es wird ein Tag kommen,da meine Hand weit von mir sein wird, und wenn ich sie schreiben heissen werde, wird sie Worte schreiben, die ich nicht meine. Die Zeit einer anderen Auslegung wird anbrechen, und es wird kein Wort auf dem anderen bleiben, und jeder Sinn wird wie Wolken sich auflösen und wie Wasser niedergehen."
Posted by dominik at 19:59 | Comments (0)
03.12.09
John Lennon, das Minarett-Verbot und Weihnachten
Was haben das Lied "Imagine" von John Lennon, das Minarett-Verbot und Weihnachten miteinander zu tun tun? - Die kleine Betrachtung erscheint als "Standpunkt" im Tössthaler vom Samstag 5.Dezember und wird wohl nicht allen gefallen. Grund genug um weiterzulesen
„Imagine“ – so heisst eines meiner Lieblingslieder. Geschrieben hat es John Lennon. Es gehört heute zu den Evergreens und wird gerne am Radio gespielt. Haben Sie schon mal hingehört? – „Stell dir vor, es gibt kein Himmelreich, keine Hölle unter uns, über uns nur Himmel. Stell dir vor, es gibt keine Länder, nichts wofür man morden oder sterben müsste und auch keine Religion.“ Müsste ich meine Einstellung zum Thema Religion auf den Punkt bringen, dann würde ich es mit dem Song von John Lennon tun.
Trotzdem mag ich Weihnachten. Einmal weil ich damit schöne Erinnerungen verbinde – Erinnerungen an meine eigene Kindheit und Erinnerungen an die Zeit als unsere Kinder klein waren. Und weil ich in dieser Zeit ein bisschen nachdenklicher bin als sonst.
Und weil ich weiss, dass dieses Fest vielen Leuten um mich herum etwas bedeutet. Diese Gefühle zu respektieren finde ich eine Selbstverständlichkeit. Und genau deshalb hat es mich tief erschreckt, als ich am letzten Sonntagnachmittag hörte, dass eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer für ein Verbot von Minaretten gestimmt hat. Am Stammtisch, so lese ich diese Woche in den Zeitungen, hätte man schon vorher merken können, wie die Stimmung ist. Schlimm finde ich, dass viele heimlich dafür gestimmt haben und sich nicht trauten, öffentlich dazu zu stehen.
Religiöse Freiheit gehört für mich zu den Grundrechten unseres Landes und unserer Demokratie. Genau so wie die Rede- und Meinungsfreiheit, die Pressefreiheit, das Recht auf die Unversehrtheit des Lebens, die Niederlassungsfreiheit…. Eine Einschränkung dieser Freiheiten empfinde ich als unwürdig, ja mehr noch, als unerträglich.
Warum ist mir als nichtreligiöser Mensch auch die Religionsfreiheit so am Herzen? –
Der Grund ist einfach: Ich denke an die Zeit des Nationalsozialismus. An die Verhetzung, Verfolgung und schliesslich an die systematische und kaltblütige Ermordung von sechs Millionen Juden. Aus der Geschichte haben wir gelernt, dass auch dieses entsetzliche Kapitel der Geschichte klein und harmlos angefangen hat. Mit Ideen, Vorstellungen, mit Verschwörungstheorien woran die Juden alles schuld seien. Und mit dem Sturm auf deren religiöse Symbolen und Stätten in der Kristallnacht am 9.November 1938.
Der Vergleich hinkt, werden Sie sagen. Vielleicht. Aber wir sollten lernen genau hinzuschauen und hinzuhören. Gibt es wirklich eine Islamisierung in unserem Land? – oder ist das nicht einfach ein Wort, das sich ein trojanisches Pferd in unser Bewusstsein frisst und eine bestimmte Vorstellung transportiert – in einer Wirklichkeit, die aber ganz anders aussieht. Ich selber habe noch gar nichts von dieser sogenannten Islamisierung gespürt. Der Begriff der Islamisierung erinnert mich an ein anderes hässliches Wort aus jener dunklen Zeit, als man von „Verjudung“ sprach.
Ist es richtig, einer Minderheit ihr religiöses Symbol zu verbieten. Und warum gerade den Muslimen? – Warum nicht den Hindus, die Buddhisten, die orthodoxen Christen? – über Religionsfreiheit, so hat ein deutscher Politiker gesagt, kann man nicht abstimmen. Warum hat man denn diese Abstimmung zugelassen? – Wenn man über Religionsfreiheit abstimmen kann, dann kann man auch über andere Grundrecht abstimmen. Ich möchte nicht, dass eine solche Abstimmung zugelassen wird. Verfassungsgemäss garantierte Grundrechte können nicht einfach so handstreichartig abgeschafft werden.
Wer wie die SVP beginnt Grundrechte in Frage zu stellen, betreibt eine Politik der Verhetzung. Die Partei ist ehrlich genug zu sagen, dass sie nötigenfalls auch die Europäische Menschenrechtskonvention aufkünden will. Das bedeutet, dass diese Partei die Menschenrechte nicht mehr respektieren will. Täusche ich mich, wenn ich glaube, dass auch die Menschenrechte einmal zu den gemeinsamen Werten gehört haben, die unser Land und alle Parteien respektieren und achten?
Solche Entwicklungen machen mir Angst. Dagegen gilt es zu kämpfen. Noch kann ich nicht glauben, dass eine Mehrheit der Schweizerinnen und Schweizer wirklich Minarette verbieten will. Weihnachten ist eine gute Gelegenheit darüber nachzudenken.
Das eingangs erwähnte Lied „Imagine“ von John Lennon endet übrigens mit den folgenden Worten: „Stell dir vor, alle Menschen teilen sich die Welt. Du wirst vielleicht sagen ich bin ein Träumer aber ich bin nicht der Einzige. Ich hoffe du wirst dich uns eines Tages anschließen. Und die Welt wird eins sein".
Frohe Festtage.
Posted by dominik at 22:13 | Comments (0)
