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27.06.05

Pop und Pop-Förderung

Was ist Pop und warum soll er gefördert werden? ? Zunächst zum ersten Teil: Was ist Pop? - Die Beantwortung dieser Frage kann nicht schwer fallen. Mögliche Antworten und seien es auch nur Assoziationen sind schnell zur Hand. Attribute wie wild, laut und schrill drängen sich auf, gewiss Popkultur als "popular culture? ist jene ?low culture?, die sich eben von der Hochkultur abhebt und auch provokativ unterscheidet.

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Beim Suchen nach weiteren bestimmenden Begriffen stellt sich allerdings eine gewisse Unsicherheit ein. Es will nämlich scheinen, dass eine Bestimmung zwar zutrifft, deren Gegenteil aber eben auch. So geht es beispielsweise mit dem Begriff ?Authentizität?. Pop schafft Authentizität ? und inszeniert die Künstlichkeit. Ganz ähnlich ergeht es einem mit dem Begriffspaar Identität ? Anonymität, mit den Paaren kommerziell ? nicht kommerziell und ganz sicher auch mit dem Begriffspaar lokal ? global.

Ein Beispiel für diese Widersprüchlichkeit und den Spannungsbogen: Erotik und Sex scheinen seit jeher eng zu Pop und Popmusik zu gehören. Die Saat der Liebesbotschaft ?all you need is love? der Beatles ist aufgegangen ? kein Pop ohne Erotik ? in jeder Schattierung, je nach Musikgeschmack: Währenddem das Zelebrieren des Körpers als Lustfetisch bei der alljährlich stattfinden Street Parade danke massiver Präsenz von lebensfrohen und extrovertierten männlichen Homosexuellen gerade noch knapp als geschlechterneutral durchgehen kann, ist die Stossrichtung für bei der Werbung für Technoparties eindeutig. Geworben wird unverhohlen mit halb- und dreiviertelnackten Frauen: Die Frau als Lustobjekt steht im Zentrum, von selbstbestimmter Erotik ist da nicht mehr viel zu spüren.

Und gänzlich pervertiert werden die einstigen Ansprüche von erotischer Selbstverwirklichung und Geschlechtergleichheit dann in der Machokultur des HipHop: ?Diese Nutte kannst Du haben?, rappt etwa der US Hip-Hop Star 50 Cent im Megahit ?P.i.m.p? und die Partybeilage der Gratiszeitung ?20Minuten? klärt uns auf: ?Ein Pimp ist ein Zuhälter und keine Beleidigung, sondern Anerkennung und fester Bestandteil des Hip-Hop Lebensstils. Dazu gehören fette Autos, ausladender Schmuck und vor allem dekorative Bitches?. So ganz neu kommt einem das dann doch nicht vor ? gehören Groupies als jederzeit verfügbare Gespielinnen doch seit jeher zur gerne gezeigten Ausstattung der Popstars. Doch auch für das eben zitierte Partymagazin sprengen die Allüren der Macho-Hopper den bisher gekannten Rahmen. ?Noch nie wurden Potenz und Selbstüberschätzung so zelebriert wie in der amerikanischen Hip-Hop-Kultur.

Das ist wohl nicht nach jedermanns Gusto ? und damit wären wir wieder bei der immanenten Widersprüchlichkeit der Popkultur, auch und schon gar nicht innerhalb der Szene: ?Hip-Hop stand ursprünglich für gegenseitigen Respekt und Non-Kommerz?, erklärt etwa der Schweizer Hip-Hop-Spezialist Claude Hunkeler. Nur tönt seine Erklärung schon wieder beunruhigend naiv: ?Wenn ein Jugendlicher auf einmal fünf Millionen auf dem Konto hat, während sein Vater noch für sieben Dollar in der Stunde schuftet, ist es verständlich, dass der Junge durchdreht?. Ist es stattdessen nicht so, dass der Machismus der amerikanischen Hip-Hop-Kultur die Prüderie der amerikanischen Alltagskultur mit solchen Sprüchen ad absurdum führt...

Man beginnt es zu ahnen: Könnte es sein, dass gerade diese Spannungen zum Pop gehören? ? Vielleicht gibt es in vielen Fällen gar kein Entweder-Oder. Sondern nur ein Sowohl-Als-Auch. Weiter noch: Möglicherweise lässt sich nicht einmal klären, ob jetzt das Prinzip des Ausschlusses, also das Entweder-Oder ? oder jenes des Einschlusses, also das Sowohl-Als-Auch gilt.

Spannungsfeld, Widersprüchlichkeit, enorme kommerzielle Verfügbarkeit und ein grosses ?anything goes? ? sind offenbar Kennzeichen der gegenwärtigen Popkultur. Alle der genannten Eigenschaften treffen aber auch auf den Kulturbetrieb abseits von Pop zu. Selten zuvor war die Vielfalt der kulturellen Aktivitäten grösser und Orientierung darin schwerer. Der Musikwissenschafter Roman Brodbeck sieht hier historische Chancen und postuliert dafür, die Vielfalt zu nutzen und zu geniessen statt die vermeintliche Beliebigkeit zu kritisieren. Denn am Ende einer solchen Kritik steht doch nichts anderes als eine normative Beschränkung: Das ist Kunst ? jenes nicht.

Auch hier schadet etwas Geschichte nicht. Die künstlerische Freiheit, wie wir sie heute erleben, war durchaus nicht immer da. Im SPIEGEL 24/2005 räsonniert Cordt Schnibben über die 68er, deren Erungenschaften er mit dem Ende von Rot-Grün bedroht sieht. Der Autor beschwört das kulturelle Klima Mitte der 60er Jahre ? ?in einem Land, in dem das Gitarrespielen an einem Münchner Brunnen ausreichte, um einen Polizeiaufmarsch auszulösen; in den Eltern wegen Kuppelei angezeigt werden konnten, wenn ihre Tochter mit ihrem Freund zusammen im Haus übernachtete; In dem sich die Fernsehansagerin bei allen Zuschauern entschuldigte, als sie die erste Sendung ?nur für junge Leute? ankündigte, den ?Beat-Club? mitten in einem Land, in dem man Piratensender aus Holland hören musste, wenn man abends im Radio englische Popmusik hören wollte; in dem Demonstrationen für die FAZ als das ?dümmste und vergeblichste Mittel politischer Betätigung? galten; In dem man sich verdächtig machte, wenn man Marx las oder etwas gegen die USA sagte; in dem man eingesperrt war in die nationalstaatliche Korrektheit und ein paar hundert Regeln ? Sitz gerade!, Geh zum Friseur!, Mach die Negermusik leiser!, Geh zur Tanzstunde!, Wasch den Wagen!,?

Pop Kultur fördern?

Pop Kultur muss nicht gefördert werden ? im Gegenteil: Mit Förderung wird sie zerstört....diese Forderung wird gelegentlich laut. Sie ist meines Erachtens falsch.

Pop Kultur wurzelt in der Jugendkultur der 60er und 70er Jahre ? und wird oft mit dem Begriff Gegenkultur in Verbindung gebracht. Dahinter sind zwei Momente: Jugendkultur als Ausdruck von adoleszentem Willen zur Selbstbestimmung ist bis zu einem gewissen Grad immer eine Gegenkultur ? eine Kultur, die sich nicht durch ihre Inhalte definiert sondern durch ihr Anderssein von der Mainstream-Kultur. Auf der anderen Seite brachten die 60er und 70er Jahre eben durch die 68er Bewegung eine besonders kraftvolle und eigenständige Jugend-Kultur hervor. Ein Blick auf die sogenannte Halbstarken-Bewegung zeigt aber, dass sich schon die Jugendkultur zuvor durchaus provokativ von der herrschenden Mehrheitskultur abgegrenzt hat.

Die Begriffe Popkultur und Gegenkultur mögen einmal deckungsgleich gewesen sein ? sie sind es heute nicht mehr. Oder klarer: Popkultur ist keine Gegenkultur mehr. Wenn Papa Bob Dylan hört, Mama Santana, die Tochter DJ Bobo und der Sohn Metallica dann heisst das nichts anderes, als dass die ganze Familie glücklich im Schoss der Popkultur gelandet ist. Ironie des Schicksals: So klein die Unterschiede zwischen den Stilen aus musikwissenschaftlicher Perspektive sein mögen, so gross sind sie aus der Sicht einer identitätsbildenden Jugendkultur...

Zwei Tendenzen dürften dafür verantwortlich sein: Zum ersten die Tatsache, dass sich mit Popkultur Geld verdienen lässt. Die Tendenz, ja der Zwang zur Kommerzialisierung jeglicher neuer Strömungen ist übermächtig ? for the good and the bad. Gleichzeitig ist aber auch etwas Anderes passiert: Westeuropa und die USA haben im Gefolge der 68er eine Kulturrevolution erlebt. Popkultur und Popmusik sind gewissermassen salonfähig geworden. Man mag bedauern, dass sie im Gefolge dieser Entwicklung einen Teil ihres Protestpotentials eingebüsst haben ? aber es ist nun mal so.

Popkultur ist heute Teil der Alltags- und Massenkultur. Mit ihrer Vielfalt und ihren kreativen und innovativen Nischen bietet sie vielen Heranwachsenden identitätsbildende Räume. Deshalb verdient Popkultur Förderung.
Popkulturförderung bewegt sich aber auf einem dünnen Eis: Sie wird sich davor hüten müssen, zum reinen Steigbügelhalter der Kommerzialisierung zu werden ganz nach dem Motto: Toll wenn ihr was macht, egal was... Wo liegt denn die Abgrenzung? ? Hier wird eine pragmatische Haltung obsiegen müssen: Ein professionell verstandenes Coaching würde beispielsweise einer Band ermöglichen, ihren wirklich eigenen Ausdruck für vorhandenes Talent zu finden, egal in welche stilistische Richtung es gehen mag.

Andererseits würde es sich wohl lohnen, den vielgeschmähten Begriff der Kommerzialisierung genauer anzusehen. Hinter seiner Schmähung steckt allzu oft eine Haltung, in der Erfolg und künstlerischer Wert sich wechselseitig ausschliessen: Was künstlerisch wertvoll ist, kann kommerziell kein Erfolg sein.

Schlussthesen:

· Die Popkultur wurzelt in der Gegenkultur der 60er und 70er Jahre. Heute ist sie allerdings längst Teil einer Mainstream-und Massenkultur geworden.

· Aber auch heute lebt die Popkultur und ?Musik zu einem guten Teil von ihren Widersprüchen. Innovation kommt allerdings nicht vom Mainstream sondern von Nischen und Rändern. Allerdings fahnden nicht nur die Kulturförderer von Popkredit und Kulturprozent nach diesen innovativen Nischen...

· Popkultur ist ein wichtiger Teil der kulturellen Äusserungen von Heranwachsenden ? und nicht nur von ihnen...Eine Förderung dieser Kultur ist ein Teil der Anerkennung dieser kulturellen Äusserungen.

· Wer die Förderung von Popmusik mit dem Hinweis auf deren kommerziellen Charakter kritisiert, bekräftigt eine Haltung in der künstlerischer Wert und kommerzieller Erfolg sich ausschliessen. Eine wenig zeitgemässe Haltung...

Zürich und Kollbrunn, 27.Juli 2005

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Posted by dominik at 23:04 | Comments (0)

KFP Meetings

Wir besuchten 1997/98 eine 15 Monate währende Ausbildungsveranstaltung - und seither treffen wir uns jedes Jahr einmal. Keine Frage: So entstehen Traditionen - neue Erlebnisse und alte Erinnerungen werden aufgefrischt. Das Treffen 2005 fand am Freitag 22.Juni in Volketswil statt - verbunden mit einer Besichtigung der Jowa-Bäckerei.

2003 gings an den Genfersee - im Jahr 2000 zum Golfspiel in die Innerschweiz.

Posted by dominik at 17:45 | Comments (0)

11.06.05

Die Zukunft des Internet

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Fragt ein Journalist vor einigen Tagen, wie ich die Zukunft des Internets beurteile. Anlass für einige grundsätzliche Überlegungen.

Soll man ganz weit ausholen und antworten: Ja, natürlich, enorm. Oder ganz nah denken? - Ich habe für letzteres entschieden: Das Internet hat mein Leben weniger verändert, als ich auf den ersten Blick denke. Ich muss am Morgen aufstehen, Zeitung holen, Frühstück machen, Kinder wecken und in die Schule schicken, dann auf den Zug gehen, Sitzungen machen, leiten, Papiere schreiben, mich ärgern oder freuen, Aktivitäten vorbereiten, kürzere und längere Reisen unernehmen, Dinge ansehen, Leute treffen, Berichte, Papiere, Protokolle schreiben, Papier, Papier, Papier....

Aber dann eine andere Überlegung: Ich habe 1979 meine ersten Gehversuche im Journalistmus gemacht und ab 1980 fürs Radio gearbeitet. Das kleine Bild oben stammt aus jender Zeit - und hier gibts eine ganze Sammlung von Bildern von damals....

Die wichtigsten Arbeitsintrumente waren: Telefon, Telefonverzeichnis (Amtsbücher, Telefonbücher), eine mechanische Hermes Schreibmaschine und als begehrtes High-Tech Gadget ein Sucher, wie man sie damals in Spitälern verwendete. Das Handy war zwar erfunden, nur hiess es damals Autotelefon und war alles andere als handlich sondern sperrig und teuer und erlaubten nur Gespräche von einer Maximallänge von drei Minuten. Auch der Computer war erfunden aber den PC gabs noch nicht....

Es stimmt wohl, die Arbeit hat sich verändert. Der Alltag der Kommunikation hat sich verändert. Enorm und grundlegend. Unvergessen der Moment und die ungläubige Begeisterung, als ich zum ersten Mal online einen Bibliothekskatalog einsehen konnte. Keine Frage: Meine grenzenlose Neugier wird jeden Tag aufs neue genährt und nie gestillt, denn je grösser die Versuchungen sind, desto grösser die Gefahr darin zu verweilen....ich fresse mich täglich durch einen Zuckerberg und kann nie davon satt werden...

Der Alltag selber? Es ist wohl auch eine Frage der Wahrnehmung. Was ist in meinem Leben wirklich wichtig? Aus dieser Sicht hat sich mein Alltag nicht verändert. Wichtig sind: Beziehungen, Familie, Kinder, Gesundheit...

Und wieder die Provokation: Das Internet ist eine grosse Geschichte. Wir reden unentwegt darüber, lesen darüber, hören uns Geschichten an, werten jede auch noch so nutzlose Erfindung als grossen Fortschritt und kaufen, kaufen, kaufen. Immer wieder überlege ich: Wie klein wäre mein Verlust und wie gross der Gewinn in Bezug auf Zeit und Geld, wenn ich aus Prinzip immer nur das zweit, dritt oder viertneuste benutzen würde....

Internet und Digitalisierung: Eine grosse Verheissung. Und grosse Verheissungen können selten eingelöst werden: Die Verheissungen der Luftfahrt und Raketentechnik ausgedrückt in diesen wunderbaren, farbigen Science-Fiction Bildern wo die Häuserschluchten mit Miniaturflugzeugen gefüllt sind. Die Verheissungend er Atomenergie: Unendlich viel Energie zum Nulltarif. Und nun die Verheissungen des Internets: Unendliches Wissen, totale Konnektivität...geradezu religiöse Ideen.

Wunderbar deshalb auch einmal mehr Jochen Hörisch zu lesen. In seinem Aufsatz "Das Heilsversprechen der neuen Medien" etwa lesen wir: "Das Heilsversprechen der neuen Medien lautet nicht länger, dass wir in ferner oder näherer Zukunft dieser oder jener Erlösungserfahrung teilhaftig werden können - sondern vielmehr, dass eben hier und jetzt eine Kommunikation statthatt, die die Grenze zur Kommunion überschreitet" Und weiter

"...die neuen Medien sind, rein technologisch betrachtet, rein, leicht und schwerelos. Säße Luther auf der Wartburg an der Workstation, um die Bibel zu übersetzen, so hätte er kein Tintenfaß in Reichweite, um es auf den Teufel zu werfen, zu dessen Aufgaben es bekanntlich gehört, für Druckfehler zu sorgen. Siehe, die neuen Medien machen alles neu. Sie befreien uns von den schmutzigen Aspekten, die die traditionellen Medienströme kennzeichneten ? von der Druckerschwärze, vom eucharistischen Blutstrom und auch von der anrüchigen Materialität des pecunia-olet-Geldstroms. Die neuen Kommunikationsverhältnisse sind immateriell. Pixel sind weitgehend frei von Erdenschwere. Ton- und Lichtschwingungen tragen zur Leichtigkeit des Seins entschieden bei. Wir lösen uns zusehends vom Erdenrest. Ob wir damit auch erlöst sind, steht auf einem anderen Blatt. Vielleicht müssen wir nur dran glauben. Wir werden, da das Medium die Botschaft ist, alle dran glauben müssen.

"Das Internet ist eine gute Story". Interview von Thomas Nötting mit Dominik Landwehr. in: Werben & Verkaufen. Innovation 3/2005. S.34

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Jochen Hörisch: Die Heilsversprechen der neuen Medien. In: Ders.: Gott, Geld Medien. Frankfurt 2004. Edition Suhrkamp 2363.

Der Text von Hörisch basiert auf einer Rede, die er am 17.Juni 1999 am Deutschen Kirchentag gehalten hat und der Text ist - oh Wunder - auch integral online zu finden.


Posted by dominik at 16:19

03.06.05

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Posted by dominik at 22:57 | Comments (2)