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13.11.05

Gedanken über fotografischen Realismus

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DRI ist ein neues Schlagwort im Bereich der digitalen Fotografie. Ein einfaches Verfahren, das hyper-realistische Bilder ermöglicht. Einmal mehr Anlass für die Frage, was denn aus einem dokumentarischen Verständnis von Fotografie "erlaubt" ist.

DRI steht für "digital range increase" - gemeint ist damit ein Verfahren, welches den Kontrastumfang eines Digitalbildes vergrössert. Denn harte Kontraste sind der Feind der digitalen Bilder. Das Verfahren besteht vereinfacht gesagt darin, dass Bilder, die mit verschiedenen Einstellungen "übereinandergelegt" werden. Dabei wird für jeder Bereich der Fotografie mit der optimalen Belichtung wieder gegeben.

DRI ist Art Fotomontage. Das so entstandene Foto gibt aber seinen Montage-Charakter mindestens einem ungeübten Auge nicht preis. Und dies weckt die alte Frage, ob denn ein derartig entstandenes Foto noch "realistisch" sei. Gefragt wird mitunter, ob dieses Verfahren aus dokumentarischer Sicht "erlaubt" sei und verwiesen wird immer wieder auf die manipulativen Eingriffe in die Bilder etwa der sowjetischen Geschichte.

Die Diskussion ist interessant. Sie zeugt von einem Verständnis der FOtografie, die meiner Ansicht nach völlig falsch ist. Fotografie wird hier verstanden als getreues Abbild der Wirklichkeit. Dieser naive Realismus ist aber falsch und unhistorisch. Ein Foto ist genau so ein Artefakt wie ein gemaltes Bild. Ein Konstrukt und zwar lange bevor irgendwelche Eingriffe am Bild selber vorgenommen werden.

Als (Amateur) Fotograf bin ich immer wieder mit der Frage konfrontiert: Wie will ich etwas darstellen. Ich vermeide bewusst den Begriff "abbilden", denn meine Abbildung ist immer schon eine Darstellung. Ein einfaches Beispiel: Ich habe im rumänischen Tirgu Mures eine alte Ziegelei fotografiert. Die Ziegelei hat eine schreckliche Vergangeneheit: Sie war nämlich der Sammelplatz für die Juden aus jener Gegend, die noch spät im Jahre 1944 nach Auschwitz deportiert wurden. Natürlich ist davon heute nichts mehr zu sehen, es gibt auch keinen Gedenkstein, nicht einmal eine Tafel, die darauf hinweist. Ich habe das Problem ganz einfach gelöst, indem ich ein Stück Stacheldraht der Umzäunung mit ins Bild gerückt habe. Nun hat das Foto plötzlich einen Symbolwert. Man weiss zwar nicht, was hier passiert ist, aber man ahnt es...

Ein anderer Gedanke: Es mag heute eine gewisse Einigkeit über den Kunstcharakter der Fotografie geben. Dennoch wäre es interessant den anderen Diskurs einmal genau zu verfolgen und zu analysieren: Fotografie als Realität...

Erklärungen zum DRI finden sich unter anderem auf der Seite von www.digitalkamera.de

Posted by dominik at 11:15 | Comments (0)

06.11.05

Warum lesen wir - oder was ist Bildung

Was ist Bildung? - Ein kluger Aufsatz in der NZZ am Sonntag vom 6.November aus der Feder des Philosophen Peter Bieri versucht eine Antwort. Und ich erlaube mir ein längeres Zitat zum Thema Lesen zu übernehmen...

Der Gebildete, so Peter Bieri, ist ein Leser. Das Lesen allein reicht nicht. Denn Lesen muss mehr als Zeitvertreib, Ansammeln von Informationen sein, "sondern als etwas, das innere Veränderung und Erweiterung bedeuten kann, die handlungswirksam wird".

Und weiter:

Der Leser von Sachbüchern hat einen Chor von Stimmen im Kopf, wenn er nach dem richtigen Urteil in einer Sache sucht. Er ist nicht mehr allein. Und es geschieht etwas mit ihm, wenn er Voltaire, Freud, Bultmann oder Darwin liest. Er sieht die Welt danach anders, kann anders, differenzierter darüber reden und mehr Zusammenhänge erkennen.

Der Leser von Literatur lernt noch etwas anderes: wie man über das Denken, Wollen und Fühlen von Menschen sprechen kann. Er lernt die Sprache der Seele. Er lernt, dass man derselben Sache gegenüber anders empfinden kann, als er es gewohnt ist. Andere Liebe, anderer Hass. Er lernt neue Wörter und neue Metaphern für seelisches Geschehen. Er kann, weil sein Wortschatz, sein begriffliches Repertoire, grösser geworden ist, nun nuancierter über sein Erleben reden, und das wiederum ermöglicht ihm, differenzierter zu empfinden."

Und Bildung schliesst eine weitere Dimension von Glück auf: die gesteigerte Erfahrung von Gegenwart beim Lesen von Poesie, beim Betrachten von Gemälden, beim Hören von Musik. Die Leuchtkraft von Worten, Bildern und Melodien erschliesst sich nur demjenigen ganz, der ihren Ort in dem vielschichtigen Gewebe aus menschlicher Aktivität kennt, das wir Kultur nennen. Niemand, der die Dichte solcher Augenblicke kennt, wird Bildung mit Ausbildung verwechseln und davon faseln, dass es bei Bildung darum gehe, uns "fit für die Zukunft" zu machen.


Quelle:
NZZ am Sonntag. 6.November 2005

Posted by dominik at 17:20 | Comments (0)

Im Sturzflug zum Mond

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Wer kennt schon die Namen der Mondtopografie - der Krater, der Berge, der trockenen Ozeane. Auf der Vorderseite - und auf der abgewandten Seite des Mondes? - Ich jedenfalls nicht, aber das könnte sich bald ändern.

Grund dafür ist eine neue Software: Mit ihr rücken wir dem Traum vom Flug auf den Mond für Jedermann ein Stück näher. Entwickelt hat das Programm die Nasa und natürlich hab ich es gleich ausprobiert. Runterladen, installieren und los gehts. Weil ich nur einen einzigen Ort kenne, hab ich gleich den angesteuert: Das Mare Tranquilitatis. Dort wo Neil Armstrong und Buzz Aldrin am 20.Juli 1969 den ersten Mondspaziergang gemacht hatten...

Download der Software, die den klangvollen, romantischen Titel: Worldwind trägt - und übrigens ähnliche Flüge auch auf den blauen Planeten zulässt, ganz ähnlich wie Google Earth...

Posted by dominik at 16:30 | Comments (0)

02.11.05

Das Internet - eine grosse Erzählung, ein Mythos

Welches sind denn die wichtigsten technologischen Trends und Entwicklungen der nächsten Jahre? Gibts eine Antwort auf diese Frage, die nicht banal ist?

Man kann die Frage ganz einfach beantworten und jede Technologie-Zeitschrift, die etwas auf sich hält, wird einige Antworten bereit halten. Man könnte aber auch anders fragen: Internet und Digitaltechnik sind nicht nur Technologien, sondern auch grosse Mythen der Gegenwart. Grosse Geschichten, die immer wieder erzählt und weiter gesponnen werden. So gesehen könnte man sich fragen: Was wird denn da genau für eine Geschichte erzählt? Im Rückblick - im Bezug auf die Gegenwart und auch auf die Zukunft.

Zu den anregendsten Texten, die ich in den letzten Jahren gelesen habe, gehören jene des Literatur- und Kulturwissenschafters Bernhard Debatin:

"Das Internet dient als Projektionsfläche für alle möglichen politischen, wirtschaftlichen, sozialen, kulturellen und individuellen Wünsche und Ängste. "

In: Metaphern und Mythen des Internet.
http://www.uni-leipzig.de/~debatin/German/NetMet.htm

Und weiter müsste gefragt werden: Welche Sprache wird dabei verwendet, welche Metaphern benutzt und ganz besonders, welche impliziten Annahmen werden getroffen.

Ein Beispiel dafür ist die Idee des digitalen Grabens, des vielzitierten Digital Divide. Es wird impliziert, dass es einen solchen Graben gibt und dass nur jene, die diesseits des Grabens sind, den Anschluss an die Gesellschaft von morgen finden werden. Das wiederum dient dann als Herleitung einer Reihe von kompensatorischen Massnahmen, die in irgendeiner Form mit Computer Literacy zu tun haben...und natürlich entsprechende Aktionen auslösen.

Der Gedanke sei hier abgeschlossen: Ich denke, es ist ein lohnendes Unterfangen, diesen grossen und kleinen Erzählungen der Gegenwart nachzugehen. Tut man es, dann erscheint die Rede über Computer, Technologie und Internet als etwas Anderes, als ein Diskurs im Sinn von Michel Foucault.

Der Journalist, dem ich dies heute morgen erzählte - er fragte mich nach den Trends der nächsten Jahre - war von dieser Antwort etwas überrascht...

Posted by dominik at 20:02 | Comments (0)