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20.08.06
Die geschichtlichen Fakten und die Häute der Zwiebeln - Gedanken zur Kontroverse um Günter Grass

"Die Stunde der Pharisäer" ist angebrochen, schreibt Manfred Papst in der NZZ am Sonntag zur Kontroverse um Günter Grass und sein spätes Geständnis, Mitglied der Waffen SS gewesen zu sein. Ist das Buch und dieses Eingeständnis nicht einfach ein weiterer Beleg für den schwierigen Umgang mit der Erinnerung?
Wissen wir nicht längst, wie unzuverlässig, wie weich und veränderbar, ja wie formbar die Erinnerung doch ist. Dann wäre die Kontroverse freudianisch zu deuten - als Widerstreit zwischen dem Über-Ich, dem Es und dem Ich. So liest sich das Buch von Günter Grass mit ganz anderen Augen. Und das Bild der Zwiebel ist mit Bedacht gewählt, eindrücklich und unmittelbar klar:
"Die Erinnerung liebt das Versteckspiel der Kinder. Sie verkriecht sich. Zum Schönreden neigt sie und schreckt gerne, oft ohne Not. Sie widerspricht dem Gedächtnis, das sich pedantisch gibt und zänkisch rechthaben will. Wenn ihr mit Fragen zugesetzt wird, gleicht die Erinnerung einer Zwiebel, die gehäutet sein möchte, damit freigelegt werden kann, was Buchstab nach Buchstab ablesbar stellt: selten eindeutig, oft in Spiegelschrift oder sonstwie verrätselt.
Unter der ersten, noch trocken knisternden Haut findet sich die nächste, die, kaum gelöst, feucht eine dritte freigibt, unter der die vierte, fünfte warten und flüstern. Und jede weitere schwitzt zu lang gemiedene Wörter aus, auch schnörkelige Zeichen, als habe sich ein Geheimniskrämer von jung an, als die Zwiebel noch keimte, verschliessen wollen. Schon wird Ehrgeiz geweckt: dieses Gekrakel soll entziffert, jener Code geknackt werden. Schon ist widerlegt, was jeweils auf Wahrheit bestehen will, denn oft gibt die Lüge oder deren kleine Schwester, die Schummelei, den haltbarsten Teil der Erinnerung ab; niedergeschrieben klingt sie glaubhaft und prahlt mit Einzelheiten, die als fotogenau zu gelten haben: Das unter der Julihitze flimmernde Teerpappendach des Schuppens... auf dem Hinterhof unseres Mietshauses roch bei Windstille nach Malzbonbon... der abwaschbare Kragen meiner Volksschullehrerin, des Fräulein Spollenhauer, war aus Celluloid und schloss so eng, dass ihr Hals Falten warf... Die Propellerschleifen der Mädchen sonntags auf dem Zoppoter Seesteg, wenn die Kapelle der Schutzpolizei muntere Weisen spielte ... Mein erster Steinpilz ... Als wir Schüler hitzefrei hatten...Als meine Mandeln schon wieder entziindet waren... Als ich Fragen verschluckte...
Günter Grass. Beim Häuten der Zwiebel. Göttingen 2006. Steidl. S.8/9
Ein ganz anderer Titel kommt mir beim Lesen dieser Stelle in den Sinn: Der Schweizer Historiker Philipp Sarasin beschäftigt sich in einer seiner Publikationen mit einer ganz wesentlichen Frage der Geschichtswissenschaft - der Wahrheit der so genannten Fakten. Denn, so schreibt er, auch die sogenannten Fakten führen kein Eigenleben, jenseits von Kritik und Reflexion. Denn auch sie, haben ?immer schon Masken getragen, auf falsche Namen gehört und in erborgten Sprachen, neue Geschichten erzählt?.
Sarasin, Philipp: Geschichswissenschaft und Diskursanalyse. Frankfurt 2003. Suhrkamp. S.8.
Posted by dominik at 11:27 | Comments (0)
02.08.06
Baulärm im Tösstal
Im Tösstal wird gegenwärtig gebaut. Viel gebaut. Und das geht nicht ohne Lärm. ? Zum Beispiel 30 Meter vor unserem Haus gleich an der Tösstalstrasse. Da baut der Kanton am Strassenbelag. Zwei temporäre Rotlichter erzeugen Warteschlangen, Lärm und Abgase und irgendwo gibt?s eine ebenso temporäre Schwelle. Holterdipolter, je grösser das Auto desto grösser der Lärm, am meisten rumpelt es bei LKW's. Etwas weiter unten wird an einer monumentalen neuen Brücke über die Töss gearbeitet, sie soll einmal den altersschwachen Übergang bei der Au ersetzen. Sicher sinnvoll. Angesichts der umfangreichen Bauarbeiten frage ich mich aber: Musste das wirklich sein
STANDPUNKTE 6.August 2006
Baulärm im Tösstal
Aber um diesen Lärm geht?s mir eigentlich nur am Rande. Denn wir spüren noch einen ganz anderen Lärm. Vor einigen Monaten ? mitten in diesem langen Winter ? klingelt es an unserer Türe. Draussen steht ein Mann der triumphierend verkündet: So, jetzt ist dann Schluss mit Eurer Aussicht: Jetzt wird gebaut. Vierstöckig. Auf wiedersehen. Hoppla, haben wir gedacht. Und: Anstand ist die Tugend der Könige. Aber allzu ernst nahmen wir die Sache nicht, schliesslich hatten schon einige andere Bauherren zuvor ihr Glück auf diesem Grundstück versucht - mit Häusern aller Art. Kein Mensch wollte kaufen, kein Wunder, gleich an der lärmigen Strasse. Dann verkaufte der Besitzer das Land für 250 Franken den Quadratmeter. So konnte man es jedenfalls auf einem auffälligen Transparent lesen.
Vor zwei Wochen machten sich Bauarbeiter auf dem Nachbargrundstück zu schaffen. Und steckten einen riesigen Bau aus ? mit Türmen, die in den Himmel ragen. Mindestens aus unserer Sicht: Wenn der kommt ist tatsächlich nix mehr mit Sonne. Oder fast nix mehr. Die Arbeit muss anstrengend gewesen sein, so hohe Stangen hat hier wohl noch keiner gesehen. Und weil es so anstrengend war, pisste der Arbeiter zum Schluss noch in unseren Garten, äxgüsi, an den Gartenzaun. War ja niemand zuhause, so glaubte er, und überhaupt, fertig mit der Aussicht, also kann man auch an den Gartenzaun pissen.
Die hohen Stangen wiederum erinnern uns an andere Hochbauten im Dorf. An Michael Jackson, der als aufblasbare Gummipuppe oder so ähnlich eine Zeitlang das Hotel Rössli alias Hotel Ibiza verschönerte. Das sorgte für so viel Aufmerksamkeit, dass sich sogar ein japanisches Touristenpaar davor fotografieren liess. Ob die wussten, dass das Hotel Rössli alias Hotel Ibizia ein Bordell ist? ? Egal, das weiss zuhause in Japan auch keiner.
Ein anderer Hochbau in unserer Nachbarschaft ist ein überdimensioniertes Holzkreuz. Mich erinnert es immer an den Klu-Klux-Klan, besonders wenn es nachts erleuchtet ist.
Zurück zum Platz mit dem Baugespann. Vor nicht allzu langer Zeit war da mal eine Wiese mit einem blühenden Blumen- und Gemüsegarten drin. Dann kam das erste Bauprojekt: Garten und Blumen, von einem alten Mann über Jahre liebevoll gepflegt, wurden über Nacht platt gemacht. Wiese und Blumen verschwanden, der Humus wurde auf Lastwagen verladen und wegekarrt. Übrig blieb eine öde Kieslandschaft. Aber dann hatte Luigi mit seiner Taxi-Pizza.seinen Auftritt und sorgte für einen kleinen Höhepunkt auf dem tristen Kiesplatz. Sehr zum Vergnügen unserer Kinder, die ihr Sackgeld sofort in Pizzas investierten und uns damit erpressten. Wenn es nicht bald was zu futtern gibt bestell ich mir ein Pizza?.Luigi wollte bleiben, was ihm die Behörden nicht gestatteten und auch wir angesichts der zu erwartenden Begleiterscheinungen wie pissende Gäste (siehe oben) befürchteten. Kurzes Aufatmen war angesagt. Dann war wieder Ruhe. Im Herbst sammelte sich das Wasser auf dem Platz und im Winter gefror es. Und einmal fuhr nachts ein Auto in den Gartenzaun an der Tösstalstrasse und am nächsten Tag fragte die Polizei, ob jemand etwas gesehen hatte?.
Um die nächste Ecke bei unserem Haus war früher eine noch grössere Wiese mit einem mächtigen Kastanienbaum. Die Kastanien fielen im Herbst holterdipolter runter und landeten manchmal auf unserem Laternenparkplatz, sprich auf dem Auto, das jedes Jahr ein paar Dellen mehr hatte. Uns störten die Kastanien-Dellen nicht. Damit war dann vor einigen Jahren auch Schluss. Dafür gibt?s dort heute 32 Reihen-Einfamilienhäuser. Ach ja ? beim Bauen entstand fast keinen Lärm, weil schnell gebaut wurde. Auf ein solides Fundament aus Bauschutt. Darüber dann wieder Humus.
32 Reihen-Einfamilienhäuser: Verdichtetes Bauen. Auch vor unserer Nase, Sie wissen ja schon. Darüber haben wir wahrscheinlich auch mal abgestimmt. Viergeschossig, schliesslich macht das ja an der Strasse nix.
Ach ja, noch etwas: Ein viergeschossiger Riegel mit einem paar turmartigen Liftschächten vor der Nase hält den Lärm prima ab und sorgt im Sommer für kühlenden Schatten. Vielleicht sollten wir die Sache so sehen?.
Der Beitrag erschien im "Toessthaler" vom 2.August 2006
Posted by dominik at 21:54 | Comments (0)
