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22.07.06

Libanon-Krieg: Fassungslosigkeit

Zuerst war es Unverständnis, später Wut. Aber jetzt herrscht nur noch pure Fassungslosigkeit, angesichts der Gewalt mit der Israel den Libanon überzieht: Hunderte von Toten Zivilsten, über eine halbe Million Vertriebene und eine zerstörte Infrastruktur. Gedanken zum Krieg in Nahost

Was die einen als legitime Selbstverteidigung ansehen, gerät immer mehr zur zynischen Rechtfertigung eines zerstörerischen Feldzuges, dessen Bilanz reines Entsetzen erzeugt. Angesichts dessen erscheint der Leitartikel in der Neue Zürcher Zeitung vom Samstag 22.Juli nur noch zynisch. Politische Analyse losgelöst von humanen (nicht humanitären) Überlegungen - kann es so etwas überhaupt geben?

"Irgendwann entzieht sich jeder Krieg dem Verständnis einer breiteren Öffentlichkeit. Die Empörung über die steigende Zahl ziviler Opfer, über die Zerstörung lebensnotwendiger Infrastruktur und über die Vernichtung zivilisatorischer Errungenschaften verdrängt die Fähigkeit und die Bereitschaft, die Mechanismen militärischen Handelns noch «zu verstehen». Die Komplexität eines Konfliktes wird auf einfache Formeln reduziert: Wer ist stärker, wer schwächer, wer leidet mehr, wer weniger? Emotionen ersetzen Objektivität. So werden aus Opfern plötzlich auch Täter, aus Verteidigern Aggressoren, das tragische Einzelschicksal wird zum Massstab für die Verhältnismässigkeit der Handelnden.

Zwei Überlegungen drängen sich für mich auf: Mittlerweile hat wohl jeder begriffen, dass der Konflikt im Nahen Osten mit den traditionellen Kriterien nur noch sehr schwer gefasst werden kann. Hier geht es um einen assymmetrischen Konflikt: Auf der einen Seite eine hochgerüstete Armee, die mit allem kämpft, was mit Geld und den USA beschafft werden kann. Auf der anderen Seite eine Guerilla und schliesslich die vom Iran unterstzte Hisbullah, die nur darauf wartet, zuschlagen zu können und jede sich bietende Gelegenheit ausnutzt.

Die grösste Bedrohung für die Sicherheit Westeuropas stellt heute der Terrorismus dar - und Konflikte wie der heutig liefern die besten Argumente für die Rekrutierung neuer Selbstmordattentäter. Das nächste 9/11 kommt bestimmt - nur wird es dann zu spät sein.

Welche Perspektiven gibt es für die Region? - Wer die heutigen Entwicklungen verfolgt kommt zu düsteren Erkenntnissen. Was wird sein, wenn die Hisbullah-Raketen nicht mehr nur Nadelstiche sind, sondern effektive, tödliche Massenvernichtungswaffen? - Wie wird Israel dann zurückschlagen? - Man wagt sich die Folgen nicht vorzustellen. Nahost in Flammen? - Ist das die Zukunft? - Es gibt im Moment nichts was darauf hindeutet, dass es eine andere Perspektive gibt.

Die westlichen Staaten und mit Blick auf den Erdölpreis auch die USA müssten eigentlich alles Interesse haben, das Grundübel des Konfliktes zu lösen: Das Palästinenserproblem. Denn solange es keine gerechte Lösung für die Palästinenser gibt, gibt es im Nahen Osten keinen Frieden.

Ein weiterer Eintrag zum Thema

Posted by dominik at 21:56 | Comments (0)

HOME MADE Workshop in Romainmotier

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HOME MADE SOUND ELECTRONICS - heisst der Titel unseres zweijährigen Projekts. Heute am 22.Juli ging der Sommerworkshop im Gästheaus des Klosters von Romainmôtier zu Ende. Das Bild, das hier zu sehen ist, zeigt einen der vielen "Sonnensänger", eine Konstruktion des Tübingers Uwe Schüler.

Die Resultate der Woche wurde am Samstagnachmittag gezeigt - noch mehr Bilder davon gibts auf dieser Foto-Galerie.

Posted by dominik at 20:52 | Comments (0)

16.07.06

Libanon vor einem Bürgerkrieg - und die Welt schaut zu

Auge um Auge, Zahn um Zahn - das scheint gegenwärtig die Währung im Nahen Osten zu sein. Unerträglich die Nachrichten, die Bilder und unerträglich die Arroganz Israels. Aber: Who cares. Man zahlt die steigenden Benzinpreise, der Rest ist weit weg und schliesslich ist man sich aus dieser Weltregion seit Jahrzehnten nichts Anderes gewohnt.

Auch die Classe Politique ist nicht sonderlich beunruhigt. Zwar gab die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey eine eindeutige Stellungnahme ab, sehr zum Missfallen jüdischer Kreise in der Schweiz - aber sonst? - WM, Sommerferien und Party scheinen wichtiger zu sein. Überhaupt: Die 70er Jahre waren zwar kulturelle weitgehend eine Einöde, dafür spielte Politik eine Hauptrolle. Nicht so heute: Dank munter sprudelnden Kulturgeldern und ebensolchen aus dem Verkauf von Alkoholika stammenden Party-Einnahmen ist Fun+Party+vielleicht noch ein Häppchen Gegenwartskunst wichtiger als Politik und der Nahe Osten ist weit weg.

Immerhin rücken die beiden grossen Zeitungen NZZ und Tages-Anzeiger die Dinge ins richtige Licht. Die"NZZ am Sonntag: "Geduldige Geheimdiplomatie mit dem Ziel des Gefangenenaustausches wäre hier wohl erfolgsversprechender. Als gänzlich unverhältnismässig erscheinen die Bombardierungen im libanesischen Kernland".

Roger de Weck bemüht in seinem Kommentar in der heutigen SonntagsZeitung das US Handbuch für den Kampf gegen Aufständische. Sogar dieses Handbuch kommt - man staunt - zum Schluss, dass die zivile Bevölkerung in einem Konfliktfall zu schützen sei. Nicht etwa weil die Genfer Konventionen dies wollen, sondern ganz einfach, weil zivile Opfer Motivation zu neuen Kämpfen liefern würden. Und dann:

"Israel macht das Gegenteil. Es verfolgt faktisch eine Verelendungsstrategie. Nie entwarf es einen Marshall-Plan, um die palästinensische Wirtschaft aufzurichten und eine Mitttelschicht zu errichten...Stattdessen erfahren Händler und Bauern Schikanen ohne Ende. Im Gazastreifen, den Israel bewusst dem Chaos überliess, zerstör es die von Europa finanzierte Infrastruktur....Israel will sich behaupten, indem es sich noch mehr Feinde macht. "

So ist es. Die Gewaltspirale dreht sich weiter. Und Israel-kritiker in der Schweiz und anderswo müssen sich weiterhin gefallen lassen, als Antisemiten abgestempelt zu werden. Das geht nicht. Israel ist ein Staat wie jeder andere auch. Und diesem Staat muss gegenwärtig Einhalt in seinem Tun geboten werden. Denn im Nahen Osten steht mehr auf dem Spiel: Mit einer Konfrontation mit Syrien und dem Iran - gegenwärtig durchaus mögliche Szenarien - wäre keinem gedient. Den Zivlisten am wenigsten. Übrigens auch der israelischen Bevölkerung.

Posted by dominik at 21:22 | Comments (1)

Enigma-Simulation an der Hyperkult-Tagung

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Die Chiffriermaschien Enigma wird seit vielen Jahren nicht nur diskutiert, beschrieben, gesammelt und analysiert - sondern auch simuliert und zwar auf die verschiedensten Arten. Ich hatte an der Hyperkult-Tagung von Lüneburg vom 13.-15.Juli 2006 Gelegenheit meine Gedanken zu diesem Thema vorzutragen - der Vortrag ist als Videostream auf der Tagungs-Site wiedergegeben.

Die Tagungs-Fragen waren auch die Leitfragen für das Enigma-Referat.

In welcher Weise verändert der Computer als universelle Simulationsmaschine das Wissen und die Erkenntnisweisen der Wissenschaften? In welcher Weise verändert die Simulation das Verhältnis von Kunst und Wissenschaft?

Die These meines Enigma-Referates lautete:In der Welt der Simulationen geht es nicht nur um das Verständnis der kryptografischen Mechanismen und Algorithmen sondern um die Konstruktion einer Wirklichkeit - um die Fiktion eines sauberen Krieges, bestimmt von einem komplizierten, aber letztlich berechenbaren Räderwerk von Maschinen.

Mein Referat unter dem Titel "Re-Encating Enigma" lässt sich als Videostream auf dem Netz anschauen oder herunterladen

Hier gehts zur Tagungs-Site und hier direkt >zum Video-Stream


Hier schiesslich gibt es ein Abstract meines Referates

Weitere Texte und Hinweise zum Thema Enigma gibt es unter www.peshawar.ch/research

Posted by dominik at 07:45 | Comments (0)

04.07.06

Israel und die Palästinenser:

Israel macht in diesen Tagen mit einer Reihe von militärischen Aktionen gegen die Zivilbevölkerung in den besetzten Gebieten von sich reden: Politiker werden in Massenverhaftungen eingesackt, zivile Ziele beschossen, die Stromversorgung für 600 000 Menschen zerstört. Auslöser der jüngsten Aktionen war die Entführung eines israelischen Soldaten und die damit verbundenen Forderungen nach einem Gefangenenaustausch, den Israel kategorisch ablehnt.

Die Nachrichten aus Israel haben in diesen Tagen ? einmal mehr ? einen Grad von Unerträglichkeit erreicht, der schwer zu überbieten ist. Israel rächt die Entführung eines Soldaten und hält sich an der palästeninenschen Zivilbevölkerung schadlos, um damit den Druck auf die Regierung zu erhöhen. Das ist ein krasser Verstoss gegen das humanitäre Völkerrecht und mehr noch, es ist ein Verhalten, das aus moralischer Sicht als verabscheuungswürdig bezeichnet werden muss. Es erinnert an dunkelste Zeiten unserer Geschichten. "Auf daß die Verfolgten nicht Verfolger werden", hatte die die Nobelpreisträgerin Nelly Sachs in einem ihrer Gedichte in den 60er Jahren geschrieben ? die Beschwörung ist längst Realität geworden.

Viele Angehörige der jüdischen Gemeinschaft in der Schweiz kritisieren die Berichterstattung über den Konflikt als einseitig. Ich teile diese Einschätzung nicht und möchte ihnen zu bedenken geben: Diesmal steht Israel auf der Seite der Stärkeren, politisch, militärisch und wirtschaftlich unterstützt von der Weltmacht USA, deren Nahostpolitik gerade in den letzten Jahren so viel Leid in die Region gebracht hat.

Wie weiter: Warum nicht nachgeben ? warum keinen Austausch? ? In diesem Konflikt kämpfen junge Männer gegeneinander, die genau betrachtet eigentlich noch Kinder sind. Sie haben etwas besseres verdient ? auch Politiker hüben und drüben, die nicht nur das Brett ihrer stumpfen Ideologie vor dem Kopf haben. Wer selber Kinder in diesem Alter hat kann diese sinnlose Schlächterei nicht ansehen. Wahrlich, wir leben in düsteren Zeiten?

Ich gehöre zu jener Generation, denen in den 70er Jahren Respekt, ja Begeisterung für den jungen Staat Israel eingepflanzt wurde. Beide sind längst verflogen und haben einem andauernden Kopfschütteln Platz gemacht, das immer mehr in Unverständnis und Wut umschlägt.

Es ist noch nicht lange her, da sind Schweizer Politiker und Militärs nach Israel gepilgert ? mit jeweils den verschiedensten Gründen. Die abstruseste derartige Mission, die mir zu Ohren kam, absolvierte ein Informationsspezialist der Armee, der sich vor Ort über die Bedeutung des Radios zur Information der Bevölkerung in ausserordentlichen Lagen briefen liess. Es wäre an der Zeit, unsere Politiker und Militärs wieder zu Reisen dorthin zu motivieren: Als Menschenrechtsbeobachter, eingeladen oder nicht eingeladen, erwünscht oder unerwünscht. Ich wünsche mir, dass unser Land eine aktivere Rolle übernimmt.

Posted by dominik at 22:02 | Comments (0)