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20.11.06

Schweizer sind zu faul um Ingenieure zu werden. Wirklich?

Die Schweizer sind zu faul um das harte Studium in den Ingenieurwissenschaften durchzustehen. Damit erklärt sich die Weltwoche kürzlich den Mangel an Ingenieuren in der Schweiz. Das Argument ist nun doch etwas kurz gegriffen, denn gearbeitet wird hierzulande weissgott nicht zu wenig sondern zu viel, Workoholic zu sein gilt gar als schick. Es gibt andere, wichtiger Gründe: Ingenieure haben ein Looser-Image, die Schweiz eine lange Tradition der Technikfeindlichkeit.

Ingenieure sein hiess in der Nachrkiegsschweiz während Jahrzehnten, Maschinen-Ingenieur zu sein. Die stolzen Erben von Alfred Escher und Brown Boveri ritten auch nach dem Zweiten Weltkrieg auf einer Erfolgswelle. Schweizer Turbinen, Schiffsmotoren, Getriebe wurden in die ganze Welt exportiert. Der Niedergang kam schleichend und zog sich über mehrere Jahrzehnte hin - letztlich war er aber das grösste Grounding in der Schweizer Wirtschaftsgeschichte, wie der Industriearchäologe Hans-Peter Bärtschi etwa festhielt. Die Schweizer Maschinenindustrie sorgte zwischen 1970 und 2000 praktisch ausschliesslich für negative Schlagzeilen. Heute sind die grossen Namen der Schweizer Industrie nur noch Hülsen für Gebäude und da und dort für dünne Nachfolge-Firmen: Sulzer, Escher-Wyss, Maag. Nur gerade Asea Brown Boverie ABB konnte sich - nicht ohne Schmerzen und Transformationen - halten.

Grosstechnologie in den 70er Jahren - auch das sei nicht vergessen - war unter anderem die Atomkraft. Und hier gab es ein gewaltiges Image-Problem. Sie stand im Ruf unbeherrschbar, schädlich zu sein. Dass die Technologie hinter den so genannten Alternativ-Energien mindestens ebenso neu, spannend, herausfordernd und letztlich gewinnbringend sein konnte, diese Idee galt in den 70er und 80er Jahren allenfalls bei Linken, Grünen und sonstigen alternativen Vögeln.

Nun wäre dieser Wandel allein noch nicht problematisch - hätte man es hierzulande nicht versäumt, nach Technologien Ausschau zu halten, die in die Lücke springen konnten. Der aufstrebenden Computertechnologie gab man keinen Kredit. Zwar bauten zwischen 1954 und 1959 der Elektroingenieur Professor Eduard Stiefel zusammen mit seinen damaligen Mitarbeitern und späteren ETH-Professoren Heinz Rutishauser und Ambros Speiser einen wissenschaftlichen Computer: die ERMETH. Aber kaum einer glaubte hierzulande an das kommerzielle Potential der Datenverarbeitung. Computer, so die gängige Schlussfolgerung, sind gut für die Wissenschaft aber Geld verdienen kann man damit auch in Zukunft nicht. Als der Informatik-Pionier Niklaus Wirth Mitte der 70er Jahre mit den Ideen für einen Personal Computer mit einer benutzerfreundlichen Schnittstelle aus Kalifornien zurück kam, war es bereits zu spät: Ein Schweizer Computer namens Lilith wurde zwar gebaut - er war aber bald obsolet, nachdem Apple anfangs der 80er Jahre mit seinem revolutionären Gerät den Weltmarkt erobert hatte.

Es gab wohl bis in die späten 80er Jahre in der Schweiz nicht jene technologiefreundlichen Millieus, die so typisch für die Westküste der USA sind.

Mehr zum Thema:
Computer Made in Switzerland sind eine Rarität: Museum für Kommunikation 2001.

Industrie-Archäologie: Arias Industriekultur

Science & Technology Studies in der Schweiz:

Technikgeschichte an der ETH Zürich

Posted by dominik at 07:05 | Comments (0)

03.11.06

Der Blogger als Text Jockey (TJ) - Interventionen zur SGKW Tagung

3.November 2006. Jahrestagung der Schweizerischen Gesellschaft für Kulturwissenschaft. Der Sternenjäger ist eingeladen, die Themen zu kommentieren. Vorgestellt und eingeführt vom Kulturvermittler Heinz Nigg: Der Blogger als TJ - als Text-Jockey. Und er war nicht allein...

Vor den Texten einige kurze Erklärungen: Die Schweizerische Gesellschaft für Kulturwissenschaft ist eine lose Gruppe von Geistes- und Sozialwissenschaftern jener Disziplinen, die mit dem Begriff der Kulturwissenschaft belegt werden. Zu diesem (weiten) Feld gehören unter anderem Geschichte, Literatur(en), Soziologie, Ethnologie, Volkskunde, Medienwissenschaften etc. Die Jahrestagung 2006 fand im Cabaret Voltaire im Zürcher Niederdorf statt und war dem Thema Wissenskulturen gewidmet.

Schön, dass gerade zwei Blogger kommentierend anwesend waren - neben dem Sternenjäger auch Stefan M.Seydel ("SMS"), der mit seinem rebell.tv immer wieder interessante Akzente setzt und von der NZZ auch schon der "originelleste Mediendissident" genannt wurde.

Die untenstehenden Interventionen müssen auf dem Hintergrund der Referate respektive der Zusammenfassungen (siehe oben) gelesen werden.

INTERVENTION 1 Kunst und Raum

Shopping als Kulturvermittlung. Wie unterscheiden sich Einkaufszentrum und Museum? ? Man kann das Einkaufszentrum doch auch als Museum und das Museum als Shopping-Meile erleben.

Die Grenzen zwischen Privatem und Öffentlichem verschieben sich. Auch im urbanen Raum. Weil der öffentliche Raum von Werbung und Marketing dominiert wird, verweigern sich Künstler sich zunehmend. Tun sie das wirkklich? Oder gibt es nicht gerade eine neue Generation von Künstlern, die solche Zusammenhänge geradezu suchen?

Warum diese Schwierigkeit? Shopping als kommerzielle Aktivität wird offenbar als Gegensatz zur künstlerischen Aktivität empfunden.

Ein ähnliches Feld bildet Kunst und Tourismus: Es gibt Berührungsängste und Missverständnisse. Aber umgekehrt ist Kunst ja längst ein Standortfaktor im Tourismus-Marketing.

Künstlerische Inverventionen können auch in anderen Systemen als im Kunst-Kontext funktionieren. Denn längst gibt eine Symbiose von Kunst und Tourismus: Kirchner in Davos, Segantini im Engadin?Dada in Zürich (?!)

Zum Thema Kunst und Öffentlichkeit gehört auch der Umgang mit den Medien. Öffentlichkeit wird über Medien hergestellt. Deshalb muss man viele Anlässe auch nicht mehr besuchen. Man hat?s ja am TV gesehen. Publikumsschwund ist deshalb nur ein scheinbarer Schwund.

Referate:

Philipp Meier/Adrian Notz
Das Cabaret Voltaire und der Dadaismus

Michael Hiltbrunner
Kunst und Öffentlichkeit

Peter Spillmann
Kunst und Tourismus


INTERVENTION 2: Wissen als Speicher ? Wissen als Prozess ? Wissen wird ausgehandelt

Ein Blick auf zwei zentrale Aspekte der Wissensvermittlung: Einmal über die Schulbuchillustration und einmal via architektonische Gestaltung. In beiden Fällen werden nonverbal Werte und Konzepte vermittelt.

Schulbuchillustration: Werte: Dankbarkeit, Grossmut, Hilfe, Respekt etc.
Referent: Diese Werte waren wohl gar nicht so schlecht und würden sich auch heute gut machen.

Verhältnis von Text und Bild hat sich verändert. Von der traditionellen Literatur-Illustration bis zu einer starken Eigenständigkeit, erst ab 80er Jahren.

Wissensräume ? Bibliotheks-Architektur: Die Ordnung des Wissens macht Wissen erst möglich. Anordnungen im Raum bilden Struktur und Speicher und schaffen so einen nicht-diskursiven Rahmen. Zentrale Referenz Borges: Die Bibliothek von Babylon.

Die Wissensproduktion einer traditionellen Enzyklopädie: Das Internet spielt eine wachsende Rolle. Rückkoppelungsprozess. Die digitale Herausforderung ? Wikipedia, Google, Digitalisierung von Bibliotheken. Eine mögliche Antwort: Wir sind fasziniert, überrascht, überfordert ? aber wir wissen es nicht. Kaum haben wir eine Entwicklung begriffen, müssen wir uns mit der nächsten befassen.

Fritz Franz Vogel
Die Schweizerische Schulbuchillustration

Wissensspeicher und Enzyklopädie
Andras Schwab und Peter Erismann

INTERVENTION 3: Kollektiv/Wissen 2

Was leistet Medium Ausstellung? ? Im Museum werden aus Objekten Sehenswürdigkeiten. Dahinter verbirgt sich ein komplexer Akt der Herstellung.Objekte sind zwar Zeugnisse ? sie sind auch Generatoren und Akteure. Sie sind nicht nur einer Erzählung untergeordnet sondern Ausgangspunkt einer eigenen Erzählung. Eine Ausstellung bietet die Chancen, diese Geschichten mit Objekten zu erzählen. Beispiel ist ein Objekt der Schmerz-Ausstellung Berlin: Eine Meditations-Figur von Christus, die sich öffnen lässt und Blick auf die Eingeweide frei gibt.

Fun Studies. Fiktionalität als Prinzip. Die Parodie auf den Wissenschafts-Jargon zeigt wie stark auch im Feld der Kulturwissenschaften ein Jargon zur lästigen Attitüde werden kann. Zu fragen wäre, wo ist der Fachjargon notwendig zur Beschreibung? Welche Bedeutung hat er sonst noch? Er wirkt auch als identitätsstiftendes Merkmal.

Was verbindet die beiden Referate? Sprachkritik zum Beispiel. Oder das Interesse an den Objekten der Gründerin der Fun-Studies, der verehrten Sarah Fessel. Die Brille der Sarah Fessel erzielte Höchspreise an einer Versteigerung bei Sotheby?s.

Referenten

Annemarie Hürlimann und Nicola Lepp
Wissen und Zeigen

Sonja Keller
Fun Studies. Parodie im Feld der Kulturwissenschaften.

INTERVENTION 4: Tanz/Film/Praktiken

Nicht nur die Tanzwissenschaft war bisher ein marginales Gebiete, auch andere Wissenschaften, die sich mit performativen Praktiken befassen. Das ändert sich zunehmend ? mit dem Erstarken von performativen Praktiken, sprich der (Neu)Entdeckung des Tanzes, des Filmes, dem Siegeszug des Pop seit den 70er Jahren. Die Auseinandersetzung mit diesen performativen Praktiken bedingt auch eine Reflektion auf das Medium Sprache. Sprache kann auch als performativer Akt verstanden werden.

Barfusstanz: Einblicke in Motivationen und die inneren Bilder dieser (urbanen) Tanz-Praxis. Für diese Analyse bedient sich die Autorin aber wieder des Mediums der Sprache. Tiefenhermeneutische Methode.

Rochade-Video: Video-Arbeit mit Jugendlichen. Es wäre interessant die unterschiedliche Bedeutung des Mediums Sprache im Unterschied zum letzten Projekt anzuschauen: Sprache ist auch das Medium der Reflektion aber auch das Medium, in welchem das Video ausgehandelt wird.

Schräge Schweiz: low Budget Produktion ?Schweigen der Männer? von 1997. Betrachtung von sprachlicher und bildlicher Ebene ? souveräner Umgang mit (Bild) Zitaten und schrägen Dialogen. Die Selbst-Bezogenheit, Umgang mit der Identität ist dominant im Schweizer Film.

ReferentInnen

Silvia Heinzmann
Tanz als soziale Interaktion

André Affentranger
Rochade. Ein prozessorientiertes Videoprojekt an Basler Schulen

Marcy Goldberg
Die schräge Schweiz. Ein selbstkritisches Bild der Schweiz im Film.

Posted by dominik at 09:51 | Comments (0)